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Kardinal Müller im Gespräch : „In der Theologie gab und gibt es immer auch Versuch und Irrtum“

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Vielleicht ein Beitrag aus Peru zur Entweltlichung der Kirche?

Wir als Kirche würden unserer Verantwortung für das Gemeinwohl gegenüber den etwa 70 Millionen Schülern und Studenten in katholischen Bildungseinrichtungen nicht gerecht werden, wenn wir diese leichtfertig aufgäben, um uns in den Kreis von absolut Gleichgesinnten zurückzuziehen. Es geht darum, die jungen Menschen in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu fördern durch die Begegnung mit Menschen, die an Jesus Christus glauben. Dazu gehört, dass alle Studierenden mit theologischen und philosophischen Grundfragen konfrontiert werden, sich ernsthaft mit den geistigen und ethischen Herausforderungen der menschlichen Existenz im Lichte des christlichen Glaubens auseinandersetzen und so in eigener Einsicht zur Wahrheit kommen, die „befreit“ (Joh 8,32 ). Katholische Universitäten haben eine Funktion als „Sauerteig“ durch die Förderung der Wissenschaften und des interdisziplinären Dialogs. Entweltlichung der Kirche meint Konzentration auf das Wesentliche, auf Christus als Mitte und Mittler, um der „Welt“ zu zeigen, dass „Gott jeden Menschen liebt und für ihn seinen eigenen Sohn dahingegeben hat“ (Joh 3,16).

Das scheint der Erzbischof von Lima, Juan Luis Kardinal Cipriani Thorne anders zu sehen.

Nach der kirchlichen Grundordnung für alle katholischen Universitäten hat der Großkanzler die Sorge für die Gesamtausrichtung der Hochschule an den Prinzipien des katholischen Glaubens und des natürlichen Sittengesetzes, das in der Würde des Menschen sein dynamisches Zentrum hat. Aber er leitet sie weder wissenschaftlich noch administrativ. Gemäß der Pastoralkonstitution des II. Vatikanischen Konzils „ Gaudium et spes“ Art. 36 gibt es eine legitime relative Autonomie der einzelnen Wissenschaften und Sachgebiete. Der Ortsbischof hat das Recht und die Pflicht, aus Gründen des Glaubens und der Lebensführung einzelne Kandidaten als ungeeignet zu erklären. Das Berufungsverfahren jedoch bemisst sich nach wissenschaftlichen Kriterien, gerade auch in der Theologie.

Worin zeigt sich die katholische Grundausrichtung?

Maßgabe des Bildungsauftrages ist das christliche Menschenbild mit der Überzeugung von der unveräußerlichen Menschenwürde und den sich daraus ergebenden gemeinsamen Grundrechten und Grundpflichten aller Menschen. Die Kirche ist, wenn auch nicht allein, doch in gewisser Weise Anwältin der allgemeinen Menschenrechte, die dem positiven staatlichen Recht vorausgehen. Das zu betonen, ist heute wichtig etwa im Blick auf die Religionsfreiheit, da diese Rechte keine Konzession des Staates darstellen, sondern in der geistig-sittlichen Natur des Menschen begründet sind.

A propos Peri: Im Vatikan sorgte auch für Unruhe, dass Bischof Gerhard Ludwig Müller ein enger Freund des peruanischen Theologen Gustavo Gutiérrez sei. Der „Vater der Befreiungstheologie“ scheint bis heute nicht über jeden Verdacht erhaben. Was ist da dran?

Gustavo Gutiérrez wurde meines Wissens von der Glaubenskongregation immer fair behandelt. Persönlich verdanke ich ihm die Einsicht in die innere Verbindung von Theologie und Pastoral. Bei meiner Dankesrede angesichts der Verleihung des Ehrendoktors habe ich in Lima gesagt, dass für mich die Befreiungstheologie nicht eine Theorie ist, sondern in Gustavo Gutiérrez ein Gesicht hat. Sicherlich ist die Befreiungstheologie in Rom kritisch hinterfragt worden, was völlig legitim ist, wenn neue Antworten auf neue Herausforderungen gesucht werden. Da geht es um einen Klärungsprozess, der immer Zeit, Geduld und Wohlwollen braucht.

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