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Karl Lagerfeld : Stinknormal genial

Mußte sich nie neu erfinden - Karl Lagerfeld Bild: SIPA

Nach der Zusammenarbeit von Karl Lagerfeld mit H&M gibt es Ärger, den der Modekonzern als „Mißverständnis“ herunterspielt. Ein Portait des Mannes, der so eingebildet ist, daß er nicht darüber nachdenkt, wie eingebildet er ist.

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          Vergangenheit ist Langeweile. Was er sagt, ist nur dann gültig, wenn er es gerade sagt. Nur in diesem Moment. Der Mann ist so eingebildet, daß er nicht einmal darüber nachdenkt, wie eingebildet er ist. Das behauptet er jedenfalls von sich selbst.

          Er fühlt sich stinknormal, weiß aber nicht, was das ist. Er ist diszipliniert, sein Haus funktioniert wie ein Schweizer Uhrwerk. Er beweist, daß Disziplin und Kreativität kein Widerspruch sein müssen. Und wie: Karl Lagerfeld ist ein Frühaufsteher, der seinen Zeichenblock schon in der Frühe in der Hand hat.

          Nicht schnarchend im Louis-XV-Sessel sterben

          Auf ein weißes Blatt Papier starrt er nicht lange. Blitzschnell ruft er seine Ideen ab und setzt sie um. Ohne Mühe. Und das im Alter von - vielleicht, niemand weiß das so ganz genau - 66 Jahren, einem Alter jedenfalls, das Lagerfeld nicht anzumerken ist, seinem Sprachwitz nicht, seinem Auftreten nicht, schon gar nicht, seitdem er Dutzende Kilo abgenommen hat. Blütenweißes Hemd, schwarzer Anzug oder knallenge Jeans, weiß gepuderter Zopf und schwarzgetönte Brille haben ihn früher gekleidet und tun es heute noch. Da mußte Lagerfeld sich nie neu erfinden.

          Ansonsten ist er auch in dieser Hinsicht kreativ: Wer will schon schnarchend in einem Louis-XV-Sessel sterben? Lagerfeld jedenfalls nicht. Deshalb hat er vor einigen Jahren seine Möbel- und Kunstsammlung verkauft. Französisches 18. Jahrhundert. Kann alt machen. Teufelszeug. Weg damit.

          „Es war toll“

          "Her damit!" sagen andere. Die Kunden für seine Kollektionen, die Modeinteressierten, die dem Modeschöpfer seit Jahrzehnten treu ergeben sind. Die Käufer seiner eigenen Marke, die Kunden von Chanel und von Fendi. Und diejenigen, die auch einmal den Hauch großer Mode am Körper spüren möchten, ohne über die dafür nötigen finanziellen Mittel zu verfügen.

          Zum Beispiel die Kunden des schwedischen Textilfilialisten H&M. Die Kollektion, die Lagerfeld gerade eben erst für die Schweden entworfen hat, war ein unglaublicher Erfolg. Sie war innerhalb weniger Tage ausverkauft und ist gegen Aufpreis nur noch in Onlineauktionen, zum Beispiel bei Ebay, zu haben. "Es war toll, mit den Leuten von H&M zu arbeiten", schwärmt er in einem Gespräch mit dem "Stern".

          Seine Mitarbeiter tragen Sachen von H&M

          Nicht peinlich? Nein, peinlich sei nur, daß H&M nicht genug Teile produziert habe. Und dann noch in den falschen Konfektionsgrößen. Lagerfeld ist das Anlaß für einen lauten Seufzer. Mehr nicht. Mehr muß auch nicht sein. Das Allround-Talent ist schon beim nächsten Schritt: "Am Wochenende werde ich die neue Werbekampagne für Adidas fertig fotografieren." Ende der Zitate.

          Immerhin: Es sind keine Selbstzitate. Die haßt er. Langeweile. Aktuell müssen die Dinge sein. Deshalb war H&M für ihn wichtig, schließlich tragen alle seine Mitarbeiter Sachen von H&M. Jetzt geht es voran. Vielleicht, nein, mit Sicherheit kommt der Höhepunkt seiner Kreativität erst noch. Lagerfeld gehört zu den ganz wenigen Menschen, denen Branchenkenner eine solche Selbsteinschätzung im hohen Alter noch abnehmen.

          Teuer geht gut, und billig läuft auch

          Aber ein Lagerfeld zeichnet und zeichnet. Pausenlos, seitdem er mit 14 Jahren aus der Hamburger Heimat nach Paris umgezogen ist und schneidern lernte wie niemand sonst. Er entwirft eine Kollektion nach der anderen. Er schafft es, Generationen über Jahrzehnte hinweg von seinen Ideen zu faszinieren. Das hat etwas mit großem Einfühlungsvermögen zu tun. Nur wer sich nie mit ihm beschäftigt hat, mag ihn ob seines Auftretens als abgehoben empfinden.

          Tatsächlich schaut er sehr genau hin, steht mitten im Leben - und hat gerade deshalb Erfolg. Seine Auftritte in Talkshows lassen sich als sogar volkstümlich bezeichnen; er ist an den Fragen, die ihm gestellt werden, jedenfalls interessiert - so lange sie ihn nicht langweilen. Dann entlarvt er den Fragesteller schnell, dann kann es richtig lustig werden.

          Aktionen wie die mit H&M und vorher andere mit Quelle oder der Steilmann-Gruppe haben aber auch etwas für Lagerfeld Entlarvendes. Sie zeigen, daß er die Strömungen in der Gesellschaft auch als Kaufmann richtig einschätzt. Teuer geht gut, und billig läuft auch. Dazwischen ist es für jeden Kaufmann seit geraumer Zeit ungemütlich. Dort sucht man Lagerfeld deshalb vergebens. Genial.

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