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Missbrauch in Ettal : Die Richtigen falsch behandelt?

Der Schockzustand währte nur kurz. Während ein als Sonderermittler eingesetzter Rechtsanwalt im Auftrag des Erzbistums in Gesprächen mit Schülern und Eltern täglich neue Einzelheiten über das Leben hinter Kloster- und Internatsmauern erfuhr, drehten die Ettaler Benediktiner den Spieß um. Mit einem Mal sahen sich der Münchner Erzbischof Marx und sein Generalvikar Beer eines Missbrauchs-Vorwurfs ausgesetzt. Die Vorhaltungen kamen nicht zuletzt aus der Feder jenes Manfred Lütz, der Abt Barnabas im Sommer 2005 beraten hatte: „Zu Unrecht“ seien zwei gewissenhafte Leitungspersönlichkeiten, die sich als Präses der bayerischen Benediktinerkongregation beziehungsweise als stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung der Schulen in Ordenstradition „höchsten Ansehens“ erfreuten, zum Rücktritt gedrängt wurden.

„Korrektes Verhalten“ von Abt und Prior

Diese Version fand nicht nur in Deutschland Gehör, sondern auch im Vatikan. Als Marx dann auch noch unter denen war, die im April den Augsburger Bischof Mixa zum Rücktritt drängten, schien das Maß voll. Fortan wollten in Rom die Gerüchte nicht mehr verstummen, dass Marxens brachiales Vorgehen ihn den sicher geglaubten Kardinalshut kosten werde.

Auch in den eigenen Reihen fehlte es den Ettalern bald nicht an Rückhalt. Der Abtprimas der Benediktiner, Notker Wolf, ließ Erzbischof Marx über die Zeitschrift „Focus“ die Frage ausrichten, „ob die Erzdiözese so mit einer Abtei umgehen kann, wie sie es jetzt tut, beispielsweise die Schließung der Schule anzudrohen, falls der Schulleiter nicht zurücktritt, ohne dass diesem das Geringste vorgeworfen werden kann“. Die Antwort ließ einige Wochen auf sich warten. Vom 15. bis zum 24. März fanden sich, wie es das Kirchenrecht in Fällen wie diesen vorsieht, zwei Besucher in Ettal ein. Auf Geheiß der für die Ordensleute zuständigen Behörde im Vatikan sollten sich Pius Engelbert, Altabt der münsterländischen Benediktinerabtei Gerleve, und ein weiterer Ordensbruder ein eigenes Bild von den Vorgängen in Ettal machen, darunter auch das Vorgehen des Abtes und des Priors im Sachen Pater G.

Der nicht zur Veröffentlichung bestimmte Bericht der beiden „Apostolischen Visitatoren“ kam einer vollständigen Rehabilitation der Ettaler Benediktiner gleich - so machte es jedenfalls die vatikanische Ordenskongregation Ettal und der Welt glauben: Kardinalpräfekt Franc Rodé attestierte Abt und Prior „korrektes Verhalten“. Wenige Tage später kehrten beide in ihre Ämter zurück. Der gute Ruf der Abtei wiederhergestellt, der Münchner Erzbischof Marx von Rom in die Schranken gewiesen, das Vorgehen des Psychiaters Lütz im Jahr 2005 vollumfänglich gebilligt - so musste es für die Öffentlichkeit aussehen. Roma locuta - causa finita.

Eine gute, eine schlechte Nachricht

Nicht ganz. Denn während Lütz im Spätsommer 2010 dem Trierer Bischof Ackermann bei der Neufassung der Leitlinien für den Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs in der Kirche zur Hand ging und während der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda als Berater auftrat, hatte die Staatsanwaltschaft München II die Ermittlungsverfahren gegen Pater G. noch immer nicht abgeschlossen. Und Erzbischof Marx ist seit der Ernennung durch Papst Benedikt XVI. im Oktober 2010 der jüngste Kardinal der römisch-katholischen Kirche.

Das neue Jahr begann für das Benediktinergymnasium Ettal mit einer guten und einer schlechten Nachricht. Die gute: Abt Barnabas konnte Pater Maurus mit Zustimmung des bayerischen Kultusministeriums wieder als Leiter des ordenseigenen Gymnasiums einsetzen. Die schlechte: Die Staatsanwaltschaft München hat Anklage gegen Pater G. erhoben. Sie hält es für erwiesen, dass Pater G. vor Jahren sexuelle Handlungen an Personen vorgenommen hat, die zur Tatzeit Kinder waren. Nun muss das Landgericht München II die Anklage zur Hauptverhandlung zulassen. Das möchte der Strafverteidiger von Pater G., der Düsseldorfer Rechtsanwalt Rüdiger Deckers, verhindern. Die Aussagen des Hauptbelastungszeugen müssten zuvor einem aussagepsychologischen Gutachten unterworfen werden, verlangt der Jurist. Im Übrigen verteidige er seinen Mandanten mit dem Ziel, dessen Unschuld zu beweisen.

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