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Kim Dotcom : Wieder ganz groß im Geschäft

Gefällt sich in seiner neuen Rolle: Kim Schmitz alias Kim „Dotcom“ am Montag in Auckland Bild: Getty

Der in Deutschland mehrfach verurteilte Internetunternehmer Kim Schmitz alias Kim „Dotcom“ mischt in seiner neuen Heimat Neuseeland die Politik auf. Er sucht die Nähe zu Edward Snowden und gefällt sich in der Rolle als politischer Aktivist - gegen Überwachung im Internet.

          8 Min.

          Es ist Samstag kurz vor neun, die Luft noch frisch und feucht von der Nacht. Auf den Nachbarhügeln hinter dem Anwesen weiden Pferde und Schafe, zwei Enten flattern auf. Hinter dem Haupthaus steigt aus einem kleinen Pool weißer Dunst auf. Ein paar Meter weiter sitzen Männer an einem langen Holztisch. Der Herr des Hauses ist der Deutsche Kim Schmitz. Heute nennt er sich mit Nachnamen Dotcom. Dotcom hat sich ans Kopfende gesetzt. Mit am Tisch sitzen der amerikanische Journalist Glenn Greenwald, der durch die Enthüllungen des früheren Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden berühmt geworden ist, sowie der kanadische Rechtsanwalt Robert Amsterdam. Greenwald redet, ein neuseeländischer Journalist macht Notizen.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Der Amerikaner verspricht „eine der größten politischen Stories des Jahres“. Greenwalds Plan: in den folgenden Tagen den Beweis zu erbringen, dass sich der amerikanische Militärgeheimdienst NSA und der neuseeländische Geheimdienst GCSB an Massenüberwachung der Bevölkerung in Neuseeland betätigen. Die Regierung von Premierminister John Key hatte dies bislang bestritten. „Du weißt, was Glenn dir eben gesagt hat?“, fragt Kim Dotcom den neuseeländischen Journalisten, als sie sich voneinander verabschieden. „Er hat im Wesentlichen gesagt, dass John Key lügt“, sagt Kim Dotcom. Der in Kiel geborene Sohn eines Deutschen und einer Finnin möchte sichergehen, dass die Botschaft auch angekommen ist.

          Der Tag markiert den Beginn eines der größten Überwachungsskandale in der Geschichte Neuseelands. Auch Edward Snowden bekommt darin einen eigenen Auftritt, aber das ist erst am Montag, unter der Regie von Kim Dotcom. Die Folgen der Affäre sind kaum abzusehen. Denn erst am kommenden Wochenende wählt Neuseeland ein neues Parlament. Premierminister John Key strebt eine dritte Amtszeit an. Es gibt keine Zweifel, dass er sie auch bekommt, obwohl er vor kurzem schon mit einem anderen Skandal zu kämpfen hatte. In seinem Buch „Dirty Politics“ hatte der Autor Nicky Hager enthüllt, wie Mitarbeiter der Key-Regierung Details über politische Gegner an einen dubiosen Blogger weitergegeben hatten.

          Schwieriges Verhältnis zu deutscher Heimat

          Kim Dotcom mutmaßt, der Premierminister könnte vor laufender Kamera kleine Kätzchen mit einer Schrotflinte abschießen – und die Leute würden ihn immer noch mögen. Durch die Überwachungsaffäre ist der Regierungschef aber auch trotz seiner Beliebtheit unter Druck geraten. Daran hat auch der Deutsche seinen Anteil. Er hat die Enthüllungen der vergangenen Tage orchestriert. Unter dem Namen „Internet Party“ schickt er zudem seine eigene Partei gegen John Keys „National Party“ ins Rennen. Sie hat sich mit der Maori-Partei „Mana“ zusammengetan und kommt in den Umfragen derzeit auf etwa drei Prozent.

