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Afghanistan-Besuch der EKD : Nicht gerecht, nicht selbstgerecht

„Ich habe keinen Schuss gehört”: Nikolaus Schneider (im November in Düsseldorf) Bild: dapd

Die Reise des EKD-Ratsvorsitzenden Schneider nach Afghanistan soll das Bild der Kirche zurecht rücken - nicht nur bei den Soldaten. Doch von der Kirche kann die Armee nicht lernen, wie der Kampf ohne Gewalt zu gewinnen ist.

          Was Äußerlichkeiten betrifft, ist Nikolaus Schneider ein uneitler Mensch. Doch über die Bilder, die von der Afghanistan-Reise des EKD-Ratsvorsitzenden nach Hause übermittelt werden, hatte er sich so seine Gedanken gemacht: Eine Schutzweste hätte er sich übergestreift, das Aufsetzen eines Helm allerdings wollte er vermeiden.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Auch in der Kirche gibt es so etwas wie eine Heimatfront – und dort reagiert man sehr empfindlich auf martialische Bilder. Doch Schneider musste weder zur Weste noch zum Helm greifen. „Ich habe keinen Schuss gehört“, erzählt Schneider am Telefon, während er in Camp Marmal nahe der Stadt Mazar-i-Sharif sitzt. 2500 Soldaten sind dort stationiert, viele von ihnen verlassen das Militärlager selten oder nie. Was Schneider zu sehen bekommt, sind die dick gepanzerten Fahrzeuge, die das Camp verlassen – in Richtung eines Krieges, in dessen schmutziges Gesicht weder der EKD-Ratsvorsitzende noch die meisten anderen Besucher schauen müssen.

          „Nichts ist gut in Afghanistan“

          Mit der Reise nach Afghanistan will Schneider gleich in mehrfacher Hinsicht das Bild von der Evangelischen Kirche zurechtrücken: Zum einen vor den Soldaten: „Wir stehen dazu, dass Sie unsere Leute sind“, predigt Schneider am Mittwoch in einem Zelt im Camp. „Und ordentliche Pfarrerinnen und Pfarrer besuchen ihre Leute.“

          Margot Käßmann: Die ehemalige Ratsvorsitzende der EKD erweckte den Eindruck, es gebe eine friedliche Lösung ohne Militäreinsatz

          Nach der „Nichts ist gut in Afghanistan“-Predigt seiner Vorgängerin Margot Käßmann vor gut einem Jahr war eine Reihe von Briefen bei der EKD eingegangen – abgesandt von Offizieren, die sich beklagten, wie man nur so unkundig daherpredigen könne wie die Bischöfin aus Hannover. Diesem Vorwurf möchte Schneider seine Kirche nicht aussetzen. Die fünf Tage der EKD-Delegation in Afghanistan sollen das Bild einer lernenden Kirche transportieren, die sich nicht dazu hinreißen lässt, nach der Devise „Ihr beherrscht den Krieg und wir die Moral“ zu verfahren.

          Vor einem Jahr waren es vor allem der damals noch amtierende Kirchenamtspräsident Hermann Barth und der Bevollmächtigte des Rates der EKD, Bernhard Felmberg, die darauf drangen, dass der von Margot Käßmann erweckte Eindruck, es gebe für Afghanistan eine friedliche Lösung ohne Militäreinsatz, in einem Papier korrigiert wurde. Offiziell zu den Unterzeichnern zählten damals neben der Ratsvorsitzenden Margot Käßmann und ihrem damaligen Stellvertreter Schneider auch Renke Brahms, der Leitende Geistliche der Bremischen Kirche und Friedensbeauftragte der EKD sowie Militärbischof Martin Dutzmann.

          Das neue Mandat als „Schritt in die richtige Richtung“

          Diese beiden, Renke Brahms wie Martin Dutzmann, sind ebenfalls mit nach Mazar-i-Sharif geflogen. Sie repräsentieren die beiden Flügel der evangelischen Kirche in der Frage von Krieg und Frieden (die es analog auch in der katholischen Kirche gibt). Als Militärbischof ist Dutzmann verantwortlich für die Arbeit der evangelischen Militärseelsorger, die durch ein System der fragilen Unabhängigkeit in die Truppe eingebunden sind. In der Kirche muss Dutzmann daher Solidarität mit den deutschen Soldaten einfordern, die in Afghanistan ihre Knochen hinhalten. Als Ende Januar im Bundestag das neue Afghanistan-Mandat beschlossen wurde, befürwortete Dutzmann dies als „Schritt in die richtige Richtung“, weil nun deutlicher das Ende des Einsatzes in den Blick genommen werde. Anders der Friedensbeauftragte Renke Brahms: Er bemängelte, der neue Mandatstext bleibe im Ungefähren über die von ihm geforderten „klaren Schritte zum Abzug“. Brahms spricht auch für ein anderes Klientel als der Militärbischof: Er hält den Kontakt zu den zahllosen Friedensinitiativen innerhalb und außerhalb der Kirche.

          Erst vor wenigen Tagen verfasste eine von diesen Initiativen einen offenen Brief an Brahms: Darin heißt es, wenn die EKD-Delegation nicht auch die Opfer der Bomben auf die Tanklaster in Kundus besuche, sei die Reise der Kirchenleute „Heuchelei“ und „nichts anderes als Ausdruck kirchlicher Unterstützung der deutschen Interventionspolitik“. Brahms solle deshalb nicht mitreisen.

          Ist dieser Krieg vielleicht doch ein gerechter?

          Doch der Friedensbeauftragte sitzt am Mittwoch gemeinsam mit Dutzmann im schwarzen Talar und einem weißem Beffchen um den Hals beim Gottesdienst mit den Soldaten in Camp Marmal und lauscht der Predigt des Ratsvorsitzenden. Später erläutert Schneider, dass er nicht glaubt, die Armee könne von der Kirche lernen, wie dieser Kampf ohne Gewalt zu gewinnen ist. „Aber die Kirche kann etwas hineinsagen: Wenn man in einem Gefecht war, muss man Gefühle zugestehen. Aber man darf sich nicht in eine Spirale des Hasses hineinbegeben – Gegner und Feinde sind Menschen und bleiben Menschen.“ Den Menschen im Feind erkennen, das ist die Mahnung aus dem Evangelium, die Schneider den Soldaten mitgeben möchte.

          Doch auch wenn die Unternehmung unter „Pastoralreise“ zu den Soldaten firmiert, beinhaltet dies nicht, dass Schneider bei seinem Besuch darauf verzichtet, die Bedeutung des zivilen Wiederaufbaus hervorzuheben – so wie es die EKD seit Beginn des Militäreinsatzes getan hat. Unter anderem eine neue Mädchenschule, ein Frauenhaus und ein Menschenrechtsprojekt werden besucht. Die Delegation verlässt dafür das Camp und begibt sich am Donnerstag unter dem Schutz von Feldjägern in die Stadt Mazar-i-Sharif. Nach der Rückkehr berichtet Schneider mit vorsichtiger Zuversicht: „Was uns die Vertreter von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen erzählten, kann man als Fortschritt beschreiben.“

          Ist dieser Krieg also vielleicht doch ein gerechter? Schneider verneint. „Die Kirche kann einen Krieg nicht positiv rechtfertigen. Und ob dieser Krieg hinnehmbar ist, können wir im Augenblick weder in die eine noch die andere Richtung entscheiden. Insofern nehmen wir ihn faktisch hin.“

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