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Katholische Kirche : Papst plant Berlin-Besuch - und verliert an Zustimmung

  • Aktualisiert am

Im Jahr 2005 wurde Benedikt XVI. beim Weltjugendtage in Köln begeistert gefeiert Bild: picture-alliance/ dpa

Laut einer Umfrage sind nach dem Eklat um Lefebrve-Bischof und Holocaust-Leugner Richard Williamson immer weniger Deutsche mit Benedikt XVI. zufrieden. Die Deutsche Bischofskonferenz erwartet, dass der Papst 2010 Berlin einen Staatsbesuch abstatten wird.

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          Die Zustimmung für Papst Benedikt XVI. in der deutschen Bevölkerung scheint nach dem Eklat um den Bischof und Holocaust-Leugner Richard Williamson zu bröckeln. Hatten beim Amtsantritt von Joseph Ratzinger als Papst im April 2005 noch fast zwei Drittel der Deutschen (63 Prozent) von einer guten Wahl gesprochen, so sind jetzt nur noch 42 Prozent mit seiner Arbeit sehr zufrieden oder zufrieden. Dies ergab eine repräsentative Umfrage von Infratest dimap Anfang der Woche im Auftrag der ARD.

          Auf großes Unverständnis stieß die Entscheidung des Papstes, die Exkommunikation von Williamson und drei weiteren Bischöfen der erzkonservativen Piusbruderschaft aufzuheben. Fast zwei Drittel der Befragten (65 Prozent) sprachen sich dafür aus, Williamson wieder aus der katholischen Kirche auszuschließen. Lediglich jeder vierte (27 Prozent) sagte, er könne in der Kirche bleiben, dürfe aber kein Amt ausüben. Williamson bestreitet die historische Tatsache, dass in den Gaskammern der Nazis sechs Millionen Juden ermordet wurden. Der päpstlichen Forderung nach Widerruf ist der Brite bisher nicht nachgekommen.

          Papst will deutsche Einheit feiern

          Indes plant Papst Benedikt nach Angaben der Bischofskonferenz zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit 2010 seinen dritten Deutschlandbesuch. Er gehe davon aus, dass es im kommenden Jahr einen Staatsbesuch geben werde, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch im ZDF. Eine Bestätigung des Präsidialamts lag am Freitag zunächst nicht vor.

          „Wir sind Papst”? Die Deutschen gehen in jüngsten Umfragen auf Distanz

          Bundespräsident Horst Köhler hatte den deutschen Papst 2006 zu einem Staatsbesuch eingeladen. Neben Berlin sind nach Zollitschs Worten Aufenthalte des Papstes in Freiburg und Thüringen im Gespräch. Erwogen würden Besuche in Erfurt, dem katholischen Eichsfeld und auf der Wartburg in Eisenach, wo der Reformator Martin Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt hatte. Zollitsch sagte in der ZDF-Sendung „Berlin direkt“, die am Sonntag ausgestrahlt werden soll, bis 2010 werde vieles wieder so ruhig geworden sein, das man den Papst mit Freude und Begeisterung aufnehmen könne. Benedikt war seit seiner Wahl zum Papst zweimal in Deutschland. 2005 nahm er am Weltjugendtreffen in Köln teil, 2006 besuchte er Orte in seiner bayerischen Heimat.

          Mangelnde „Kultur der Kommunikation“ des Vatikans

          Nach Ansicht von Vatikansprecher Federico Lombardi hat der Fall Williamson Kommunikationsdefizite in der Kurie offengelegt. Zugleich nahm Lombardi in der französischen katholischen Tageszeitung „La Croix“ (Freitagsausgabe) Papst Benedikt XVI. in Schutz. In der Vatikanverwaltung müsse erst noch eine „Kultur der Kommunikation“ geschaffen werden. Jede Abteilung kommuniziere eigenständig, ohne zwangsläufig an eine Zusammenarbeit mit der Presseabteilung des Vatikans zu denken. Es sei ein „heikler Punkt“, wer die Meinung Williamsons gekannt habe, meinte Lombardi. Papst Benedikt XVI. habe das nicht gewusst. Wenn es jemand gewusst habe, sei es der Präsident der zuständigen Päpstlichen Kommission, Kardinal Darío Castrillon Hoyos, gewesen.

          Auch Erzbischof Zollitsch kritisierte scharf den mangelnden Informationsfluss im Vatikan. Bei der Aufhebung der Exkommunikation des Holocaust- Leugners Richard Williamson habe man „den Papst leichtfertig ins Messer laufen lassen“, sagte Zollitsch im ZDF. Kardinal Hoyos hätte sich vergewissern müssen, „was für Personen“ die betroffenen vier Mitglieder der Piusbruderschaft seien. Dass dies nicht geschehen und der Papst nicht informiert worden sei, sei „ein offenes Versagen“. Zollitsch rechnet mit einem Bruch der Kirche mit der Bruderschaft, deren Einlenken nicht zu erwarten sei.

          Eine Dummheit?

          Unterdessen wurden Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Kurie zum Fall Williamson deutlich. Vatikansprecher Lombardi bezeichnete die Leugnung des Holocaust als „absolut inakzeptabel“, die widerrufen werden müsse. Dagegen nannte der vatikanische Gesundheitsminister, Kardinal Javier Lozano Barragán, Williamsons Äußerungen eine „Dummheit“, für die niemand exkommuniziert werden müsse.

          Der 76 Jahre alte Mexikaner sagte der spanischen Zeitung „El Mundo“ auf die Frage, wie es sein könne, dass der Papst nichts von den Thesen Williamsons gewusst habe und ob dies nicht bedeute, dass in der Kurie und im Umfeld von Benedikt XVI. etwas nicht funktioniere: „Wir haben eben kein FBI.“

          Nach einem Bericht des „Kölner Stadt-Anzeigers“ ist die Piusbruderschaft weiter auf Konfrontationskurs. Für Ende Juni seien bereits die nächsten Priesterweihen angesetzt, obwohl solche Weihen den vier abtrünnigen Bischöfen der Bruderschaft verboten seien, berichtete die Zeitung. Bischofsweihen führen nach dem Kirchenrecht automatisch zur Exkommunikation, Priesterweihen werden als geringere Vergehen geahndet.

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