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Katholische Kirche : Laien fordern „Richtungswechsel“

Alois Glück: „Grundlagen für neues Vertrauen schaffen” Bild: dpa

Unter dem Eindruck von „Entsetzen, Enttäuschung und Wut“ verlangt der neue Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, einen „Richtungswechsel“ in der Missbrauchsdebatte und damit einhergehend eine „Erneuerung der Kirche“.

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          Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) hofft angesichts der weltumspannenden Berichte über sexuellen Missbrauch auf eine „Erneuerung der Kirche“. Unter dem Eindruck von „Entsetzen, Enttäuschung und Wut“ verlangte der neue Präsident des ZdK, Alois Glück, unter demonstrativem Beifall der mehr als 150 Teilnehmer der Frühjahrs-Vollversammlung des ZdK, nicht länger auf den Schutz der Institution abzustellen, sondern die Perspektive der Opfer einzunehmen.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Dieser „Richtungswechsel“ werde weit über die Missbrauchsdebatte hinaus Auswirkungen haben, sagte der langjährige CSU-Politiker voraus. Der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst, der im ZdK die Deutsche Bischofskonferenz repräsentiert, pflichtete dem Präsidenten bei. In den Augen des Bischofs befindet sich die Glaubwürdigkeit der Kirche in Deutschland in ihrer „größten Krise“ seit Menschengedenken.

          „Eine Fixierung auf das Versagen Einzelner reicht nicht aus“, sagte Glück in seinem ersten „Bericht zur Lage“ als Präsident des ZdK und bezog „Papst, Bischöfe und Laien“ in das Verlangen nach Erneuerung ein. Autorität wiederzugewinnen gelinge der Kirche weder, indem sie Ansprüche an die Gesellschaft und den Staat stelle, sich gekränkt oder beleidigt gebe oder sich - auf ein populäres Kirchenlied anspielend - als „Haus voll Glorie“ darstelle. Vertrauen gewinne „unsere Kirche“ nur zurück durch überzeugenden Dienst für die Menschen, Wahrhaftigkeit mit Blick auf die Schwächen und die Stärken der Kirche und eine starke spirituelle Ausstrahlung.

          „Graben zwischen dem Leben der Gläubigen und der Lehre der Kirche“

          Als vordringlich bezeichnete Glück das Bestreben, „Grundlagen für neues Vertrauen zu schaffen“, etwa durch eindeutige Regelungen für die Zusammenarbeit mit dem Staat. Freilich müssten diese in ganz Deutschland einheitlich gehandhabt werden, unabhängig von den unterschiedlichen kirchenrechtlichen Zuständigkeiten in Diözesen und Ordensgemeinschaften. „Das ist die allgemeine Erwartung an unsere Bischofskonferenz“, hieß es vielsagend.

          Später, „aber nicht irgendwann“, seien tabufreie Beratungen darüber notwendig, welche Schlussfolgerungen für die Gestalt der Kirche und insbesondere das Verhältnis von Amtsträgern und Laien gezogen werden müssten. In die gleiche Richtung wies der Berliner Jesuit Mertes, der als Rektor des Canisius-Kollegs im Januar die Mauer des Schweigens über Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen zum Einsturz gebracht hatte.

          In München warnten Mertes wie auch der vormalige Bundestagsvizepräsident Thierse im Sinne Glücks davor, die eigene Gewissenserforschung zu früh zu beenden. Der „Graben zwischen dem Leben der Gläubigen und der Lehre der Kirche“ sei immer größer geworden, sagte Thierse unter Hinweis auf den „Abwehrkampf der Papstkirche“ gegen abweichende Auffassungen auf dem Gebiet der Sexualmoral. Gleichzeitig sei sexuelle Gewalt in der Kirche jahrzehntelang vertuscht und der Zölibat und die vielen Verstöße gegen ihn mit einem Tabu umgeben worden. Für die Kirche insgesamt hoffte er angesichts des Missbrauchsskandals, sie möge „der Gesellschaft ein Beispiel geben, wie man mit einer solchen Schande ehrlich und aufrichtig umgeht“.

          Kritik an der Haltung von Papst Benedikt XVI. angesichts der weltweiten Enthüllungen über sexuelle Übergriffe von Geistlichen wurde in der ausgiebigen Aussprache nicht laut. Mehrere Teilnehmer hoben die „Klarheit“ der Aussagen des Papstes in dem Brief an die irischen Katholiken hervor und schlossen sich der Einschätzung des ZdK-Präsidenten Glück an, jener Brief sei „der Maßstab und die Orientierung für unsere Bischofskonferenz“. Dass sich Benedikt XVI. gesondert zur Lage der katholischen Kirche in Deutschland äußere, hielt niemand für erforderlich. Thierse sprach indes von „Zorn auf den Vatikan“; vieles, was dort in den zurückliegenden Wochen und Monaten gesagt wurde, sei „für die Kirche ganz furchtbar“.

          Unmut über das schweigen Zollitschs

          Blankes Unverständnis geäußert wurde in der Debatte angesichts des langen Schweigens des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, des Freiburger Erzbischofs Zollitsch. Nicht in den Äußerungen Glücks, wohl aber in mehreren Debattenbeiträgen fiel der Name Zollitsch in einem Atemzug mit den Namen von Bischöfen wie Müller (Regensburg) und Mixa (Augsburg), denen viele ZdK-Mitglieder militante Ignoranz angesichts der größten Krise der Kirche in Deutschland seit Menschengedenken attestierten. Nicht durch Beifall bestätigt wurde der Dank des ZdK-Präsidenten für das Engagement des Trierer Bischofs Ackermann als Missbrauchsbeauftragtem der Bischofskonferenz.

          Wie die Bischofskonferenz auf die „Vertrauenskrise“ reagieren wird, ließ sich den Äußerungen des Rottenburger Bischofs Fürst nicht entnehmen. Allerdings umriss Fürst das Ausmaß des Vertrauensverlustes mit dem Hinweis, dass sich die Zahl der Kirchenaustritte im Bistum Rottenburg-Stuttgart im vergangenen Monat gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres auf mehr als 2400 verdreifacht habe. Bischof Fürst kündigte an, alle Personen in seinem Bistum, die der katholischen Kirche jüngst den Rücken gekehrt hätten, an drei Terminen zu Gesprächen einzuladen.

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