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Katholikentag : Eine Kirche der Einwanderer

Anders Kardinal Arborelius Bild: EPA

Anders Arborelius ist der erste und einzige schwedische Kardinal. Auf dem Katholikentag erzählt er, wie sich die katholische Kirche in seinem Land verändert hat.

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          Die Frage, warum er als erste Schwede überhaupt in das Kardinalskollegium aufgenommen wurde, macht Anders Arborelius nicht verlegen. Der katholische Erzbischof von Stockholm antwortet mit einer Gegenfrage: Habe Papst Franziskus nicht von Beginn seines Pontifikates die kleinen und oft vergessenen Kirchen in das Zentrum stellen wollen?

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          In der Tat liegt Schweden seit der endgültigen Einführung der Reformation im späten 16. Jahrhundert an der Peripherie der katholischen Welt. Doch das ist nur eine Hälfte der Antwort: Die Auszeichnung habe auch der Flüchtlingspolitik seines Landes gegolten, sagt der 68 Jahre alte Geistliche auf dem Katholikentag in Münster am Stand des Bonifatiuswerkes. Diese Flüchtlingspolitik habe sich mittlerweile verändert, sagt der Kardinal weiter, ohne dass er zu erkennen gibt, ob er die restriktivere Handhabung des Asyl- und Einwanderungsrechts gutheißt oder nicht.

          Zum Positiven verändert aber hat sich durch die Migration die katholische Kirche Schwedens. Bis auf wenige Universitätsstädte wie Uppsala und Lund, wo schwedische Konvertiten wie Arborelius selbst die Mehrheit in den katholischen Gemeinden bilden, sei die Kirche in Schweden zu einer Kirche der Einwanderer geworden: Der Zustrom von Polen und Ukrainern, Syrern und Eritreern habe die Zahl der Katholiken in dem Land, das lange Zeit von dem als Staatskirche verfassten Luthertum geprägt war, zuletzt um 15 Prozent im Jahr wachsen lassen.

          Dass dieser unverhoffte Reichtum die materiell arme Kirche vor immense Probleme stellt, ist ihm nicht der Rede wert – bis auf einen Dank. Das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken hat die Glaubensgeschwister in der skandinavischen Diaspora schon immer unterstützt.

          Über sich erzählt der Kardinal, er sei in eine protestantische Familie hineingeboren worden, habe aber in der schwedischen Kirche nie eine geistige Heimat gefunden. Schon als Kind habe er katholische Ordensschwestern kennengelernt und sei auf diese Weise nicht „wegkonvertiert“, sondern in die katholische Kirche hineingewachsen. Als Zwanzigjähriger vollzog Arborelius den Wechsel und dachte bald daran, Diözesanpriester zu werden. Statt dessen trat er bald dem Karmeliterorden bei, studierte und wurde 1979 zum Priester geweiht. Als er 1998 von Papst Johannes Paul II. an die Spitze des Bistums Stockholm gestellt wurde, war er der erste Schwede überhaupt, der nach der Reformation zum Bischof geweiht wurde. 

          Sollte dieser Schritt unter den schwedischen Lutheranern je für böses Blut gesorgt haben – zwanzig Jahre später kann davon wohl keine Rede mehr sein. Als Papst Franziskus im Oktober 2016 nach Lund reiste, um am Vorabend des Reformationsjubiläums einen Ökumenischen Gottesdienst zu feiern, stand neben ihm eine Dame in Weiß: Antje Jackelén, die lutherische Bischöfin von Uppsala. Das Bild, auf dem die Umarmung des Papstes und der Erzbischöfin von Schweden festgehalten wurde, ging um die Welt. „Viele Mitglieder unserer Gemeinschaften sehnen sich danach, die Eucharistie in einem Mahl zu empfangen, als konkreten Ausdruck der vollen Einheit“, hieß es damals in einer Gemeinsamen Erklärung des Vatikans und des Lutherischen Weltbundes. Beide Seiten hätten eine „gemeinsame pastorale Verantwortung, dem geistlichen Hunger und Durst unserer Menschen, eins zu sein in Christus, zu begegnen“ – was die katholischen Bischöfe in Deutschland nicht davon abhielt, sich in den vergangenen Wochen über den Empfang der Kommunion von nicht-katholischen Ehepartnern heftig zu zerstreiten.

          Juni 2017: Arborelius wird im Vatikan zum Kardinal ernannt.

          Darauf angesprochen gibt Arborelius sich zurückhaltend. Die Bischöfe in Skandinavien hätten sich mit diesem Thema noch nicht eingehend beschäftigt. Die Frage stelle sich selten, denn die Zahl der praktizierenden Lutheraner sei sehr klein. Allerdings komme es vor, dass Nichtkatholiken vor einer Feier der Taufe oder der Erstkommunion schriftlich um Erlaubnis bäten, in diesem Gottesdienst die Eucharistie zu empfangen. Seine Antwort: „Ja, wenn sie das glauben, was die Kirche glaubt.“ Die Predigt während des Ökumenischen Gottesdienstes, der am Freitagabend im Münsteraner Dom gefeiert wurde, hielt nicht der katholische Erzbischof von Schweden, sondern die lutherische Erzbischöfin dieses Landes.

          Seine Ernennung zum Kardinal durch Papst Franziskus machte Arborelius im Juni vergangenen Jahres in Schweden auch denen bekannt, die jeden Kontakt mit Kirchen aller Art verloren und nie erfahren haben, was der Glaube für Menschen bedeuten kann. Auf die Religiosität in seinem Land angesprochen, erwähnt der Kardinal die Bedeutung „persönlicher Gottesfreundschaft“ in einer Umwelt, in der der Glaube keine Stütze in der Gesellschaft hat. Unvermittelt kommt die Rede auf die „hohe Zahl von Selbstmorden“ in seinem Land – für ihn ein Indiz dafür, dass viele Menschen, auch junge, dem Leben keinen Sinn abgewinnen könnten. Viele der knappen Texte seines ersten Buches, das unter dem Titel „Mit heiliger Ungeduld“ soeben auf Deutsch erschienen ist, wollen Licht in Leid und Dunkel bringen und die Gewissheit in Worte fassen, dass Gott die Menschen sucht – an der Peripherie des Lebens.

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