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Kinderlosigkeit : Es fehlt „der“ Partner

  • Aktualisiert am

Es sind nicht die Tagesstättenplätze... Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Deutschland altert, die Geburtenzahlen gehen zurück. Laut aktuellen Umfragen ist der Grund denkbar einfach: Meist fehlt der richtige Partner, um eine Familie zu gründen.

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          Das Fehlen eines geeigneten Partners, die Zufriedenheit mit einem Leben ohne Kinder, höhere Lebenshaltungskosten und die Sorge um den Arbeitsplatz sind die wichtigsten Motive, warum sich immer mehr Frauen und Männer in Deutschland gegen die Gründung einer Familie entscheiden. Fehlende Betreuungsmöglichkeiten spielen hingegen nur eine untergeordnete Rolle bei der Entscheidung, ohne Kinder zu leben.

          Das ist das Ergebnis einer bundesweiten Umfrage und Fragebogenaktion unter 40 000 Männern und Frauen im Alter zwischen 18 und 49 Jahren, mit der die Zeitschriften „Eltern“ und „Eltern for family“ das Meinungsforschungsinstitut Forsa beauftragt hatten. Die Umfrage, die sich sowohl an Eltern als auch an Kinderlose richtete, wurde am Dienstag in Berlin vor dem Hintergrund des dramatischen Rückgangs der Geburten in Deutschland vorgestellt.

          Nach jüngsten Angaben des statistischen Bundesamtes hat sich die Zahl der Geburten in Deutschland in den vergangenen vierzig Jahren fast halbiert. Während 1964 noch 1 357 304 Kinder geboren wurden, kamen 2003 nur noch 706 721 Kinder zur Welt, etwa 60 000 weniger als noch im Jahr 2000. Zugleich ist der Anteil der Frauen des Jahrgangs 1965, der keine Kinder hat, auf fast ein Drittel gestiegen. Das Durchschnittsalter der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes erhöhte sich stetig und lag 2002 bei 29,3 Jahren.

          Glaube an das Fehlen des geeigneten Partners

          44 Prozent der befragten Kinderlosen verzichten demnach auf Nachwuchs, weil ihnen der geeignete Lebenspartner fehlt. Genauso viele wollen keine Familie gründen, weil sie auch ohne Kinder mit ihrem Leben zufrieden sind. Fast 40 Prozent der Kinderlosen und 45 Prozent der befragten Eltern verzichteten auf (weitere) Kinder, „weil man heute nicht mehr wissen kann, ob man seinen Arbeitsplatz behält und sich (weitere) Kinder leisten kann“. Nur neun Prozent der Kinderlosen und 21 Prozent der Eltern wollen keine (weiteren) Kinder, weil es an Krippen- und Kindergartenplätzen fehlt.

          Auch eine ebenfalls von der Zeitschrift „Eltern“ in Auftrag gegebene weitere Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Nach den Ergebnissen dieser „FamilienAnalyse 2005“, für die etwa 2800 Personen mit Kindern bis unter 14 Jahren befragt wurden, liegen die Ursachen für die anhaltende Kinderlosigkeit in Deutschland vor allem im familienfeindlichem Klima und dem Fehlen eines Partners begründet.

          In der Studie, die das „Lebensgefühl und die wirtschaftliche Situation junger Familien“ ergründet hat, wird deutlich, daß Familie für fast 90 Prozent der Deutschen weiter an erster Stelle ihrer persönlichen Prioritäten steht. Laut Allensbach-Studie bedeuten Kinder für mehr als 85 Prozent der Eltern positive Aspekte wie „gebraucht werden“, „viel Freude“ sowie „lieben und geliebt werden“. Die Antwort „Opfer bringen und verzichten müssen“ folgt mit 68 Prozent erst auf Platz 10.

          „Mehr gesellschaftliche Anerkennung“

          Die Allensbach-Leiterin Renate Köcher sieht nicht finanzielle Überlegungen als Haupterklärung für Kinderlosigkeit. Wesentlicher Grund für den Geburtenrückgang sei ein polarisierendes Rollenverständnis bei Frauen in Familie und Beruf. Zudem gebe es in Deutschland eine wachsende „Kinderdistanziertheit“, da ganze Bevölkerungsgruppen keinen Kontakt mehr mit Kindern hätten.

          Auf die von Allensbach an Eltern gestellte Frage, was sie sich vom Staat wünschen, antworteten nur 24 Prozent, „25 Euro mehr Kindergeld“. Und für nur 21 Prozent standen „bessere Betreeuungsmöglichkeiten“ im Vordergrund. In der Forsa-Umfrage hingegen wünschen sich 92 Prozent der befragten Eltern „günstigere Preise für Familien“ etwa bei Reisen, 85 Prozent möchten mehr finanzielle Unterstützung vom Staat. „Mehr gesellschaftliche Anerkennung für die Erziehung von Kindern“ fordern 77 Prozent.

          Kinder als Karrierehemmnisse

          Auch bei Forsa wünscht sich nur eine Minderheit von 38 Prozent „am meisten“ mehr Kinerbetreuungsplätze. Eltern geben vielen Unternehmen Schuld an einem familienfeindlichen Klima. So klagen 50 Prozent über verständnislose Vorgesetzte. 29 Prozent sind der Meinung, daß sie langsamer Karriere machen als kinderlose Kollegen. Dabei fühlen sich berufstätige Mütter wesentlich stärker benachteiligt als Väter. Für 42 Prozent der Mütter sind Kinder klare Karrierehemmnisse.

          Bundesfamilienministerin Schmidt (SPD) sieht sich durch die Ergebnisse der Studien in ihrer Politik bestätigt. Bei der finanziellen Entlastung von Familien könne sich Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern sehen lassen. Die Steuerreform der Bundesregierung bringe eine „deutliche Entlastung und Vorteile“ gerade für einkommensschwache Familien.

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