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Kinder : Wenn Armut die Hoffnung besiegt

Kindheit und Sozialhilfe: Alles dreht sich um die Geldbörse Bild: Andreas Müller

In Deutschland leben mehr als zwei Millionen Kinder in Armut. Besonders alleinerziehende Mütter müssen zusehen, wie sie ihre Kinder durchfüttern. So auch Frau L.. Sie ist seit 16 Jahren arbeitslos und kämpft für die Zukunft ihrer drei Kinder.

          Das letzte Mal glücklich war Frau L. mit ihrem zweiten Ehemann. Schon damals wohnte sie zusammen mit ihrem ältesten Sohn Thomas* in der 73 Quadratmeter großen Dreizimmerwohnung im Münchener Stadtteil Laim mit der kleinen Grünanlage und dem Spielplatz vor der Tür. Schon damals lebte ihre Tochter Saskia in einem Heim.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Ihr zweiter Ehemann war die große Liebe von Frau L. Es war nicht so wie bei dem Vater von Thomas und Saskia. Mit dem Vater von Sebastian konnte Frau L. vergessen, dass sie wenig Geld hat, so wenig, dass sie manchmal kein Essen mehr kaufen konnte. Sie konnte vergessen, dass sie die Hoffnung aufgegeben hat, ihr Leben ändern zu können.

          Sie konnte vergessen, dass ihre Kinder zu den 2,6 Millionen Kindern und Jugendlichen in Deutschland gehören, deren Eltern Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe beziehen und denen Erziehungswissenschaftler vorhersagen, dass sie wahrscheinlich ihr Leben lang arm bleiben werden.

          Monatelang für ein Geschenk gespart

          Das letzte Mal glücklich war Frau L. vor mehr als zwei Jahren. Jetzt lebt sie für die Momente, in denen sie ihre Kinder lachen sieht. Momente, die so sind, wie die Einschulung von Sebastian. Als der Sechsjährige stolz im Klassenraum saß, erwartungsvoll mit großen Augen seine Schultüte öffnete und freudestrahlend rief: „Oh, das habe ich mir so gewünscht.“

          In solchen Momenten weiß Frau L., dass es sich gelohnt hat, monatelang für die Geschenke zu sparen. Und sie weiß gleichzeitig, dass sie die Schultüte nur füllen konnte, weil Sebastians Vater die geforderten Schulsachen besorgt hatte, Verwandte ein wenig Geld dazugaben und auch der Kindergarten sich mit einer Brotdose beteiligte.

          Sein Sohn kommt nur wegen des Geldes

          Frau L. ist seit 16 Jahren arbeitslos. Seit sie mit Thomas schwanger war. Es sind 16 Jahre, die bei der zerbrechlichen 37 Jahre alten Frau tiefe Spuren hinterlassen haben. Ein halbes Jahr vor Thomas' Geburt bekam die gelernte Kinderpflegerin die Kündigung, und sie wurde Hausfrau.

          Ihr Mann war Möbelpacker. Ein Jahr nach Thomas' Geburt kam Saskia zur Welt. „Sie war ein Unfallkind“, sagt Frau L. Doch sie habe sich immer ein Mädchen gewünscht. „Ich liebe Kinder über alles“, fügt sie hinzu, und es klingt fast entschuldigend. Wie auch die Begründung für ihre erste Scheidung: Für ihre Kinder tue sie alles.

          Seit der Scheidung hat der Vater von Thomas und Saskia keinen Unterhalt gezahlt. Oft schickt Frau L. deshalb Thomas zu seinem Vater. Der steckt dem Jungen dann einen Zehner oder einen Zwanziger zu. Jedenfalls war das bislang so. Doch mittlerweile hat er mitbekommen, dass sein Sohn nur wegen des Geldes zu ihm kommt. Frau L. macht ihrem ersten Ehemann keine Vorwürfe. „Er ist doch auch nur Möbelpacker und kommt gerade so über die Runden.“

          Auch in München gibt es Armut

          Nachdem sie ihren ersten Ehemann verlassen hatte, lernte Frau L. einen neuen Mann kennen. Es gab Probleme mit ihm und Saskia. Frau L. trennte sich von dem Mann, doch da war es schon zu spät. Saskia wurde in ein Heim gebracht, und Frau L., die im dritten Monat schwanger war, verlor ihr Kind. Saskia kann sie seitdem nur einmal im Monat sehen und auch nur, wenn Klaus Loy, ihr Betreuer von der flexiblen Jugendhilfe München, dabei ist.

          Acht Jahre ist Saskia jetzt schon in dem Heim. Klaus Loy betreut Frau L. seit drei Jahren. Drei Stunden und mehr verbringt er in der Woche mit ihr. Auch Thomas hat der Sozialpädagoge unterstützt, bis der keine Lust mehr hatte. Loy ist Ansprechpartner für Probleme aller Art. Für Frau L. ist er so etwas wie ein guter Freund.

          Loy kennt viele Schicksale, die dem von Frau L. ähneln. Armut ist auch im wohlhabenden München keine Ausnahme. „Kinderreichtum ist auch eine Armutsfalle“, sagt Loy. Viele alleinerziehende Mütter suchten Hilfe bei ihm. „Es gibt Kinder, die tagsüber hungern.“ Loy hat mit Kindern zu tun, die kein Frühstück kennen und deren Eltern sich selbst das Mittagessen, das die Jugendhilfe für ein oder zwei Euro anbietet, nicht leisten können.

          Manchmal gibt es auch Blumen

          Zweimal im Monat, wenn sie Geld bekommt, geht Frau L. einkaufen, füllt den Kühlschrank und das Gefrierfach auf. Mehr ist nicht drin. Nur die Gänge zur Ausgabestelle der Münchner Tafel. Jeden Donnerstag reiht sich Frau L. in die Menschenschlange ein, zeigt ihren Berechtigungsschein vor, den sie nach Vorlage ihres Sozialhilfebescheids bekommen hat, und steckt das von Händlern gespendete Obst und Gemüse in ihre Tüten.

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