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Im Gespräch: Hans Küng : „Irren ist auch päpstlich“

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Vehementer Kritiker des Papstes: der Tübinger Theologe Hans Küng Bild: dpa

Der Tübinger Theologe Hans Küng ist einer der schärfsten Kritiker von Papst Benedikt XVI. - daran lässt er auch in seinem neuen Buch keinen Zweifel. Im FAZ.NET-Interview spricht er über das mittelalterliche Herrschaftssystem des Papstes, Prunksucht im Vatikan - und die Überzeugung, Jesus auf seiner Seite zu haben.

          Herr Küng, Sie werfen der römischen Kurie und Papst Benedikt XVI. Absolutismus vor, Personenkult, Zensur, Volksverdummung und Propaganda. Man könnte meinen, Sie schilderten eine Diktatur.
          Das ist sehr zugespitzt formuliert. Ich beschreibe in meinem Buch die Wirklichkeit der katholischen Kirche in all ihrer Ambivalenz.

          Ist das nicht zu starker Tobak?
          Dass diese Form der Kirchenleitung eher eine geistige Diktatur als Kollegialität im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils ist, kann nicht bestritten werden: wenn nach wie vor ein einziger Mann darüber bestimmen kann, ob Empfängnisverhütung erlaubt ist, ob zehntausende Priester verheiratet sein dürfen, ob Millionen Christen gemeinsam Eucharistie feiern dürfen oder nicht… So droht die Kirche langsam einzugehen, und das dürfen wir nicht zulassen.

          Ist die Kirche denn noch zu retten?
          Nur wenn es ihr endlich gelingt, das mittelalterliche römische System zu überwinden. Das ist nicht leicht, aber es hat sich einiges getan. Mittlerweile ist das katholische Mittelfeld weithin auf die Seite der Reformer gerückt.

          Die Bischöfe sind es nicht. Auf Ihren offenen Brief an die Bischöfe in aller Welt, in dem Sie im vergangenen Jahr zum Umdenken aufriefen, erhielten Sie keine Antwort. Nicht eine.
          Die haben offenkundig Angst - vor dem Papst, der Kurie, ihren Mitbischöfen, den fundamentalistischen Sekten in der Kirche. Aber diejenigen Bischöfe, die keine Veränderungen wollen, stehen heute mächtig unter Druck. Sie müssen zur Kenntnis nehmen, dass sich Hunderttausende von der Kirche verabschieden. Das kann auf die Dauer keinen Bischof unberührt lassen. Und spätestens wenn er keine Priester mehr hat, wird es eng für ihn.

          Sie sagen, die katholische Kirche müsse geheilt werden. Aber war diese Kirche jemals anders? Sie war immer hierarchisch und konservativ, das ist geradezu ihr Wesen.
          Das Urchristentum war weder hierarchisch noch konservativ. Zum Wesen der Kirche gehört zuerst einmal Christlichkeit und Menschlichkeit. Im 11. Jahrhundert allerdings hat eine hierarchische Revolution von oben eingesetzt, hin zu päpstlichem Absolutismus, laienfeindlichem Klerikalismus, zu Sexualitäts- und Frauenfeindlichkeit. Die Reformation versuchte, dagegen anzugehen, auch die Aufklärung, und das Zweite Vatikanische Konzil hat einiges reformiert.

          Was ist noch übrig vom liberaleren Geist des 2. Vaticanums von 1962 bis 1965, in dem die Kirche grundlegend erneuert werden sollte?
          Die Kirche ist seither nicht mehr dieselbe. Die Laien sind selbstbewusster und Frauen lassen sich nicht mehr einfach in die zweite Reihe verbannen. Die Liturgie ist volksnah geworden. Die Beziehungen zu anderen Kirchen und Religionen haben sich verbessert, auch wenn sie von Rom her immer wieder belastet werden.

          Sie schreiben vom real existierenden Katholizismus, vom Regime Wojtyla/Ratzinger. Das klingt, mit Verlaub, auch nicht gerade versöhnlich.
          Ich drücke nur nüchtern aus, was man nicht leugnen kann: Die römisch-katholische Kirche stand in den vergangenen 30 Jahren unter der Herrschaft dieser beiden Vertreter vorkonziliarer Restauration, die für die heutige Misere ganz wesentlich Verantwortung tragen.

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