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Katholisch-jüdischer Dialog : „Sensibler Umgang mit dem Wort Holocaust“

  • Aktualisiert am

Im Dialog: Kardinal Lehmann und Spiegel Bild: REUTERS

Angebliche Relativierungen der nationalsozialistischen Judenvernichtung durch führende Vertreter der katholischen Kirche waren Thema beim Treffen von Kardinal Lehmann mit dem Präsidenten des Zentralrates der Juden, Paul Spiegel.

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          Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, und der Präsident des Zentralrates der Juden, Spiegel, wollen die Zusammenarbeit zwischen jüdischer Gemeinschaft und katholischer Kirche in Deutschland intensivieren.

          Im Anschluß an eine Unterredung in Mainz kündigten Lehmann und Spiegel an, eine gemeinsame Arbeitsgruppe zu berufen, die sich mit gesellschaftlichen und ethisch-religiösen Fragen befassen soll, die die Bischofskonferenz und den Zentralrat berührten.

          Streit verschärft

          Anlaß des kurzfristig anberaumten Treffens waren angebliche Relativierungen der nationalsozialistischen Judenvernichtung durch führende Vertreter der katholischen Kirche. So hatte Spiegel Kölns Erzbischof Meisner vorgeworfen, die Abtreibung von Kindern mit dem Holocaust verglichen zu haben.

          Verschärft wurde der Streit durch die von Meisner herausgegebene Kirchenzeitung für das Erzbistum, die aus einem vertraulichen Protokoll des Ständigen Rats der Bischofskonferenz zitiert hatte, daß die Bischöfe dem Kardinal für seine Äußerungen gedankt und den Zentralrat indirekt kritisiert hätten.

          Zuletzt hatte Spiegel - unter Bezug auf Passagen aus dem jüngsten Buch des Papstes - gesagt, die Spitze der katholischen Kirche habe nicht begriffen, „daß es einen gewaltigen Unterschied gibt zwischen einem fabrikmäßigen Völkermord und dem, was Frauen mit ihrem Körper tun“.

          Besorgt über rechtsextremistische Tendenzen

          Nach ihrem „vertrauensvollen und freundschaftlichen“ Gespräch waren Lehmann und Spiegel nun bemüht, die Wogen zu glätten. Spiegel gab seinem Mitgefühl für den schwer erkrankten Papst Ausdruck und dankte Lehmann, daß er seiner Bitte um ein Treffen schnell entsprochen habe.

          Beide zeigten sich besorgt über ein Wiedererstarken rechtsextremistischer Tendenzen in der deutschen Gesellschaft und in anderen europäischen Ländern. In allen Schichten der Bevölkerung müsse für die Einsicht geworben werden, daß die Wahl rechtsextremer Parteien kein legitimer Ausdruck des Protestes gegen tatsächliche oder vermeintliche politische Mißstände sei.

          Einig waren sich Lehmann und Spiegel darüber, daß die Einzigartigkeit der Ermordung der europäischen Juden nicht relativiert werden dürfe. Auch Kirchenvertreter müßten mit dem Wort "Holocaust" künftig sensibler umgehen, sagte der Kardinal. Weder dürfe es Vergleiche mit anderen Verbrechen geben, noch dürfe die Schoa in einem Atemzug mit der Abtreibung genannt werden.

          Ursache für wachsenden Antisemitismus?

          Lehmann sagte, es sei abwegig, die Kritik an angeblichen Vergleichen als ursächlich für wachsenden Antisemitismus zu verstehen. Spiegel wiederum äußerte "nachdrückliches Verständnis" für die hohe Bedeutung, die die Kirche dem Schutz des ungeborenen Lebens beimesse.

          Vollständige Übereinstimmung haben Lehmann und Spiegel über die Bewertung einiger vom Zentralrat kritisierter Äußerungen von Kirchenvertretern nicht erzielt. Unterschiedliche Ansichten gebe es über die Bewertung des Protokolls. Spiegel zeigte sich indes mit der Klarstellung Lehmanns zufrieden, daß die kritisierten Passagen nicht die einhellige Meinung der Konferenz wiedergäben.

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