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Kanzlermacher : Westerwelles Persönlichkeitswahl

Kanzler, Kanzlerkandidat und im Hintergrund der Kanzlermacher Bild:

Schröder oder Stoiber? Die Entscheidung trifft nicht der Wähler, sondern Westerwelle. Mit wem kann er besser? Eine Auswertung der F.A.Z.-Fragebögen.

          2 Min.

          Er oder ich? Gerhard Schröder möchte den Bundestagswahlkampf auf das Duell mit Edmund Stoiber konzentrieren. Und Recht hat er. Genau um diese Frage wird es gehen. Nur wird wohl nicht der Wähler die Antwort liefern, sondern Guido Westerwelle.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Der 40-jährige „Politainer“ wird zum Kanzlermacher, zum entscheidenden Akteur bei der ersten politischen Weichenstellung der Berliner Republik im 21. Jahrhundert. Wie tickt Guido? Mit wem kann er besser? Programmatik hin oder her, am Ende entscheidet die Chemie. Eine Auswertung der F.A.Z.-Fragebögen gibt Aufschluss.

          Kanzler, Kanzlerkandidat, Kanzlermacher

          Lange bevor Schröder, Stoiber und Westerwelle als K-Gruppe (Kanzler, Kanzlerkandidat, Kanzlermacher) bekannt wurden, beantworteten der niedersächsische Ministerpräsident (1992), der bayrische Innenminister (1991) und der FDP-Generalsekretär (1995) dem „Magazin der Frankfurter Allgemeinen“ den Fragebogen, der schon in den Salons der Vergangenheit ein beliebtes Gesellschaftsspiel war. Aus Spiel wird plötzlich Ernst. Die Bögen könnten die Antwort auf die Frage liefen, wer künftig die Deutschen regieren wird.

          Wo möchten Sie leben?

          Schröder, ganz Lebemensch und völlig willkürlich: „Hier und jetzt“. Stoiber heimatverbunden: „Südlich von München“ (ergo: nicht in Berlin). Westerwelle eher global: „Zuhause, kann ja auch in der Ferne sein“. Ja, ja, Guido, zuhause ist nicht da, wo man wohnt, sondern da, wo man sich geborgen fühlt. Stand: 1:0 für Schröder.

          Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?

          Stoiber staatsmännisch: „Keine Gewalt mehr“. Westerwelle romantisch: „Erwiderte Liebe“. Schröder geheimnisvoll: „Das sage ich nicht.“ Da wir unseren Kanzler kennen, wissen wir, es muss ihm wie Guido um intime Gefühle gehen. Also: 2:0 für Schröder.

          Ihre liebsten Romanhelden?

          Stoiber ganz aufklärerisch: Robinson (Ich bringe die Zivilisation). Schröder eher draufgängerisch: „Huckleberry Finn“. Westerwelle - seine ambivalente Persönlichkeit offenbarend, irgendwo zwischen Pasta und rheinischem Sauerbraten, zwischen Welt- und Spießbürger: „Huckleberry Finn, Tom Sawyer“. Stand: Es bleibt beim 2:0 für den Kanzler.

          Ihre Lieblingsbeschäftigung?

          Schröder zwischen Toskana-Fraktion und Frankfurter Kreis: „Tennis, mit interessanten Menschen reden“. Stoiber, bemüht um Volksnähe: „Beim FC Bayern zuschauen“. Westerwelle plakativ und pathetisch: „Leben“ (man möchte ein genussvolles „Ahhhhh“ ergänzen). Stand: Eher 3:0 für Schröder.

          Ihr Lieblingslyriker?

          Stoiber, dem althergebrachten Bildungskanon verpflichtet: „Goethe“. Schröder, der sich gern (warum auch immer) mit Intellektuellen umgibt: „Bert Brecht und Rilke“. Westerwelle ganz Spaßpolitiker: „Heinz Erhardt“. Ergebnis: Eindeutige Äquidistanz zu Goethe und Brecht. Immer noch: 3:0 für Schröder.

          Ihr größter Fehler?

          Westerwelle, offenbar im Managerseminar geschult, benennt nur einen vermeintlichen Makel: „Ungeduld“. Stoiber überrascht: „Zu vertrauensselig“. Will man es ihm glauben? Schröder verblüfft durch Übereinstimmung: „Leichtgläubigkeit.“ Auch das kann man bezweifeln. Auf die Frage, welche Gaben er besitzen möchte, antwortet er allerdings: „Geduld“. Also: 4:0 für Schröder.

          Ihr Lebensmotto?

          Die Mutter aller Fragen beantwortet der heutige Kanzlerkandidat Stoiber schon damals kantig: „Nicht nachlassen“. Der Kanzler und sein möglicher Macher hingegen unisono: „Carpe diem“. Man tritt beiden wohl nicht zu nahe, wenn man behauptet, dass sie das Motto nicht im Lateinunterricht, sondern im Kino aufgeschnappt haben. Dennoch oder gerade deshalb: 5:0 für Schröder.

          Doch was sagen uns die Antworten aus vergangenen Tagen? Gelten sie noch? Im jetzt vorgestellten sozialdemokratischen Wahlprogramm, das wenig mit der Programmatik der SPD und viel mit der Person Schröder zu tun hat, heißt es über den Bundeskanzler: Er zeigt, dass er das Leben mag. So gesehen knüpft er da an, wo er nach Amtsantritt begonnen hat: Lifestyle, Lebensgefühl und Lust an der Macht. Tugenden, obschon eher terziäre, mit denen sich der gereifte, doch immer noch putzmuntere Chef der Liberalen Westerwelle weiß Gott mehr identifizieren kann als mit Askese, Akribie und Aktenfresserei.

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