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Katalonien-Konflikt : Den Separatisten die Show stehlen

In weiß gekleidete Menschen demonstrierten am Samstag in Barcelona für einen Dialog im Katalonien-Konflikt. Bild: dpa

Nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofes versucht die Regierung in Madrid mit einer Kampagne im Katalonien-Konflikt die Deutungshoheit zu erlangen.

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          Das Vorbild war Hongkong. Wenige Stunden nach dem Urteilsspruch strömten separatistische Aktivisten zum Flughafen von Barcelona und versuchten, ihn lahmzulegen – so, wie es antichinesische Demonstranten im September mehrere Tage lang in Hongkong getan hatten. In Barcelona wurden am Montag mehr als hundert Flüge und am Dienstag noch einmal zwei Dutzend abgesagt, bis auf dem Flughafen langsam wieder der Alltag einkehrte. Die Proteste gingen an anderen Orten weiter. Dieses Mal haben sich jedoch nicht nur die Befürworter der katalanischen Unabhängigkeit gut auf die Tage nach der Verkündung der Urteile im großen Separatistenprozess vorbereitet, sondern auch die Regierung in Madrid.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Als sich vor zwei Jahren die separatistische Führung anschickte, Katalonien unabhängig zu machen, herrschte das große Schweigen in Madrid. Die sozialistische Minderheitsregierung hat dagegen schon lange vor der Urteilsverkündung eine Kommunikationsoffensive begonnen. Der amtierende Ministerpräsident Pedro Sánchez und seine Minister reagierten jetzt, als hätten sie nur einen gemeinsamen Sprechzettel. Noch bevor der Richterspruch vorlag, verbreitete sein Büro das Werbevideo „España, la casa de todos. Everybody’s Land“: Mehrere Minister schwärmen in fünf Sprachen von der Vielfalt des demokratischen Spaniens, auch auf Deutsch. Gleichzeitig mit dem katalanischen Regionalpräsidenten Quim Torra ging Pedro Sánchez vor die Presse und stahl ihm in den Medien die Show. Wenige Stunden später wurden die in Madrid akkreditierten Botschafter persönlich informiert. Die spanischen Botschafter im Ausland suchten ihre Gesprächspartner auf. Im Herbst vor zwei Jahren hatten nur die Vertreter der katalanischen Separatisten einen ähnlich engen Kontakt zu ausländischen Diplomaten, Politikern und Medien gehalten. Der damalige Regionalpräsident Carles Puigdemont gab ein Interview nach dem anderen. Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy begnügte sich indes mit einigen wenigen „institutionellen Erklärungen“. Seine konservative Regierung wollte mit ihrer Zurückhaltung keine zusätzliche Aufmerksamkeit auf den Konflikt lenken. Doch die Strategie hatte den gegenteiligen Effekt: Puigdemont und seine Anhänger standen im internationalen Scheinwerferlicht und konnten ihre Positionen ausführlich erläutern. In Madrid versucht man, aus diesen Versäumnissen zu lernen. Nach dem Regierungswechsel in Madrid richtete der neue Außenminister Josep Borrell den Posten einer Staatssekretärin ein, die für „España Global“ zuständig ist. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Madrid im Katalonien-Konflikt nicht mehr als der Buhmann dasteht. Während dieses Mal die separatistischen Parteien in Barcelona um eine gemeinsame Linie ringen, wirkt die Reaktion aus Madrid wie aus einem Guss. Ein immer wieder vorgebrachtes Argument spitzte der designierte EU-Außenbeauftragte Borrell am Dienstag vor Auslandskorrespondenten noch weiter zu. Der aus Katalonien stammende Sozialist hielt den Separatisten eine „totalitäre Haltung“ vor, weil sie allen Katalanen, die nicht für die Unabhängigkeit sind, absprächen, Katalanen zu sein.

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