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Karadzics Hauptstadt : Ungern in Pale

Das Haus von Karadzics Frau, Ljiljana Zelen-Karadzic in Pale Bild: dpa

Während des Bosnien-Krieges von Sarajevo hinauf zu fahren nach Pale war immer eine Lektion in Geschichte - in Zeitgeschichte wie in Menschengeschichte. 1992 machte Karadzic die unelegante Sommerfrische zur Hauptstadt seiner bosnisch-serbischen Republika Srpska.

          Pale war nie eine elegante Sommerfrische. Der in den Bergen östlich von Sarajevo gelegene Erholungsort war stets und ist bis heute eine gestaltlose Ansammlung von unverputzten Einfamilien- und Wochenendhäusern, von ein paar Geschäften, Restaurants und Handwerkerbetrieben, dazu eines Bürgermeisteramts und eines Veranstaltungszentrums im betonverliebten Baustil des jugoslawischen Sozialismus.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Von Sarajevo hinauf zu fahren nach Pale war immer eine Lektion in Geschichte - in Zeitgeschichte wie in Menschengeschichte. So fern man überhaupt hinauffahren konnte, versteht sich. Während des Krieges von Frühjahr 1992 bis Ende 1995 war das natürlich nicht möglich, jedenfalls nicht auf den herkömmlichen asphaltierten Wegen. Denn Sarajevo war belagert, ringsum eingeschlossen von den Milizen der bosnischen Serben.

          Brüderlichkeit und Einheit ohne Seele

          Die christlich-orthodoxen Serben von Bosnien-Hercegovina stellten nach dem Ergebnis der letzten Volkszählung im alten Jugoslawien aus dem Jahre 1991 mit gut 31 Prozent der Bevölkerung die zweitgrößte Volksgruppe - nach den muslimischen Bosniaken, die mit fast 44 Prozent der knapp 4,4 Millionen Einwohner die größte ethnisch-religiöse Gruppe ausmachten. Die katholischen Kroaten schließlich kamen auf 17 Prozent, die übrigen Einwohner fielen in die Kategorien „Jugoslawen“ oder „Andere“.

          Das Familienhaus der Karadzics in Pale

          Wer von 1991 an im Vielvölkerstaat der - von Tito verordneten, aber von den Menschen eben nie zuinnerst erlebten - „Brüderlichkeit und Einheit“ maßgeblich für Krieg und Zerfall, Abspaltung und Vertreibung verantwortlich ist, beschäftigt bis heute manches Gemüt und manchen Historiker. In Bosnien-Hercegovina jedenfalls trieb eine Serbische Demokratische Partei (SDS) unter der Führung eines Dichters und Psychiaters namens Radovan Karadzic schon im September 1991 die Bildung von „Autonomen Regionen“ für die Serben voran - vorgeblich zum Schutz vor Übergriffen der Bosniaken und Kroaten.

          Ähnlich hatten es die Serben in der benachbarten Teilrepublik Kroatien gemacht, die im Juni 1991 die Unabhängigkeit von Belgrad erklärt hatte - worauf sich die kroatischen Serben von Zagreb lossagten, weil sie sich nach eigener Darstellung nicht anders gegen Zwangsassimilation oder gar physische Auslöschung hätten schützen können. Aus der Sicht der ihrerseits in ihrer jungen Existenz bedrohten jungen Staaten Kroatien und Bosnien-Hercegovina steckte hinter den Abschottungs- und Abspaltungstendenzen der kroatischen und bosnischen Serben freilich die vom serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic von Belgrad aus befeuerte sowie mit Geld und Waffen tatkräftig unterstützte Idee der Schaffung eines Groß-Serbiens.

          Unabhängigkeit unter Granaten

          In jedem Fall war Bosnien-Hercegovina schon in seine ethnischen Bestandteile zerfallen, als das von der SDS boykottierte Parlament in Sarajevo am 5. April 1992 die Unabhängigkeit erklärte. Der Kriegsbeginn, die Belagerung sowie der Granat- und Scharfschützenbeschuss der Hauptstadt Sarajevo fielen faktisch mit der Unabhängigkeitserklärung ineins. Die Anerkennung des neuen Staates durch die Vereinigten Staaten und die meisten europäischen Länder am 7. April sowie die Aufnahme Bosnien-Hercegovinas in die UN am 22. Mai 1992 halfen den Menschen in Sarajevo sowie in den weiteren muslimischen Enklaven im Osten und im äußersten Nordwesten des Landes nicht.

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