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Brasilien : Papst facht Abtreibungsstreit vor Stichwahl an

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Die Kandidaten Dilma Rousseff von der Arbeiterpartei und José Serra von der sozialdemokratischen Partei Bild: dpa

Vor der Entscheidung über den künftigen brasilianischen Präsidenten an diesem Sonntag hat Papst Benedikt XVI. indirekt in den Wahlkampf eingegriffen. Er hatte die Bischöfe aufgefordert, Abtreibungen zu verurteilen und so die Kontroverse der beiden Kandidaten über dieses Thema noch einmal aufleben lassen.

          Eine Empfehlung von Papst Benedikt XVI. an die brasilianischen Bischöfe hat wenige Tage vor der Stichwahl an diesem Sonntag die Kontroverse der beiden Kandidaten für das Amt des Präsidenten über die mögliche Freigabe der Abtreibung noch einmal aufleben lassen.

          Im Wahlkampf hatte die Opposition der in allen Umfragen klar führenden bisherigen Präsidentschaftsministerin Dilma Rousseff von der Arbeiterpartei (PT) vorgehalten, dass sie sich vor drei Jahren für die Freigabe der Abtreibung eingesetzt habe. Sie positionierte sich klar dagegen, musste aber mit ansehen, wie ihr Konkurrent, der frühere Gouverneur José Serra von der sozialdemokratischen Partei PSDB, Boden gutmachte. Der Papst legte den Bischöfen nun ans Herz, Schwangerschaftsabbruch und Euthanasie zu verurteilen. Benedikt forderte sie auf, die Wähler daran zu erinnern, dass sie ihre Stimme frei „zugunsten des allgemeinen Wohls“ verwenden könnten. Der Bischof von Guarulhos, einer Vorstadt von São Paulo, hatte zuvor die Gläubigen direkt aufgefordert, nicht für Frau Rousseff zu votieren, weil sie „für die Abtreibung“ sei. Serra war zuletzt Gouverneur des Bundesstaats São Paulo.

          Serra als Hüter der Abtreibungs-Regelung

          Das Papstwort dürfte aber den erwarteten Sieg Frau Rousseffs nicht gefährden. Als Wunschkandidatin des scheidenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, der nicht mehr antreten darf, kann sie mit einem Vorsprung zwischen zehn und 15 Prozentpunkten rechnen. Die Diskussion über die Abtreibung hatte ihr allerdings kurz vor dem ersten Wahlgang Anfang Oktober in religiösen und konservativen Kreisen der Wählerschaft geschadet und dazu beigetragen, dass es überhaupt zu dem Stichentscheid kam. Vor dem ersten Wahlgang hatte sie wegen der Sache innerhalb weniger Tage vier Prozentpunkte in den Umfragen verloren. Sie beteuerte daraufhin, dass sie keineswegs vorhabe, die bestehenden Gesetze zu ändern. Dilma Rousseff besuchte demonstrativ religiöse Kultstätten und unterzeichnete eine entsprechende Verpflichtung gegenüber Führern evangelischer Kirchen.

          Die gegenwärtig gültigen gesetzlichen Bestimmungen sehen Gefängnisstrafen für Frauen vor, die unerlaubt abtreiben. Einzig in Fällen von Vergewaltigung und bei Gefahr für die Gesundheit der Frau ist in Brasilien ein Schwangerschaftsabbruch erlaubt. Serra hatte sich als Hüter dieser Regelung dargestellt. Er sprach nun dem Papst ausdrücklich das Recht zu, seine Belehrungen und Anweisungen den Katholiken in aller Welt kundzutun.

          Zuletzt hatten wieder andere Themen den Wahlkampf beherrscht. Bei den öffentlichen Debatten im Fernsehen warfen sich Frau Rousseff und Serra wechselseitig vor, der Korruption in ihrer Umgebung Vorschub zu leisten. Serra versuchte zuletzt im Bundesstaat Minas Gerais, Wähler für sich einzunehmen. Dort hatte er im ersten Wahlgang besonders schlecht abgeschnitten. In seiner Hochburg São Paulo dürfte er sich wieder durchsetzen. Serra sagte, der Abstand zu seiner Konkurrentin sei „viel geringer“ und könne am Sonntag noch „umgekehrt“ werden.

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