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Jasper von Altenbockum (kum.)

Die drei Kanzlerkandidaten : Laschet in der Defensive

Laschet tut derzeit, was er angekündigt hat: nicht polarisieren, nicht übertreiben, nicht entzweien. Bild: dpa

Wahlkämpfe in der Bundesrepublik sind keine Charisma-Märkte. Es gewinnen Koalitionen. Trotzdem muss Laschet für sich werben. Und raus aus dem „Schlafwagen“.

          3 Min.

          Der von den drei Kanzlerkandidaten beherrschte Wahlkampf lenkt Erwartungen in die Irre. Keine der Parteien wird gewählt, weil ihre jeweiligen Spitzenkandidaten unwiderstehlich wären. Wahlkämpfe sind in der Bundesrepublik keine Charisma-Märkte. Vielleicht können die Grünen Stimmen sammeln, weil Annalena Baerbock nicht die beste, aber doch, trotz aller Kratzer, die sie schon abbekommen hat, eine „unbelastete“ Kanzlerkandidatin ist. Vielleicht können die Unionsparteien erfolgreich damit werben, dass CDU-Ministerpräsident Armin Laschet die Erfahrung hat, die Baerbock fehlt. Die Sozialdemokraten hingegen haben überhaupt nur dann eine Chance, wenn Olaf Scholz vergessen macht, dass er für die SPD antritt.

          Keiner der drei Kandidaten aber ist so stark, dass dahinter die Partei, für die er steht, ganz zurücktreten würde. Das gelingt paradoxerweise nur dem Vierten im Bunde, Christian Lindner, wiewohl kein Kanzlerkandidat, aber mutmaßlich das Zünglein an der Waage. Er muss die FDP wie ein liberaler Odysseus zwischen Skylla und Charybdis hindurchsteuern, zwischen Umfallerpartei und Nichtregierungsorganisation.

          Lindner, nicht etwa der ungeduldige Markus Söder, schickte kürzlich, vielleicht unfreiwillig, einen Weckruf in Richtung CDU/CSU. Die Wahl sei schon gelaufen, meinte er, es gehe nur noch darum, von welcher Koalition Laschet zum Kanzler gewählt werde. Für die Union aber gibt es keine größere Gefahr als eine zu geringe Mobilisierung, die sich daraus erklärte, dass sie schon als vermeintlicher Wahlsieger feststeht.

          Liberaler Odysseus: Christian Lindner, hier in Garmisch-Partenkirchen am 1. August.
          Liberaler Odysseus: Christian Lindner, hier in Garmisch-Partenkirchen am 1. August. : Bild: dpa

          Darauf spielte auch Söder mehrmals an, aber so unvorsichtig, dass dem Laschet-Wahlkampf seither der „Schlafwagen“ anhängt. Die Konkurrenz nahm das dankbar an. Allen Beteiligten sollte indessen klar sein, dass die Lokomotive ohnehin erst Mitte August unter Volldampf stehen muss. Dann beginnt die Briefwahl.

          Laschet tut derzeit, was er angekündigt hat: nicht polarisieren, nicht übertreiben, nicht entzweien. Das eignet sich nicht gerade für einen spritzigen Wahlkampf, erinnert vielmehr an die „asymmetrische Demobilisierung“, die Angela Merkels Markenzeichen war. Den Vorwurf, die Union übernehme Forderungen der Gegenseite, um diese ins Leere laufen zu lassen, muss sich Laschet allerdings nicht gefallen lassen.

          Noch eine ernsthafte Herausforderin? Annalena Baerbock auf einer Pressekonferenz in Berlin am 30. Juli.
          Noch eine ernsthafte Herausforderin? Annalena Baerbock auf einer Pressekonferenz in Berlin am 30. Juli. : Bild: EPA

          In der Klimapolitik ist Laschet stoisch wie ein Brett, in der Flüchtlingspolitik setzt er andere Akzente als Grüne und SPD, von Steuererhöhungen, wie sie SPD, Grüne und Linkspartei einhellig fordern, distanziert er sich. Was fehlt, ist die klare Kante, sind eigene Akzente. Das wirkt so, als warte Laschet wie weiland in Düsseldorf nur auf die Fehler der anderen. Dafür unterlaufen ihm aber selbst zu viele Ungeschicklichkeiten.

          Bevor es mit dem Wahlkampf richtig losgeht, ist der CDU-Kandidat wieder in die Defensive geraten, in der er schon ins Wahljahr gestartet war. Weder in der Corona-Krise noch in der Flutkatastrophe konnte Laschet die Erfahrung und Autorität ausspielen, die ihm sein Amt verleihen. Ein Glück für ihn ist, dass Baerbock, auch wenn sie die Tiefschläge überwunden hat, die sie sich selbst zufügte, nicht mehr die überwältigende Herausforderin ist, für die sie viele hielten.

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          Das ist mit Olaf Scholz anders. Waren zu Beginn des Wahlkampfs alle Augen auf Laschet und Baerbock gerichtet, freut sich jetzt der Dritte. Bemerkenswert ist, dass dem SPD-Politiker die Lasten seiner Vergangenheit nicht annähernd so große Schwierigkeiten bereiten wie den Konkurrenten ihre jeweiligen Affärchen. Sowohl im Wirecard-Skandal wie auch in den Cum-ex-Betrügereien hätte Scholz als Minister und als aufrechter Sozialdemokrat eine bessere Rolle spielen können. Die Kulanz, mit der er behandelt wird, dürfte zwei Gründe haben: Scholz gilt eben nicht als ernst zu nehmender Kanzleranwärter – oder es gelingt ihm ähnlich wie Merkel, von eigenen Versäumnissen abzulenken.

          Sollte Scholz nicht nur in diesem Punkt als der eigentliche Merkel-Nachfolger wahrgenommen werden – ein Status, auf den er beharrlich hinarbeitet –, könnte er sich für Laschet als der schwierigere Gegner entpuppen.

          Olaf Scholz auf einer Wahlkampfveranstaltung in Anklam am 31. Juli.
          Olaf Scholz auf einer Wahlkampfveranstaltung in Anklam am 31. Juli. : Bild: dpa

          Für Scholz wird gleichwohl eine andere Fähigkeit als das Abperlen darüber entscheiden, ob er einen Wahlsieg erzielt: Er muss beweisen, wie das bislang nur Helmut Schmidt und Gerhard Schröder gelungen ist, dass die SPD sich ihm so bedingungslos unterordnet, dass vielen Wählern nur noch der erste Teil der Weisheit in den Sinn kommt, er sei der richtige Mann in der falschen Partei. Noch ist dieser Beweis aber nicht angetreten, und für die wenigen Wochen bis zur Wahl ist nicht ersichtlich, wie ihm das gelingen soll.

          Markus Söder am 30. Juli am Wöhrder See in Nürnberg (mit Malaga-Eis)
          Markus Söder am 30. Juli am Wöhrder See in Nürnberg (mit Malaga-Eis) : Bild: dpa

          Auch auf der Zielgeraden zum 26. September wird aber keiner der drei Kandidaten eine solche Wucht entfalten, wie sie in Deutschland derzeit wohl nur Markus Söder für sich in Anspruch nimmt. Die Wahl ist auch dieses Mal „nur“ eine Wahl zwischen Parteien. Danach entscheiden Koalitionen über die Mehrheit im Bundestag. Erst dann wird aus dem Kanzlerkandidaten ein Kanzler. Es muss nicht der Wahlsieger unter ihnen sein, der gewinnt. Das Charisma kommt, wenn überhaupt, erst viel später.

          Jasper von Altenbockum
          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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