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Proteste in Katalonien : Die schweigende Mehrheit erhebt ihre Stimme

Treten für die Einheit Spaniens ein – Demonstranten am Sonntag in Barcelona Bild: Reuters

Hunderttausende demonstrieren dafür, dass Katalonien weiter zu Spanien gehört. Die Opposition hofft auf die Wahlen im Dezember.

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          Der Passeig de Gràcia gleicht einem Meer aus gelb-roten Fahnen. Die spanische Flagge dominiert, aber auch viele katalanischen Fahnen wehen im Wind – die offizielle Senyera, nicht die Estelada der Separatisten. Zwei Tage nach der Ausrufung der katalanischen Republik kehren am Sonntag die Gegner der Unabhängigkeit auf den Boulevard im Zentrum Barcelonas zurück. Erst seit dem Referendum am 1. Oktober finden die Katalanen, die sich gerne als „schweigende Mehrheit“ bezeichnen und weiter zu Spanien gehören wollen, eine politische Stimme. Laut den Veranstaltern der Organisation „Sociedad Civil“, die selbst nur  70 feste Mitglieder hat, demonstrieren dieses Mal noch mehr Menschen als vor drei Wochen: Die Veranstalter sprechen von 1,1 Millionen Teilnehmern, die städtische Polizei hingegen sprach von rund 300.000. 

          Livia Gerster

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Josep Ramon Bosch erwartet dieses Mal mehr als einer Million. „Bei den Wahlen am 21. Dezember wird die schweigende Mehrheit gewinnen. Es war unvermeidbar, den Artikel 155 zu aktivieren, aber er ist nur eine Übergangslösung“, sagt der Mitgründer und frühere Vorsitzende der „Sociedad Civil“. Den Organisatoren geht es nicht darum, sich mit dem Durchgreifen der spanischen Zentralregierung zu solidarisieren. Sie fordern die Rückkehr zu den demokratischen Institutionen, wie sie die spanische Verfassung vorsieht.

          Ihr wichtigster Slogan aber lautet „Todos somos Cataluña“ – mit dem Aufruf „Wir alle sind Katalonien“ wollen sie deutlich machen, dass die Region nicht den Separatisten gehört, sondern allen „de todos“, steht daher auf vielen Plakaten vor dem Hintergrund der spanischen Nationalfarben. Denn Katalonien soll weiter ein Teil Spaniens sein. Neben der spanischen Flagge tragen viele deshalb auch die offizielle katalanische Fahne und die der EU mit sich. Wie schon vor der Wochen, rufen einige Demonstranten wieder „Puigdemont a prisión“ und verlangen, dass der bisherige Regionalpräsident ins Gefängnis kommt; an diesem Montag könnte ihm tatsächlich eine Anklage wegen „Rebélion“ drohen.

          Auf der Abschlusskundgebung spricht am Sonntag wieder der ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments Josep Borrell, der der sozialistischen Partei (PSOE) angehört. Dieses Mal marschiert auch der Vorsitzende der katalanischen Sozialisten (PSC) Miguel Iceta mit. Damit sind alle katalanischen Oppositionsparteien vertreten, die am Freitag unter Protest den Plenarsaal des Regionalparlaments verlassen hatten, bevor die Abstimmung über die Unabhängigkeitserklärung begann. Aus Madrid ist der Vorsitzende der Ciudadanos-Partei Albert Rivera angereist. Einige Demonstranten rufen ihm „Presidente, Presidente“ zu – diesen Titel trägt sowohl der katalanische als auch der spanische Regierungschef. Vor dem Beginn der Demonstration zogen einige vor das Hauptquartier der spanischen Nationalpolizei, in der Via Leietana, um den Beamten ihre Solidarität zu bekunden.

          Nachdem der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy Neuwahlen für den 21. Dezember angekündigt hatte, hofft die katalanische Opposition, besser abzuschneiden als zuvor. Umfragen, die am Wochenende veröffentlicht wurden, deuten an, dass sie mit Stimmgewinnen rechnen und die Befürworter der Unabhängigkeit ihre knappe Mehrheit verlieren könnten. Doch deren Führung zeigt sich von der spanischen Intervention und der Demonstration am Sonntag unbeeindruckt.

          Am Samstag ließ sich der katalanische Regionalpräsident Carles Puigdemont in seiner Heimatstadt Girona wie ein Volksheld feiern. Nach der Aufzeichnung einer Fernsehbotschaft, in der er die Katalanen zur „demokratischen Opposition“ gegen den Artikel 155 aufrief, aß er mit seiner Frau und Freunden im Zentrum der historischen Altstadt zu Mittag. Hunderte Passanten jubelten ihm zu und ließen sich mit ihm fotografieren. Mit seinem entspannten Auftritt in der Öffentlichkeit zeigte Puigdemont selbstbewusst und alles andere als ängstlich angesichts der drohenden Anklage wegen „Rebélion“, die ihn bald ins Gefängnis bringen könnte. Der belgische Einwanderungsminister Theo Francken bot Puigdemont Asyl an, sollte er in Spanien kein gerechtes Verfahren erwarten. Doch die katalanischen Separatisten scheinen sich sicher zu fühlen. Vor seiner Fernsehansprache kündigte ihn der öffentlich-rechtliche katalanische Sender TV3 Puigdemont als „Präsident der Generalitat“ an, obwohl er seit dem Morgen abgesetzt war.

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