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Karfreitag : Die Grammatik des Christentums

Vor der Freude steht das Leiden: Gläubige halten bei der ökumenischen Kreuzwegprozession am Karfreitag ein großes Kreuz. Bild: dpa

Die Gefühlswelten von Karfreitag und Ostern sind grundverschieden. Emotionen zum Tod und der Auferstehung von Christus liegen nicht ohne Grund sehr eng beieinander.

          Im Kalender liegen Karfreitag und Ostern dicht beieinander. Die Atmosphäre der beiden höchsten Feiertage des Christentums könnte jedoch nicht unterschiedlicher sein: An Karfreitag betrachten die Gläubigen den ans Kreuz genagelten Christus und beweinen dessen Tod. An Ostersonntag feiern sie seine Auferstehung. Die Tradition der Kirche verstärkt die Gegensätzlichkeit dieser Gefühlswelten noch einmal: Karfreitag ist ein strenger Fastentag, an dem in den Gotteshäusern die Kerzen gelöscht und die Flügelaltäre zugeklappt werden. Am Ostersonntag werden nicht nur in den Kirchenräumen die Farben hell und die Speisen süß und üppig. All das dient der Dramaturgie. Der Kontrast zwischen Hell und Dunkel auf dieser kurzen, aber entscheidenden Etappe der Heilsgeschichte soll für die Menschen so klar wie möglich kenntlich werden.

          Das Weinen, die Trauer und später die Freude über die Ostertage sind dabei mehr als bloße Instrumente im Dienste der religiösen Story. Die Gefühle malen nicht nur ein Kapitel der Dogmatik volkstümlich aus, ihnen gebührt im Christentum in mehrfacher Hinsicht ein eigener Rang. Der monotheistische Gott tritt durch seine Menschwerdung zunächst aus einer tendenziell gefühlskargen Einsamkeit heraus. Infolge der Inkarnation durchdringen sich Menschliches und Göttliches wechselseitig. Und der Ernst der Menschwerdung wird vor allem dadurch beglaubigt, dass Gott die Empfindungen der Menschen teilt.

          Das zeigt sich ausgeprägt an Karfreitag, wenn Gott in Gestalt des Gekreuzigten die besonders irdischen Erfahrungen des Schmerzes und der Verzweiflung durchmachen muss. Gerade diese Gefühle sollen belegen, dass Gott nicht nur in Gedanken, sondern tatsächlich Anteil nimmt an der conditio humana.

          Gott soll auch Objekt der Emotionen sein

          In der religiösen Praxis des Christentums wird der Gekreuzigte in der Folge auch selbst zum Gegenstand der Anteilnahme. Gott soll nicht nur Subjekt von Emotionen sein, sondern auch ihr Objekt. Die Betrachtung des Schmerzensmannes am Kreuz fordert die Menschen zum Mitgefühl für den leidenden Gott auf. Auch solche Übungen sind mehr als eine fromme Hilfestellung für Leute, die Schwierigkeiten haben, den Sinn der Sache allein mit ihrem Verstand zu begreifen. Im Christentum gilt das Gegenteil: Es wäre zu wenig, das Geschehen allein mit Hilfe des Gehirns zu verstehen und darüber das Herz zu vergessen. Denn wie Gott durch seine Menschwerdung das Leid der Menschen geteilt hat, so sollen die Gläubigen auch sein Leid teilen.

          Man kann die christliche Religion also mit gewissem Recht als Gefühlsreligion bezeichnen. Mit der Menschwerdung Gottes vollzieht das Christentum einen „emotional turn“ auf dem Gebiet der Religion. Darauf weist auch eine Beobachtung in den Briefen des Neuen Testaments: Paulus zeigt dort im Griechischen an etlichen Stellen eine sehr auffällige Vorliebe für das Wörtchen „syn“ („mit“). Der Apostel erfindet sogar neue Wörter, indem er ihnen diese drei Buchstaben voranstellt. Paulus schärft seinen Lesern ein, dass sie das Leiden Jesu nicht nur von Ferne betrachten, sondern „mitgekreuzigt“, „mitbegraben“ und „mitgestorben“ sind. Aber nicht nur mit Christus, auch untereinander sollen die Menschen „sympsychisch“ und „sympathisch“ sein: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit.“

          Kraft der Emotionen walten lassen

          Bei Paulus lässt sich so beobachten, wie aus der religiösen Haltung des Mitleidens mit dem menschgewordenen Gott Schritt für Schritt eine Ethik des Mitleids folgt. Und wieder geht es nicht um ein mit der Vernunft zu begreifendes Prinzip, das die Grundlage bildet. Ebenso wie der christliche Glaube arbeitet auch die christliche Ethik mit der Kraft der Emotion. Die bloße Erfüllung der Norm ohne Beteiligung des Herzens wäre zu wenig. Im Römerbrief mahnt der Apostel Paulus die Christen daher zur Einfühlung: „Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.“

          Nicht leugnen lässt sich allerdings, dass die Emotionen häufig in eine andere Richtung weisen als die Ethik. Leid wird in der Regel nicht als anziehend, sondern als abstoßend empfunden. Das Christentum versucht, diese Scheu zu überwinden, indem es an Karfreitag das Mitleiden mit dem Gekreuzigten einübt. Es rückt das Leiden damit aber auch in eine österliche Perspektive. Besonders einprägsam geschieht dies in den Seligpreisungen Jesu: „Selig seid ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.“ In diesem Satz schimmern durch das gegenwärtige Leid unverkennbar bereits das österliche Licht und die Freude über die Auferstehung hindurch. Sonst wäre die kontrafaktische Aussage, dass die Weinenden selig sind, ein Hohn. Und ohne einen Bezug zu Ostern würde auch kein Weg zur anspruchsvollsten Forderung der christlichen Ethik führen, der Feindesliebe: „Tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen.“

          Die höchst verschiedenen Gefühlswelten des Karfreitags und des Ostertags haben so für den christlichen Glauben wie für die christliche Ethik auf je eigene Weise eine Bedeutung. Die Gefühle sind auch nicht irrational oder stehen der Aufklärung des Christentums im Weg. Denn begreifen wird man die christliche Religion nur, wenn man auch die Grammatik ihrer Gefühle versteht.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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