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Korruptionsvorwürfe : Die vielen Baustellen der Diakonie

Rücktritt „aus gesundheitlichen Gründen”: der ehemalige Präsident des Diakonischen Werkes, Klaus-Dieter Kottnik Bild: dapd

Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet, heißt es im Evangelium nach Matthäus. Das Versagen der Kontrollen in der Diakonie zeigt, wie zerrüttet der Verband ist.

          „Ich hätte vielleicht eine Frage gestellt“, meint einer der evangelischen Bischöfe süffisant, als es keiner der EKD-Synodalen für nötig befindet, zum Bericht des Diakonischen Werkes eine Frage zu stellen. Nicht nur die Öffentlichkeit, auch die Kirche und sogar die diakonischen Einrichtungen selbst scheinen sich im Laufe der Zeit damit abgefunden zu haben, dass die Diakonie ein weitgehend unbeachtetes Dasein fristet - trotz ihrer immensen Größe: Denn die evangelische Kirche ist über ihre Diakonie Träger von 28.000 Einrichtungen mit mehr als 400.000 Beschäftigten und ebenso vielen Ehrenamtlichen. Pflege, Fürsorge und soziale Beratung in Deutschland wären ohne diese Einrichtungen kaum denkbar.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Die Verborgenheit dieses „unbekannten Riesen“ hat Gründe: Das Führungspersonal des Diakonischen Werkes ist wenig bekannt; seine sozialpolitischen Appelle verhallen bisher ohne größere Resonanz, und das Gestrüpp aus kleineren und größeren Werken sowie einander beargwöhnenden Landes- und mehreren Dutzend Fachverbänden ist schwer zu überschauen. Ausgelöst durch einen Bericht der „Stuttgarter Zeitung“, erfährt die Diakonie derzeit allerdings ungewohnte Aufmerksamkeit: Die Zeitung deckte auf, dass der Theologe Walter Merz noch zu einer Zeit als Partner der Beratungsfirma Dithmar und Partner eingetragen war, als er schon der persönliche Referent des Präsidenten des Diakonischen Werks, Klaus-Dieter Kottnik, war und diese Firma von der Diakonie Aufträge erhielt. Inhaberin der Firma ist die Theologin Christiane Dithmar, früher persönliche Referentin von Kottniks Vorgänger Jürgen Gohde, den die EKD 2006 aus dem Amt drängte. Frau Dithmar verfügt über glänzende Kontakte in der Diakonie, hat sich dort aber auch Feinde gemacht. Bis April dieses Jahres war Frau Dithmars Partner bei Dithmar und Partner der frühere CDU-Politiker Hermann-Josef Arentz. Man trennte sich im Unfrieden.

          EKD-Synode sichtlich wenig interessiert

          Die Diakonie reagierte im August zwar umgehend auf die Informationen der „Stuttgarter Zeitung“ - der Referent wurde freigestellt, die Zusammenarbeit mit der Firma, so wie es Frau Dithmar auch von sich aus angeboten hat, beendet und eine unabhängige Wirtschaftsprüfung eingeleitet. Doch einige Wochen später geriet die Diakonie durch den Rücktritt des Präsidenten Klaus-Dieter Kottnik - „aus gesundheitlichen Gründen“ - abermals in Turbulenzen. Dass Kottnik schwere gesundheitliche Probleme hat, war bekannt. Ebenso, dass ihm auch seine Gegner in der Diakonie heftig zusetzen. Die Gremien der Diakonie berieten während der Tagung der an all diesen Vorgängen sichtlich wenig interessierten EKD-Synode im Tagungshotel am Hannoveraner Flughafen über das weitere Vorgehen. Bereits am Sonntagabend wurde der württembergische Landesbischof Frank Otfried July mit einem prall gefüllten DIN-A4-Briefumschlag gesichtet, in dem sich der kurz zuvor fertiggestellte Bericht der Wirtschaftsprüfer befand. Bischof July ist seit Sommer Vorsitzender des Diakonischen Rates, der den Präsidenten und die drei anderen Vorstände des Diakonischen Werkes beaufsichtigt.

          Ein „unbekannter Riese” mit vielen Mitarbeitern: die Diakonie

          Es dauerte bis Montagabend, bis sich der Diakonische Rat in der Lage sah, mit Ergebnissen vor die Presse zu treten. Man gab bekannt, dass die Diakonie insgesamt 713.000 Euro für Beratungsleistungen an Dithmar und Partner gezahlt hat. Frau Dithmar bestreitet die Höhe dieser Summe allerdings. Vom Verdacht der Korruption sieht der Rat die Spitze der Diakonie nach der Wirtschaftsprüfung vollständig entlastet. Man sei erleichtert, dass es „weder Hinweise auf korruptes Verhalten noch auf persönliche Bereicherungen“ gebe. Allerdings seien Mängel im „Controlling der Gesamtkosten“ festgestellt worden. Diese Aussage bezog sich auf den Auftrag, einige Strukturen des Diakonie-Bundesverbands zu evaluieren. Dafür wurden 275.000 Euro an Dithmar und Partner bezahlt. Dabei blieb es allerdings nicht: Für Folgetätigkeiten, etwa Präsentationen und die Umsetzung von Vorschlägen, sollen später laut Diakonie weitere 340.000 Euro an die Firma gezahlt worden sein, ohne dass dafür ein neuer Auftrag beschlossen wurde.

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