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Katholische Internetportale : Wächter und Hetzer

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Man könnte kath.net, kreuz.net und gloria.tv als Randphänome abtun. Fellinger hält die Portale nicht für ungefährlich. Es bleibe immer etwas hängen, wenn jemand als Trinker verleumdet werde wie von gloria.tv oder als Schwuler wie von kreuz.net. Und die Websites seien ein Symptom. In seiner Heimatdiözese schreite die Flügelbildung voran, wobei die fortschrittlicheren Katholiken zunehmend wegbrächen. „Was bleibt, ist der rechte Rand. Das sind diejenigen, die sich als der heilige Rest der Kirche fühlen.“

Gewachsenes Bedürfnis nach Verbindlichkeit

„Je mehr die Kirche in der Gesellschaft an Boden verliert, desto stärker blähen sich die Konservativen auf“, glaubt auch David Berger. Als Herausgeber von „Theologisches“ war der habilitierte Theologe fest verankert in traditionalistischen Zirkeln. Dann outete er sich als homosexuell und schrieb ein Buch über die Doppelmoral eines „krass homophoben“ Milieus, das gleichzeitig viele Schwule anziehe. Auf niemanden wurde auf kreuz.net so eingedroschen wie auf den Kölner Theologen, bis hin zu Morddrohungen. Seit seinem Outing sind zwei Jahre vergangen. Berger lebt jetzt in Berlin. In seiner Altbauwohnung stapelt sich die Fachliteratur bis unter die Decke. Es gehe ihm gut, sagt der athletische Mittvierziger, er schreibe an einem neuen Buch.

In Rom werde kreuz.net durchaus gelesen, sagt Berger; Denunziationen auf der Website könnten Karrieren zerstören. Gloria.tv sei dagegen zu unprofessionell, um gefährlich zu sein, das sei eher das Privatprojekt eines Priesters, der sich dem konservativen Erzbischof Haas von Vaduz, dem Vorgänger Huonders in Chur, verbunden fühle. Bei kath.net wiederum scheine die Strategie Schönborns aufzugehen, die Plattform durch Geld zu domestizieren. Berger sieht die Websites als Teil einer religiösen Retrowelle. Theologische Substanz gebe es kaum, dafür gehe es um Regeln, liturgische Formen und Ästhetik. Mit rechtsradikalem Gedankengut könnten Ausläufer dieser Strömungen sich mischen, weil religiöse Traditionalisten und rechtsextreme Fanatiker zum Teil dieselben Feindbilder hätten.

„Ich würde nicht von einer Welle sprechen“, schränkt der Jesuitenpater Medard Kehl ein. Von der Hochschule St. Georgen aus kann er die Frankfurter Bankentürme sehen, unter denen das Leben einer Großstadt brodelt, in der sich Nationalitäten, Religionen und Weltanschauungen treffen. Der emeritierte Dogmatikprofessor überblickt 35 Jahre Priesterausbildung an der Hochschule, schreibt über den Zustand der katholischen Kirche und arbeitet als Pfarrer.

Kreuz.net kenne er, weil sich immer mal wieder Mitbrüder über diese „Dunkelkatholiken“ aufregten. Kehl hält den extremistischen Traditionalismus für eine fehlgeleitete Reaktion auf die Moderne. Dass dieser Traditionalismus ein Forum finde, sei Effekt der neuen Medien. Im Alltag der Gemeinden dominiere dagegen das „normale katholische Mittelfeld“. Was er allerdings beobachte, sei ein gewachsenes Bedürfnis nach Verbindlichkeit. „In der Volkskirche war Kritik am Papst und an den Bischöfen kein Problem.“ Heute müsse er seine Worte vor den Studenten stärker wägen. Wer sich für den Dienst in einer Kirche entscheide, die auf dem Weg in eine Minderheitenposition sei, suche eher eine Leitfigur wie den Papst und habe ein stärkeres Bedürfnis nach Abgrenzung.

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