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Die „Sagrada Familia“ : Ein Bauwunder zur Ehre Gottes

  • -Aktualisiert am

Die „Sagrada Familia” in Barcelona Bild: dapd

„Mein Bauherr hat Zeit“, hatte der Architekt Antoni Gaudí gesagt - und meinte damit nicht seine weltlichen Auftraggeber. Jetzt ist zumindest der Innenraum der „Sagrada Familia“ fertig.

          Als Antoni Gaudí am 7. Juni 1926 vor eine Straßenbahn lief, war er 74 Jahre alt, trug zerschlissene Kleidung und in den Taschen nur eine Bibel sowie ein paar Nüsse und Rosinen. Man behandelte ihn wie einen Vagabunden. Als klar wurde, dass da Barcelonas bekanntester Baumeister im Sterben lag, war es bereits zu spät. Sein bedeutendstes Projekt musste er als vagen Rohbau hinterlassen: Nach 43 Jahren Arbeit, die er zu diesem Zeitpunkt bereits investiert hatte, stand genaugenommen noch nicht viel mehr als eine Fassade.

          Aber schon die hatte es in sich, und das Vorhaben war von vornherein auf mehrere Generationen angelegt: „Mein Bauherr hat Zeit“, hatte Gaudí selbst dazu gesagt - und er meinte damit nicht seine weltlichen Auftraggeber.

          Es war ein frommer ortsansässiger Buchhändler, der nach einer Italienreise die Verpflichtung spürte, seiner Stadt eine prächtige Votivkirche zu stiften, und es war der Orden der Josephiner, der die Sache vorantrieb und den ursprünglich beauftragten Diözesanarchitekten Francisco de Villar schon ein Jahr nach der Grundsteinlegung 1882 gegen den weniger zurückhaltenden, zunächst auch weltlicheren Antoni Gaudí austauschte. Der junge Gaudí galt zu diesem Zeitpunkt bereits als Liebling des katalanischen Großbürgertums - und als Extremist dessen, was mit Jugendstil verharmlosend beschrieben ist.

          Finanziert von konservativen Katholiken und japanischen Touristen

          Beides kam beim Bau des Temple Expiatori de la Sagrada Familia zum Tragen: Die großbürgerliche Kundschaft wurde um Spenden angegangen, die floralen Formen rankten sich jetzt zur Ehre Gottes und der heiligen Familie in die Höhen über Barcelona. Dass zuerst die Ostfassade hochgezogen wurde - ihr Skulpturenschmuck zeigt die Geschichte der Geburt Christi -, war baulich zwar widersinnig, aber es sollte eine Werbung für das Projekt sein. Dieses Kalkül ist aufgegangen. Nach Gaudís Tod wurden seine Pläne und Modelle 1936 von Kirchengegnern zerstört.

          Trotzdem gingen die Bauarbeiten im gefühlten Geiste Gaudís ab 1950 weiter - bis heute unter dem immer wieder aufflammenden Protest all jener, denen das ganze Projekt widersinnig, das Verfahren nicht originalgetreu oder das Ergebnis ganz einfach zu kleckerburgartig vorkommt. Vorangetrieben und finanziert wird es vor allem von zwei Gruppen: konservativen Katholiken und japanischen Touristen.

          Seit 1998 wird ganz offiziell für die Seligsprechung des Architekten gekämpft, der in der Jugend ein Dandy war und im Alter fromm, und dass er keine Wunder gewirkt habe, kann auch keiner behaupten, der den fertigen Bau am Ende sehen wird. 2026 soll es soweit sein, zu Gaudís hundertstem Todestag, dann soll er auch den höchsten Kirchturm der Welt besitzen. Jetzt ist zumindest der Innenraum schon einmal fertig, und wenn heute vom Papst der Altar geweiht wird, dann würde Gaudí sicher auch das schon selig machen.

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