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Papst weiht „Sagrada Familia“ : Die Gegenthese des Architekten Gottes

  • -Aktualisiert am

7000 Gläubige verfolgten die Zeremonie Bild: AFP

Papst Benedikt XVI. hat die Kirche der „Sagrada Familia“ in Barcelona geweiht. Bei einem Festgottesdienst erhob er das Gotteshaus in den Rang einer Basilika und erwies Architekt Gaudí damit die höchste Ehre. Den Segen wird das Haus noch brauchen.

          Antoni Gaudí glaubte an Gott, aber nicht an den rechten Winkel. Dieser, so fand der katalanische Baumeister, sei in der Schöpfung eigentlich nicht vorgesehen. Mit seinem Meisterwerk, der noch unvollendeten Kirche der heiligen Familie in Barcelona, gab er sich selbst recht. Die himmelstürmenden Türme, die der Begriff Jugendstil nur unzulänglich kennzeichnet, haben nichts zackig Gotisches. Die Säulen sind wie Bäume, und die Kirchenschiffe, Kapellen und Fassaden haben Kurven und verspielte Eigentümlichkeiten, wie Gaudí sie gen Ende des 19. Jahrhunderts direkt der Natur abgeschaut hatte.

          Am Sonntag widerfuhr dem „Architekten Gottes“, der in der Krypta begraben ist, die höchste Ehre - vor einer anhängigen möglichen Seligsprechung. Benedikt XVI. weihte mit einem feierlichen Hochamt das Gotteshaus ein und erhob es in den Rang einer Basilika. Kathedrale kann La Sagrada Familia nicht genannt werden, weil es in jeder Diözese nur eine gibt und Barcelona in seinem gotischen Viertel schon eine hat. Als neues Symbol des Glaubens in Spanien und der tiefen Wurzeln des Katholizismus in Katalonien ist das Gotteshaus die Gegenthese zu dem von Benedikt kritisierten „aggressiven Laizismus“ auf der Iberischen Halbinsel. Als Schaustück der Baukunst hat die Stadt zugleich nichts Vollkommeneres vorzuweisen, als diese wie aus der Zeit gefallene steinerne Bibel. Demonstrativ nach außen gewandt, lässt sie auf ihren Fassaden die Heilsgeschichte erzählen.

          Immer wieder schwiegen die Hämmer

          Der Segen des Papstes über dem Haus, welches fortan nicht nur Touristentreffpunkt, sondern auch Ort für Messfeiern ist, wird noch gebraucht werden. Denn kurz vor Benedikt kamen die unterirdischen Bohrer, um in haarscharfer Nachbarschaft einen Tunnel für eine neue Schnellzugverbindung von Spanien nach Frankreich zu bohren. Mit gemischten Gefühlen blickten die Unesco-Beobachter auf ihr Welterbe der Menschheit. Mit noch gemischteren Gefühlen blickten auch die Nachbarn auf die unterirdische Geschäftigkeit, war es den zeitgenössischen Architekten der Metro in Barcelona doch bisweilen schon gelungen, aus Versehen klaffende Krater zu schaffen.

          Papst Benedikt XVI. betritt die Sagrada Familia in Barcelona.

          Nicht auszudenken, wenn die Basilika mit ihren geplanten achtzehn Türmen, die Jesus, Maria, den zwölf Aposteln und den vier Evangelisten gewidmet sind, noch vor der Fertigstellung in eine Schieflage geraten sollte. Kataloniens sozialistischer Ministerpräsident José Montilla, der bei den nächsten Wahlen am 28. November wahrscheinlich durchfallen wird, gelobte, dass die Kirche sicher sei und jene 120 Betonsäulen, die ihre Fundamente von der Bahntrasse trennen, dies garantierten. Aber auch bei ihm scheint da der Glaube stärker zu sein als die Gewissheit.

          La Sagrada Familia, für die der Grundstein im Jahr 1882 gelegt wurde, ist - wie Sacre Coeur in Paris - eine „Dank- und Sühnekirche“. Gaudí, der das Projekt ein Jahr später übernahm, wollte in einer Zeit rabiater antiklerikaler, anarchistischer und libertinärer Aufwallungen in Barcelona ein frommes Gegenbild mit Bestand entwerfen. Deshalb sollte das Gotteshaus auch nur mit Spenden von Sündern errichtet werden, die auf diese Weise ihre Seelen und ihr Gewissen reinigen wollten. Es war ein zähes Unterfangen, und immer wieder schwiegen die Hämmer und hielten die Kräne an, weil es an Geld fehlte. Doch in den vergangenen Jahren spülte der Tourismus jeweils bis zu zwanzig Millionen Euro - bei 12 Euro Eintritt pro Person - in die Kassen. So ist es nicht ausgeschlossen ist, dass die Basilika tatsächlich bis zu Gaudís hundertstem Todestag im Jahr 2026 fertig sein wird.

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