          Als Ausländer darf Kim Dotcom selbst nicht fürs Parlament antreten. „Meine Rolle ist die des Gründers und Financiers“, sagt der von der amerikanischen Justiz gesuchte deutsche Internetunternehmer. Sein massiger Leib sitzt mittlerweile allein auf einem Lederstuhl am Ende des Holztisches. Es ist aber weniger seine Körperfülle als vielmehr seine Größe, die auffällt. Ab und zu lässt Dotcom ein verschmitztes Lächeln aufblitzen. Er spricht mit norddeutschem Akzent. Zu seiner Heimat hat der 40 Jahre alte Deutsche ein schwieriges Verhältnis. Dort wurde er zweimal zu Bewährungs- und Geldstrafen verurteilt, einmal wegen Computerbetrugs und einmal wegen Insiderhandels. Er soll sich bei einem Geschäft mit dem schwächelnden Internetunternehmen letsbuyit.com illegale Vorteile verschafft haben. Dabei liebte vor allem der deutsche Boulevard seine protzigen Auftritte mit dicken Autos, teuren Jachten und schönen Frauen. Von Flensburg bis Passau wurde seine Karriere vom Hacker zum Unternehmer, Partylöwen und Multimillionär mit Unglauben und Belustigung verfolgt. Einige seiner früheren Eskapaden sieht Dotcom mittlerweile selbst kritisch. „Als ich in Deutschland war und viel mit den Medien zu tun hatte, da war ich Anfang bis Mitte zwanzig. Wenn man in dem Alter so viel Geld hat wie ich, kann man schon mal ein bisschen vom Boden abheben“, sagt er.

          Was vom Reichtum übrig blieb: Das Anwesen des Internetmillionärs in Coatesville

          Seine Vergangenheit begründet Kim Dotcom mit einer schwierigen Kindheit. Der Vater war Alkoholiker und früh gestorben, die Mutter arbeitete in drei Jobs gleichzeitig. „Mittlerweile bin ich selbst Familienvater mit fünf Kindern“, sagt Dotcom. Die Kinder nennt er auch als Grund für seinen Umzug nach Neuseeland. In seinen Garten hat er für sie eine Giraffenstatue in Lebensgröße gestellt. Kim Dotcom hatte einige Zeit in Thailand sowie in Hongkong gelebt. Als er auf die abgelegene Insel im Südpazifik kam, war er längst Multimillionär. Als junger Unternehmer hatte er seine Firma an den TÜV Rheinland verkauft, später hatte er als Mitgründer des Datenspeicherdiensts „Megaupload“ im Jahr 2010 allein 42 Millionen Dollar verdient. Von seinem Reichtum zeugt das Anwesen Coatesville in einem exklusiven Vorort der Finanzmetropole Auckland. Am Eingangstor steht die Aufschrift „Dotcom Mansion“. Das von ihm nur gemietete Anwesen soll 35 Millionen Dollar wert sein, das Grundstück 24 Hektar groß. Es ist angeblich das größte und teuerste Privathaus des Landes. Vor dem Haupthaus steht ein großer Mercedes-Geländewagen mit dem Kennzeichen „Kim.com“. Drinnen hängen an den Wänden überall große Fernsehbildschirme, daneben Fotos des exzentrischen Millionärs. Es gibt einen Billardtisch, einen langen Spieltisch und ein Tischfußballgerät. An die Terrasse schließt ein Tennisplatz an. Kim Dotcoms Vermögen ist noch mehr als das, was hier zu sehen ist. Das meiste wird von der neuseeländischen Polizei unter Verschluss gehalten, darunter angeblich 18 Autos und Konten mit Millionen von Dollar.

          In Amerika wird gegen Dotcom wegen massiver Urheberrechtsverletzungen, Piraterie und Geldwäsche auf „Megaupload“ ermittelt. Das FBI, das ihm eine „Mega-Verschwörung“ nachsagt, versucht seine Auslieferung zu erwirken. Im Januar 2012 wurden die grünen Hügel von Coatesville deshalb Schauplatz eines „völlig abnormen“ Einsatzes, wie Dotcoms Anwalt Robert Amsterdam sich ausdrückt. Mit Hubschraubern verschaffte sich die Polizei im Morgengrauen Zugang zu dem Grundstück. „Es hätte nicht gereicht, mal eben an die Tür zu klopfen“, soll einer der beteiligten Polizisten gesagt haben.

