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Karikaturenstreit : 26 Tote bei Ausschreitungen wegen Karikaturen

  • Aktualisiert am

Tausende protestieren in Pakistan gegen die Karikaturen Bild: AP

Der Karikaturenstreit eskaliert zusehends: In Nigeria haben muslimische Demonstranten Christen angegriffen und 15 Personen getötet. In der libyschen Stadt Benghasi erschoß die Polizei elf Demonstraten vor dem italienischen Konsulat.

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          Während Islamisten in Indien und Pakistan hohe Belohnungen auf die Ermordung der dänischen Zeichner, die den Propheten Mohammed karikiert haben, aussetzten, sind in Nigeria und Libyen an diesem Wochenende mindestens 26 Personen bei Protesten gegen die Karikaturen getötet worden.

          In Nigeria griffen muslimische Demonstranten Christen an. 15 Personen wurden getötet. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur AP waren Demonstranten in der Stadt Maiduguri mit Macheten, Stöcken und Eisenstangen bewaffnet. Unter den Toten seien drei Kinder und ein katholischer Priester. 18 Kirchen in Nigeria wurden zerstört. Mindestens 140 Personen wurden in dem Land festgenommen. Im Norden Nigerias kommt es oft zu Ausschreitungen zwischen Christen und Muslimen.

          Am Freitag abend wurden in der libyschen Stadt Benghasi bei einer Kundgebung vor dem italienischen Konsulat elf Demonstranten von der Polizei erschossen. Am Samstag trat der italienische Reformminister Calderoli zurück. Der Politiker von der norditalienischen Protestbewegung Lega Nord, Nachfolger des kranken Parteiführers Bossi im Ministeramt und wie dieser für seinen Hang zur Provokation bekannt, hatte im Fernsehen gezeigt, daß er - unter dem Oberhemd - ein T-Shirt mit einer Mohammed-Karikatur trug.

          Proteste in Pakistan

          Calderoli: „Freie Meinungsäußerung“

          Die italienischen Parteien befinden sich im Wahlkampf; auch innerhalb der regierenden Mitte-rechts-Koalition bemühen sich die Parteien daher um Abgrenzung. Ministerpräsident Berlusconi von der Forza Italia hatte Calderoli zum Rücktritt aufgefordert. Am Samstag habe Berlusconi die Entscheidung gemeinsam mit Bossi getroffen, hieß es in Rom. Calderoli sagte, er trete „aus Verantwortung“ zurück, um Schaden von der Regierung und von Italien abzuwenden, nicht aber aus Überzeugung, daß er nicht zu dieser „freien Meinungsäußerung“ berechtigt sei. Der italienische Staatspräsident Ciampi äußerte „seinen tiefen Schmerz“ wegen der Toten von Benghasi. Wer Regierungsverantwortung trage, sagte Ciampi in Anspielung auf Calderoli, müsse sich auch verantwortlich verhalten.

          Die Demonstranten in Benghasi hatten versucht, das Konsulat zu stürmen. Der libysche Innenminister Nasre Mabruk wurde entlassen. Das Amt des italienischen Ministerpräsidenten teilte mit, Berlusconi habe „ein langes und freundschaftliches Telefongespräch“ mit dem libyschen Staatschef Gaddafi geführt, um Schaden für die italienisch-libyschen Beziehungen abzuwenden. Libyen ist einer der wichtigsten Lieferanten von Erdöl und Erdgas für Italien. Berlusconi habe Gaddafi für den Schutz der Italiener gedankt und ihm sein Beileid für den Tod der Libyer ausgesprochen.

          Auch der italienische Oppositionsführer Prodi telefonierte mit Gaddafi, um sich von Calderoli zu distanzieren. Außenminister Fini von den Rechtsnationalen besuchte am Samstag demonstrativ die Große Moschee in Rom. Fini machte Calderoli für die Ausschreitungen in Afrika mitverantwortlich. Der Minderheitenminister des indischen Bundesstaats Uttar Pradesh, Haji Yaqoob Quereshi, setzte ein Kopfgeld von umgerechnet mehr als 11 Millionen Dollar auf die Ermordung der Karikaturisten aus. Die Vereinigung der Goldschmiede in der pakistanischen Nordwest-Grenzprovinz versprach eine Million Dollar für die Tötung der Zeichner.

          Abdullah: Kein „Kampf der Kulturen“

          Der saudiarabische König Abdullah warnte davor, den Karikaturenstreit als Ausdruck eines „Kampfes der Kulturen“ zu werten. In Riad appellierte er an die arabischen Denker, sich für eine Verbreitung der Idee eines friedlichen Miteinanders einzusetzen. Gleichzeitig rief er die Muslime zur Einigkeit auf. 40 islamische Gelehrte riefen in einer in Kairo veröffentlichten Mitteilung zu einer Beendigung der Proteste auf. Der Großimam der Al-Aschar-Universität in Kairo, Mohamed Sajjed Tantawi, schlug ein weltweit gültiges Verbot von Beleidigungen religiöser Empfindungen vor.

          Papst Benedikt XVI. nahm am Sonntag nach dem traditionellen Angelus-Gebet vor Zehntausenden von Gläubigen in Rom nur allgemein zum Karikaturenstreit Stellung. Er beklagte „die Zeichen der Sünde“ im Zusammenleben der Völker; Lüge, Zorn und Neid würden auch die internationalen Beziehungen belasten und den Weg verschiedener Kulturen zu „Brüderlichkeit, Gerechtigkeit und Frieden“ behindern. Alle Menschen seien dabei auf die Hilfe und Barmherzigkeit Gottes angewiesen. In Duisburg und in Kassel demonstrierten am Samstag jeweils zwischen 1000 und 2000 Personen, überwiegend Muslime, gegen die Karikaturen. In London beteiligten sich am Samstag mehr als 15.000 Personen an einem Protestmarsch, zu dem der Dachverband muslimischer Vereine aufgerufen hatte. In Istanbul gingen am Sonntag Zehntausende wegen der Bilder auf die Straße. Die Demonstranten forderten einen Boykott dänischer Produkte.

          In Pakistan stellte die Polizei am Sonntag radikale Muslimführer unter Hausarrest und nahm mehrere hundert Menschen fest, um eine Großkundgebung in der Hauptstadt Islamabad zu verhindern. Trotz des Verbots und Gegenmaßnahmen der Polizei demonstrierten in Islamabad Hunderte Personen. In Karachi demonstrierten etwa 12.000 Frauen gegen die Karikaturen. In der nordindischen Stadt Lucknow demonstrierten rund 15.000 Muslime weitgehend friedlich gegen die Karikaturen. In der indonesischen Hauptstadt Jakarta bewarfen am Sonntag etwa 300 Demonstranten die amerikanische Botschaft mit Steinen und Eiern.

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