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Kinder als Krieger : Zum Töten rekrutiert

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Kindersoldaten in der Armee von Sierra Leone (Bild aus dem Jahr 2000) Bild: AFP

Sie sind gerade acht oder zehn Jahre alt - und werden schon in kriegerische Konflikte hineingezogen. Ein UN-Bericht listet dramatische Fälle aus 23 Staaten auf, in denen Kinder als Krieger missbraucht werden.

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          Es ist ein Dokument des Grauens: Auf 50 Seiten listet ein neuer Bericht der Vereinten Nationen Fälle aus 23 Staaten auf, in denen Kinder in Kriege hineingezogen, gequält, gefoltert oder getötet wurden. Im vergangenen Jahr, so der Bericht des UN-Generalsekretärs über „Kinder und bewaffnete Konflikte“, hätten die UN mehr als 4000 Fälle dokumentiert, in denen Konfliktparteien Kinder und Jugendliche rekrutierten. Die Dunkelziffer sei hoch.

          In Syrien missbrauchten gleich mehrere Organisationen Kinder für ihre Zwecke, darunter die Freie Syrische Armee, die kurdischen Volksschutzeinheiten, die Al-Nusra-Front und die Gruppe „Islamischer Staat im Irak und (Groß-)Syrien“ (Isis). Manche Kinder würden als Kämpfer eingesetzt, manche, um die Logistik zu unterstützen, Munition zu verwalten oder Wachposten zu besetzen. Die Kindersoldaten würden im Kriegshandwerk ausgebildet, indoktriniert und entlohnt. So zahle etwa die Freie Syrische Armee Kindern ab 14 Jahren zwischen 4000 und 8000 Syrischen Pfund pro Monat, das sind 20 bis 40 Euro. Isis entlohnt seine Kinder-Kämpfer angeblich wie Erwachsene. Damit bekämen sie 35.000 Syrische Pfund, etwa 170 Euro. Mehr als 10.000 Kinder sind nach UN-Angaben seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs getötet worden.

          „Signifikanter Anstieg von Tötungen“

          Berichte über Vergewaltigungen von Jungen und Mädchen in von der Regierung kontrollierten Gefängnissen gibt es schon länger. Nun häufen sich die Klagen über Nötigungen und Vergewaltigungen an Checkpoints der Regierungstruppen. Dabei sollen die Täter manchmal besonders perfide vorgehen: Sie verschleppen Jugendliche, vergehen sich tagelang an ihnen und bringen sie dann in ihre Dörfer zurück, wo sie als Vergewaltigungsopfer bloßgestellt und der Stigmatisierung und Zurückweisung in ihren Gemeinden ausgesetzt werden.

          Im Irak konstatiert der UN-Bericht für das vergangene Jahr einen „signifikanten Anstieg“ von Tötungen. Unter den 7818 zivilen Opfern seien mindestens 248 Kinder. Es ist die höchste Opferzahl seit sechs Jahren. Für die meisten Toten seien Isis und „Al Qaida im Irak“ verantwortlich. Die UN zählten 27 Angriffe auf Schulen und medizinische Einrichtungen. Meistens wurden sie mit Sprengsätzen ausgeführt. So wie am 6. Oktober in der Stadt Qabak. 15 Kinder wurden damals getötet und mehr als hundert verletzt, als eine gebastelte Bombe auf dem Spielplatz einer Grundschule detonierte.

          Wiederholt erreichten die UN Berichte über Kinder, die Checkpoints der irakischen Armee besetzten. Der Regierung unter Ministerpräsident Maliki wirft der UN-Report vor, noch immer nicht genügend zu tun, um Kinder zu schützen. Es müssten dringend Gesetze her, die es unter Strafe stellen, Kinder in Konflikte hineinzuziehen.

          Wer floh, wurde erschossen

          In Nigeria benutzt die Terrorgruppe Boko Haram Kinder, um Informationen zu gewinnen, Bewegungen der Sicherheitskräfte auszuspionieren, Waffen zu transportieren und bei Angriffen mitzuwirken - darunter Brandstiftung in Schulen und Kirchen. In ihrem Hass gegen westliche Werte wie Bildung hat Boko Haram schon Hunderte Kinder getötet oder verstümmelt.

          Im vergangenen Juli wurde eine weiterführende Schule im Bundesstaat Yobe zum Ziel der Islamisten. Die Angreifer kamen in der Nacht, als die Kinder schliefen, und steckten Teile des Internats in Brand. Schüler, die vor den Flammen flüchteten, wurden erschossen. Die Angaben über die Zahl der Todesopfer dieses Attentats schwanken zwischen 18 und 42.

          In Afghanistan haben die UN die Rekrutierung von 97 Jungen dokumentiert. Die jüngsten unter ihnen waren gerade einmal acht Jahre alt. Die Mehrheit der Kinder wurde von Aufständischen wie den Taliban oder dem Haqqani-Netz missbraucht, neun von ihnen wurden für Selbstmordanschläge eingesetzt. Bei den genannten Zahlen handelt es sich nur um dokumentierte Fälle; die tatsächliche Zahl dürfte viel höher liegen.

          Auch die offiziellen Sicherheitskräfte des Landes bekommen in dem UN-Bericht die Leviten gelesen. Polizei und Armee hätten Dutzende Kinder rekrutiert. In einem Fall wurde ein zwölf Jahre alter Junge getötet, als Polizisten ihn zwangen, ein verdächtiges Objekt zu inspizieren. In der Provinz Kunar setzte die Armee einen Jungen als Träger ein; er starb, als er auf einen zusammengebastelten Sprengsatz trat.

          Zudem kritisiert der Bericht die andauernde, „Bacha Bazi“ genannte Praxis, Jungen als „Sexsklaven“ einzusetzen. In Afghanistan hat dieses „Knabenspiel“ Tradition.

          Das Traurige an dem UN-Bericht ist auch, dass in ihm manche Staaten seit Jahren immer wieder auftauchen. Die Zustände dort haben sich kaum gebessert. Andere Konfliktparteien wie Boko Haram in Nigeria sind neu aufgenommen worden. Die Täter werden selten belangt, die UN sprechen von einer Situation der „totalen Straflosigkeit“. Für Kinder in den krisengeschüttelten Ländern war 2013 ein besonders düsteres Jahr.

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