          Kampf gegen die Auslieferung

          Bei der Erstürmung des Hauses fanden sie einen verängstigten Kim Dotcom im „Panikraum“ der Villa hinter Sicherheitstüren. Die Sicherheitskräfte führten ihn ab und steckten ihn in eine Zelle. Noch heute beschreibt Kim Dotcom das traumatische Erlebnis. „Es waren 72 Leute, die mein Haus stürmten mit Sturmgewehren. Sie ängstigten meine Frau und trennten uns von den Kindern.“ Das Unternehmen „Megaupload“ wurde zerschlagen. Es hieß, die Firma, auf deren Website Nutzer auch MP3’s und Kinofilme tauschten, habe allein der Musikbranche 500 Millionen Dollar Schaden zugefügt.

          Der Deutsche findet es unfair, dass er für die Vergehen seiner Nutzer verantwortlich gemacht werden soll. Er kämpft gegen seine Auslieferung. Nicht ohne Erfolg. Das Höchste Gericht in Neuseeland erklärte die Hausdurchsuchung im Nachhinein für unrechtmäßig. Doch sein Vermögen bleibt bis mindestens April kommenden Jahres eingefroren. Allerdings hat Kim Dotcom unter dem Namen „Mega“ längst schon die nächste Plattform zur Datenspeicherung gestartet. Diesmal werden die Daten so verschlüsselt, dass niemand sie identifizieren kann.

          Dotcom bestreitet, dass er sich aus eigennützigen Motiven in die Politik seines Gastlandes eingemischt hat und nur Rache üben wolle. „Aber ich gebe schon zu, dass mein Fall mich radikalisiert hat.“ Am Tag nach dem Gespräch brummt es abermals in seinem Anwesen, an einem Tisch sitzen junge Leute vor Computerbildschirmen. In der Küche liegt ein Stapel mit roten Plakaten, auf denen für einen „Moment der Wahrheit“ geworben wird. Für den Montag hatte die „Internet Mana Party“ zum Enthüllungsabend mit Glenn Greenwald und weiteren geheimen Gästen geladen. Dahinter verbergen sich die beiden berühmtesten „Whistleblower“ der Welt, der Australier und Wikileaks-Gründer Julian Assange und der amerikanische frühere Geheimdienstler Edward Snowden. Der eine soll sich per Internetverbindung aus seinem Exil in Moskau melden, der andere aus der ecuadorianischen Botschaft in London. Der Deutsche sucht offenbar die Nähe dieser Figuren, die für Internetfreiheit, Privatsphäre und Datensicherheit stehen. Er will sich vom umstrittenen Unternehmer zum Aktivisten verwandeln.

          Dotcom wurde illegal abgehört

          Während er in Deutschland wohl auf ewig als vorbestrafter Exzentriker gelten wird, sind die Menschen in Neuseeland offenbar eher bereit, ihm seine Rolle auch abzunehmen. Kim Dotcoms Fall habe seinem Ruf in Neuseeland sogar geholfen, sagt sein Anwalt. So war Kim Dotcom selbst ein Ziel der Überwachung, die Snowden mit seinen NSA-Dokumenten enthüllt hatte. Neuseeland ist Teil des angloamerikanischen Überwachungsbündnisses „Five Eyes“, zu dem neben den führenden Amerikanern auch noch die Briten, Kanadier und Australier gehören.

          Nach der Durchsuchung seines Anwesens kam heraus, dass Dotcom illegal abgehört worden war, und dies ohne Terrorverdacht. Zudem wisse er, dass der Geheimdienst Daten über ihn aus einer Spionage-Datenbank der Amerikaner geladen habe („XKeyscore“), sagt Dotcom. Der Deutsche wirft der Regierung von John Key vor, seinen Umzug nach Neuseeland überhaupt nur erlaubt zu haben, um ihn später an Amerika ausliefern zu können. Das Filmstudio Warner Brothers soll Druck ausgeübt haben. Als Gegenleistung sollten die Dreharbeiten der „Hobbit“-Filme in Neuseeland stattfinden, erzählt Dotcom. Als angeblichen Beweis dafür veröffentlichte die Zeitung „New Zealand Herald“ am Montag eine E-Mail. Sie stammte von einer Führungskraft des Unternehmens und war an einen Vertreter der „Motion Picture Association in America“ gerichtet, eine Lobbyvereinigung der Filmindustrie. In der E-Mail ist von einem Treffen mit John Key die Rede. Dabei soll dieser seine Unterstützung im „Fall Dotcom“ zugesagt haben.

