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Karl Lehmann : Liberaler Vordenker

  • Aktualisiert am

Vorbehalte gegen den EU-Beitritt der Türkei: Kardinal Lehmann Bild: AP

Die Wahl des deutschen Bischofs, Karl Lehmann, ist eine kleine Sensation. Nicht nur beim Thema Schwangerenberatung setzte sich Lehmann bei Papst Johannes Paul II. in die Nesseln. Die Liste der Differenzen ist lang.

          Jahrelang hatte Johannes Paul II. den Mainzer Bischof Karl Lehmann bei der Ernennung der Kardinäle übergangen. Dass der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz nun doch noch in die Riege der Kardinäle aufsteigt, ist deshalb selbst für Kirchenexperten eine Überraschung.

          Der inzwischen 64-Jährige hatte sich in den vergangenen Jahren unter anderem im Streit um die Schwangerenberatung in Rom unbeliebt gemacht. Seine Berufung in das Kardinals-Kollegium wird im Vatikan als Zeichen der Versöhnung an die deutschen Bischöfe gewertet.

          Lehmanns Liberalität sorgte bereits zu Beginn seiner Karriere in Rom für Aufsehen. Der Sohn eines Dorfschullehrers suchte 1967 mit einer brillianten Doktorarbeit nachzuweisen, dass die beim Zweiten Vatikanischen Konzil angeregten Reformen durchaus in der Tradition der katholischen Kirche stünden. Die Doktorarbeit brachte dem gerade 32-Jährigen den Ruf zum ordentlichen Theologieprofessor an der Universität Mainz ein. Bereits fünf Jahre zuvor hatte Lehmann mit einer Arbeit über die „Seinsfrage im Denken Martin Heideggers“ zum Dr. phil promoviert.

          Jüngster Vorsitzender der Bischofskonferenz

          1983 wurde Lehmann, der am 16 Mai 1936 als Sohn eines Dorfschullehrers im baden-württembergischen Sigmaringen geboren wurde, Bischof in Mainz, zwei Jahre später stellvertretender Vorsitzender der Bischofskonferenz und bereits 1987 - im Alter von gerade 51 Jahren - der bis dahin jüngste Vorsitzende der Konferenz. Seine Wahl war damals eine kleine Sensation. Mit seiner Sachkompetenz und seinem integrierenden Führungsstil aber erwarb sich der Mainzer Bischof in den folgenden Jahre viele Sympathien - nicht nur in den Reihen der Kirche, sondern auch in der Politik. Und das, obwohl Lehmann auch zu gesellschaftlichen Konflikten immer wieder eindeutig Stellung bezog: Im Streit mit der damaligen Bundesregierung über das „Kirchenasyl“ sprach er etwa den Kirchengemeinden das Recht zu, die Flüchtlinge vor der drohenden Abschiebung zu schützen und sich damit „ausnahmsweise gegen staatliche Anordnungen zu stellen.“

          Von Konservativen angefeindet

          1993 und 1999 bestätigte die Bischofskonferenz Lehmann im Amt - zum Verdruss des konservativen Lagers, das ihn immer wieder scharf angriff. Nicht zuletzt wegen seines Eintretens für den Verbleib der Kirche in der staatlichen Schwangerenberatung erlebte Lehmann in den vergangenen Jahren heftige Anfeindungen. Die Schwangerenberatung war auch ein Grund für das teilweise sehr gespannte Verhältnis Lehmanns zu Rom. Johannes Paul II. bestand auf dem Verzicht der deutschen Bischöfe, keine Beratungsscheine mehr ausstellen zu lassen, die die straffreie Abtreibung ermöglichen. Erst nachdem der Papst den Mainzer Bischof nach Rom zitiert hatte, schwenkten die Oberhirten in Deutschland auf die Linie des Vatikans ein und stiegen - bis auf den Limburger Bischof Franz Kamphaus - aus dem staatlichen System aus.

          Vom Vatikan missbilligt

          Schon in den Vorjahren hatte Lehmann mehrfach die Missbilligung des Vatikans auf sich gezogen: So überbrachte er dem Papst die Wünsche der deutschen Katholiken nach einer Lockerung des Zölibates und nach mehr Rechten für Geschiedene, die erneut heiraten wollen. Lehmann war es auch, der die Initiatoren des „Kirchenvolksbegehrens“ empfing, die 1995 für Reformen in der Kirche gegen den Willen anderer Bischöfe mehr als 1,8 Millionen Unterschriften in Deutschland sammelten. Vor einem Jahr dachte Lehmann zudem laut darüber nach, dass auch Päpste aus Altersgründen zurücktreten könnten.

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