https://www.faz.net/-gpf-6l5pn

Pfarrer Ralf Meister : Der Kirchenreformer

Hannovers neuer Landesbischof Ralf Meister Bild: dapd

Mit Ralf Meister hat die größte deutsche Landeskirche einen alerten und rhetorisch versierten Pfarrer an ihre Spitze gewählt. Der Berliner Generalsuperintendent wird neuer Landesbischof von Hannover und somit Nachfolger der im Februar zurückgetretenen Käßmann.

          Die zahlreichen Unkenrufe, die hannoversche Landeskirche werde keinen hinreichend befähigten Geistlichen finden, der den Mut aufbringt, sich den ständigen Vergleichen mit seiner Vorgängerin Margot Käßmann auszusetzen, haben sich nicht bewahrheitet: Mit Ralf Meister hat die größte deutsche Landeskirche am Donnerstag einen alerten und rhetorisch versierten Pfarrer an ihre Spitze gewählt.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Der Generalsuperintendent des Sprengel Berlin zählt zu den wenigen Köpfen im deutschen Protestantismus, die sich nicht scheuen, die Zukunftsfragen – oder hieße es nicht besser: Überlebensfragen? – der Kirchen offen zu benennen, statt das kirchliche Milieu in seiner Selbstbespiegelung gewähren zu lassen. Als Sprecher des Worts zum Sonntag und in seinem Berliner Sprengel versucht Meister gerade, auf die große Mehrheit der Kirchenmitglieder zuzugehen, die nicht in den Gemeinden aktiv ist – und das nicht durch Anbiederung, sondern mit ernsthaften, religiösen Fragen. Ein inneres Abfinden mit dem Berliner „Gewohnheits-Atheismus“ war für den gebürtigen Hamburger zu keinem Zeitpunkt eine Option.

          Er beherrscht die Sprache des Kernmilieus

          Nur auf den ersten Blick sind in der ländlich geprägten hannoverschen Kirche die Herausforderungen geringer: Angesichts der wieder einsetzenden Landflucht steht sie vor der Frage, wie die Kirche die flächendeckende Verkündigung des Evangeliums in Wort und Sakrament künftig gewährleisten will. Dass ihm diese Aufgabe am Herzen liegt, hat Meister bereits in einem Fernsehduell mit seinem Mitbewerber Wolfgang Gern deutlich gemacht. Die Landeskirche wird erleben, dass Meister über die Bereitschaft verfügt, zum Erreichen eines solchen Zieles alte Zöpfe abzuschneiden und dabei auch, wenn nötig, selbst zur Schere zu greifen. Denn von den Lobeshymnen auf Margot Käßmanns zweifellos reichlich vorhandenes Charisma wurde überdeckt, dass diese Eigenschaft bei ihr nicht besonders ausgeprägt war. Unter Kirchenfunktionären zählt diese Erkenntnis freilich nicht erst seit ihrem Rücktritt im Februar zum Gemeingut.

          Dass Meister im zweiten Wahlgang am Donnerstag von 76 Synodalen 64 Ja-Stimmen und keine Gegenstimme erhielt, belegt aber auch, dass er die Sprache des Kernmilieus beherrscht. Dazu gehört es in Hannover, die Atompolitik der Kanzlerin abzulehnen, wie Meister es während seiner Bewerbung getan hat. Es dürfte der sicherste Weg sein, sich aus dem Rennen um das Bischofsamt in Hannover zu katapultieren, sich als Geistlicher in der Gorleben-Frage für nicht zuständig zu erklären. Doch braucht man Meister dabei keine Anbiederung zu unterstellen: Er ist in erster Linie ein Kirchenreformer und mitnichten ein Konservativer, der das geistliche Regiment strikt vom weltlichen trennt.

          Eine Eigenart der hannoverschen Kirchenordnung besteht noch immer darin, dass ein Landesbischof mindestens bis zu seinem 68. Lebensjahr gewählt ist. Für Meisters Frau und seine drei Kinder lohnt sich folglich der Umzug – und ihr 48 Jahre alter Mann wird es voraussichtlich selbst erleben können, ob sein Wirken Frucht trägt oder nicht.

          Weitere Themen

          Was man aus Kirchenaustritten lernen kann

          Soziale Systeme : Was man aus Kirchenaustritten lernen kann

          Niklas Luhmann kritisierte, Geistliche könnten aus Austrittsdokumenten nicht ablesen, wieso sich Menschen von der Kirche abwenden. In einem nun erstmals leicht zugänglichen Aufsatz machte der Soziologe einen kühnen Vorschlag.

          G-7-Gipfel in Biarritz hat begonnen Video-Seite öffnen

          Handel, Klima, Gerechtigkeit : G-7-Gipfel in Biarritz hat begonnen

          Um die ganz großen, die weltbewegenden Themen unserer Zeit soll es im französischen Biarritz gehen: Handel, Klima, Gerechtigkeit und einige mehr. Das dreitägige Treffen steht aber auch unter dem Eindruck der Zerwürfnisse zwischen den Teilnehmern.

          Topmeldungen

          Brände im Regenwald : Das ökologische Endspiel am Amazonas

          Der Amazonas-Regenwald produziert gut ein Fünftel des Sauerstoffs, den wir atmen. Die andauernden Waldbrände und der Raubbau an ihm sind nicht nur eine ökologische Katastrophe – sondern auch eine humanitäre.
          Noch baumelt der Golf an den Greifarmen im Zwickauer VW-Werk. Bald soll ihn das Elektromodell ID ablösen.

          VW-Werk : Zwickau wird elektrisch

          VW produziert im sächsischen Zwickau bald nur noch Elektroautos. Das Werk wird damit zum Modell für die ganze Branche. Was bedeutet das für die Arbeiter? Ein Besuch im Versuchslabor.
          Wohl dem, der einen Torjäger wie Robert Lewandowski in seinen Reihen hat.

          3:0 bei Schalke 04 : Bayern und die große Lewandowski-Show

          Nach dem Remis zum Start der Saison zeigen die Münchner „auf“ Schalke ihre ganze Klasse. Beim klaren Sieg ragt vor allem der Torjäger heraus. Es ist ein Spiel voller denkwürdiger Momente.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.