          Demnach sollte dem Deutschen zunächst bei seinem Ansinnen geholfen werden, sich in Neuseeland anzusiedeln, auch gegen den Widerstand der Behörden wegen Dotcoms krimineller Vergangenheit. Das Ziel war offenbar, ihn anschließend in die Vereinigten Staaten abschieben zu können. Die E-Mail sorgt sogleich für Wirbel. Das Hollywoodunternehmen bezeichnet sie noch am Veröffentlichungstag als „Fälschung“. John Key erklärt, ein solches Treffen habe es nie gegeben. Am Abend stehen dann Hunderte Bürger Schlange vor Aucklands Stadthalle, um Einlass zu Kim Dotcoms „Moment der Wahrheit“ zu bekommen. Als um 19 Uhr der Deutsche, die Spitzenkandidatin der „Internet Mana Partei“, Laila Harré, Greenwald und Amsterdam die Bühne betreten, erheben sich die Menschen. Es gibt Ovationen für die Protagonisten. Kim Dotcom reißt die Arme hoch. Es soll sein großer Abend werden: Ein Meilenstein in der Neuerfindung des großen Jungen aus Kiel-Mettenhof.

          Live-Schaltung zu Snowden

          Nach einer Begrüßung durch die Spitzenkandidatin beginnt der Journalist Glenn Greenwald mit einem Vortrag. Er kritisiert den Premierminister Neuseelands, der ihn in den Tagen zuvor mehrfach als „Handlanger Kim Dotcoms“ verunglimpft hatte. Die Behauptung, dass er von dem Deutschen für seinen Auftritt bezahlt worden sei, weist Greenwald von sich. Etwas später wird auf die Leinwände das Live-Bild Edward Snowdens projiziert. Das Publikum bricht in Begeisterungstürme aus, Snowden lächelt scheu.

          Snowden berichtet aus seiner Zeit bei der NSA, wo er über das Programm „XKeyscore“ Zugang zu den Daten aus der Massenüberwachung in Neuseeland gehabt habe. „Wenn Sie in Neuseeland leben, werden Sie beobachtet“, hat er zuvor in einem Artikel geschrieben. Seinen Angaben zufolge ist das neuseeländische Spähprogramm „Speargun“ mit der Verabschiedung eines neuen Spionagegesetzes im vergangenen Jahr erst richtig in Gang gekommen. Das Gesetz galt auch als eine Reaktion der Key-Regierung auf die als illegal eingestufte Überwachung Kim Dotcoms.

          Der Premierminister dementiert gleichzeitig die Vorwürfe gegen ihn und veröffentlicht Dokumente, die das untermauern sollen. Kim Dotcom sitzt während der ganzen Veranstaltung selbstzufrieden am Rand. Er enthält sich längerer Kommentare, bedankt sich nur bei „Julian“ und „Edward“, seinen „Helden“. Er wäre aber wohl nicht Kim Dotcom, wenn an diesem Abend nicht auch noch sein Geschäftssinn geweckt worden wäre. Geschickt verbindet er politisches Engagement mit Unternehmertum. „Es gibt zwei Wege, gegen Massenüberwachung zu kämpfen: erstens politisch und zweitens technologisch, durch Verschlüsselung“, sagt Dotcom. Die Live-Verbindung zu Assange und Snowden sei über einen neuen, verschlüsselten Kommunikationsdienst seines Unternehmens zustande gekommen.

          Nach der Veranstaltung stellt sich der Deutsche dann noch für ein paar Minuten den Fragen der Presse. Dabei fühlt er sich offenkundig unwohl. Die neuseeländischen Journalisten wollen ihn zu der E-Mail befragen, in der es um seinen Fall geht. Kim Dotcom wird wütend, weil die Journalisten sich weniger für Neuseelands Spionagetätigkeiten interessieren. Und er weiß auch, dass er die kommende Wahl nicht mehr ganz zu seinen Gunsten umdrehen kann. Dotcom plant für die Zukunft. Er will auch in anderen Ländern Internetparteien aufmachen. Zunächst in Amerika – und später sei vielleicht auch Deutschland dran.

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