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Kirchentag in Köln : „Globalisierung ist kein Schicksal“

  • Aktualisiert am

Besuch aus Afrika: Nigerianische Gläubige in Köln Bild: dpa

In Köln beginnt der Evangelische Kirchentag im Zeichen des G-8-Gipfels. Führende Vertreter der Weltreligionen fordern in einem gemeinsamem Aufruf von den großen Wirtschaftsnationen ein entschlossenes Vorgehen, um auf der Welt „die Ketten der Armut aufzubrechen“.

          Mit vier Gottesdiensten und einem „Fest der Begegnung“ beginnt an diesem Mittwoch der 31. Deutsche Evangelische Kirchentag in Köln. Dabei sollen auch die „Fronten“ zwischen Globalisierungsgegnern und den in Heiligendamm tagenden Regierungschefs der wichtigsten acht Industrieländer „auflockern“ und „Brücken bauen“.

          Dieses Ziel nannte Kirchentagspräsident Reinhard Höppner zum Auftakt des Protestantentreffens, zu dem bis Sonntag mehr als 100 000 Dauerteilnehmer in der katholisch geprägten Domstadt erwartet werden. „Wir werden Menschen vor und hinter dem Zaun ins Gespräch bringen. Deshalb war uns die Frage nach der Würde der Menschen so wichtig“, sagte der ehemalige SPD-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt.

          Am Donnerstagabend werde der Kirchentag zudem mit einer Live-Schaltung zum G-8-Konzert der Globalisierungsgegner in Rostock eine Botschaft an die Teilnehmer des Gipfeltreffens richten. „Globalisierung ist kein Schicksal, sondern eine Gestaltungsaufgabe.“ Der Kirchentag zeige abermals, dass „Spiritualität und Weltverantwortung zusammengehören.“

          Kirchentagspräsident Höppner: „Spiritualität und Weltverantwortung”

          Auf die Kritik des Kölner Kardinals Joachim Meisner, das Programm des Kirchentags erinnere ihn in seiner Beliebigkeit an Leipziger Allerlei, anwortete Höppner: „Ich komme ja aus Ostdeutschland und deshalb kann ich versichern: Leipziger Allerlei ist ein ausgesprochen schmackhaftes Gericht. Es sättigt auch. Das kann man nur als Lob auffassen.“

          Die Generalsekretärin des Kirchentags, Ellen Ueberschär, erhofft sich von dem Treffen in dem katholischen Köln eine „spürbare Erwärmung“ der „ökumenischen Eiszeit“ zwischen beiden Kirchen. „Ohne die vielfältige Mithilfe katholischer Christen wäre dieser Kirchentag so nicht möglich. Ökumene ist ein emotionales Thema für Christen und daher für tiefgekühlte Behandlung gänzlich ungeeignet.“

          Führer der Weltreligionen appellieren an den G-8-Gipfel

          Zum Abschluss einer Konferenz in Köln haben führende Vertreter der Weltreligionen aus den G-8-Staaten und aus Afrika mit einer Erklärung „Gerechte Teilhabe. Ruf aus Köln“ an die Regierungschefs auf dem G-8-Gipfel, appelliert, weltweit gerechtere Strukturen zu schaffen. Alle Menschen müssten die Möglichkeit haben, sich für ihr eigenes Wohlergehen und das der anderen einsetzen zu können.

          An der Konferenz nahmen rund 45 prominente Vertreter des Christentums, des Islam, des Judentums und des Bhuddismus teilgenommen. Auch Repräsentanten des Hinduismus, Shintoismus und der indegenen Religionen Nordamerikas waren vertreten. Allen diesen Religionen liege der Glaube zugrunde, dass die Würde des Menschen und Gerechtigkeit Gaben Gottes seien, heißt es in der Erklärung. In diesem gemeinsamen Glauben fühle man sich verpflichtet, weltweit „die Ketten der Armut“ aufzubrechen.

          Die Religionsführer zeigten sich alarmiert über den langsamen und uneinheitlichen Fortschritt bei der Verwirklichung der Millenniumsentwicklungsziele bis 2015. „Das Ausmaß extremer Armut in unserer Welt ist ein Skandal“, heißt es in dem Papier. Die Religionsführer kritisierten, dass die G-8-Staaten ein Wirtschaftsmodell verfolgten, das dem wirtschaftlichen Wachstum ungeachtet seiner sozialen und ökologischen Folgen Vorrang einräume. Auch hätten die G-8-Staaten bislang versäumt, einen verbindlichen Rahmen für die Überwachung der sozialen und ökologischen Verantwortung privater Unternehmen zu entwickeln.

          „Effektive Kontrollmechanismen“

          Sie forderten dazu auf, die Richtlinien der Organisation für Wirtschaftszusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit „effektiven Kontrollmechanismen“ auszustatten. Die leitenden Religionsvertreter erwarten von den G-8-Staaten weiter, die Afrikanische Union darin zu unterstützen, solide Sicherheitsstrukturen aufzubauen. Damit könnten künftig interne Konflikte wie in Darfur gelöst werden.

          Scharf kritisierten sie Waffenexporte in Länder, die von gewaltförmigen Konflikten betroffen seien sowie die hohen Militärausgaben der G-8-Staaten. Besorgt zeigten sich die Religionsführer über die Verschlechterung der Beziehungen der G-8-Staaten untereinander, die durch die geplante Stationierung von Raketenabwehrsystemen herbeigeführt worden sei. Dies könne zu einem neuen Wettrüsten führen. Die Religionsführer unterstützten nachdrücklich die Entscheidung der deutschen Präsidentschaft, den Gipfel in Heiligendamm zu nutzen, um einen Anstoß zu einer Vereinbarung für einen weltweiten Klimaschutz nach 2012 zu geben. Der „Ruf aus Köln“ ist nach Auskunft der Evangelischen Kirche in Deutschland heute an die Regierungschefs der G-8-Staaten in Heiligendamm übermittelt worden.

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