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Kardinal Müller im Gespräch : „In der Theologie gab und gibt es immer auch Versuch und Irrtum“

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Ist Gutiérrez endgültig rehabilitiert, nachdem Sie jetzt das zweite Buch zum Thema Armut mit ihm herausgegeben haben?

In der Theologie gab und gibt es immer auch Versuch und Irrtum, Größe und Grenze selbst bei den Kirchenlehrern wie etwa Augustinus, Thomas von Aquin und Theologen wie Newman oder Rahner und von Balthasar. Die Befreiungs-Theologie entwickelte als Methodik den Drei-Schritt „sehen – urteilen – handeln“: Wahrnehmen der gesellschaftlichen Situation, Urteilsmaßstäbe gewinnen aus dem Evangelium heraus und das Handeln im Sinne der persönlichen und gemeinschaftlichen Nachfolge Jesu. Das ist nie beanstandet worden.

Dann ist die Theologie der Befreiung mittlerweile eine anerkannte Denkform, gleichberechtigt neben anderen Ausformungen der Tradition?

Theologie ist ein intellektueller und praktischer Lernprozess, in dem es darum geht, das Wort Gottes im Glauben zu hören und im Leben zu befolgen. Deswegen ist die Theologie auch ein geschichtliches Phänomen. Es gibt historisch gewachsene Gestalten von Theologie; aber wir müssen uns immer wieder „neu aufstellen“, ohne hinter die einmal gewonnenen Erkenntnisse zurückzufallen. Wir stehen auf den Schultern unserer Vorfahren und dürfen die lebendige Tradition nicht irgendwann abbrechen lassen und somit die Kontinuität der Glaubensvermittlung gefährden. Die Problematik der Befreiungstheologie besteht darin, dass sie dann aufhören würde wirklich Theologie zu sein, wenn sie die Rede von Gott mit marxistischer oder anderer Gesellschaftsanalyse verwechselte, somit das christliche Gottes- und Menschenbild verlassen und die eschatologische Heilswirklichkeit in Jesus Christus aufgeben würde. Sie will aber Rede von Gott sein und das befreiende Handeln Gottes in der religiösen und sozialen Praxis der Kirche sichtbar und wirksam machen. Ihr Grundanliegen ist deckungsgleich mit dem Evangelium für die Armen, denjenigen an der Peripherie, wie Papst Franziskus sagt. Die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ des II. Vatikanums ist ihre wesentliche Orientierung. Daher gehört der theologische Beitrag Lateinamerikas selbstverständlich zur Universalkirche. So wie jetzt auch providentiell ein Lateinamerikaner Papst ist und die Einheit der Weltkirche in der Verschiedenheit ihrer Sprachen und Kulturen repräsentiert.

Ist Papst Franziskus ein Befreiungstheologe?

Weniger im Stil akademischer Theologe. Aber er ist seelsorgerlich mit dem Anliegen der Befreiungstheologie verwachsen. Was wir von ihm lernen können, ist die Einsicht: ohne profunde Theologie keine gute Pastoral und umgekehrt. Dietrich Bonhoeffer sagte, die Theologie sei eine Funktion der Kirche und keine Denkübung für ein paar Intellektuelle. Alles zielt auf das zeitliche und ewige Heil des Menschen, der wesentlich auf die Wahrheit und Liebe Gottes bezogen ist.

Weitere Teile des Gesprächs mit Kardinal Müller können Sie in den kommenden Tagen auf FAZ.NET lesen. Darin wird es unter anderem um die Wiederverheiratung Geschiedener gehen, den sexuellen Missbrauch von Kindern und die Kirche in Deutschland.

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