https://www.faz.net/-gpf-z1cg

Kanada-Kommentar : Umgepflügt

Wahlsieger: Stephan Harper (r.) wurde die gute Verfassung des Landes angerechnet Bild: dpa

Kontinuität mit einer gehörigen Prise Umstürzlertum: In Kanada haben die Wähler auf die Pauke gehauen. Nach der Parlamentswahl bleibt die Regierung in bewährten Händen - und doch wurde die Politik doppelt erneuert.

          1 Min.

          Viermal sind die kanadischen Wähler in den vergangenen sieben Jahren zu den Urnen gerufen worden; dreimal war das Ergebnis so, dass nur Minderheitenregierungen gebildet werden konnten. Aber beim vierten Mal hauten die Wähler auf die Pauke, wie man das in diesem Land, das seinen Weg zwischen europäisch anmutender Wohlfahrtstaatlichkeit und amerikanischem Individualismus geht, noch nicht gekannt hat: Der konservative Amtsinhaber Stephen Harper wurde mit der absoluten Mehrheit der Mandate im Parlament ausgestattet; die Wähler haben ihm die gute Verfassung des Landes in weltwirtschaftlich schwierigen Zeiten hoch angerechnet. Offizielle Oppositionspartei wurden die Linkspopulisten von der NDP, die unter ihrem ebenso charismatischen wie volkstümlichen Vorsitzenden Jack Layton einen ungeahnten Aufstieg erlebten.

          Diesem Aufstieg fielen Parteien zum Opfer, die anders als sonst diesmal gedemütigt auf den hinteren Plätzen landeten: die sozialdemokratischen Liberalen und die Separatisten aus Quebec. Die Liberalen, die sich für Kanadas „natürliche Regierungspartei“ halten, erlebten ein Debakel; die Zahl ihrer Mandate wurde mehr als halbiert. Dass die einfallslosen Liberalen es noch nicht einmal schafften, wichtigste Oppositionspartei zu werden, dürfte auch ihrem Vorsitzenden Michael Ignatieff angelastet werden, der zwar ein international bekannter Hochschullehrer ist, dessen spröder Intellektualismus aber immer zwischen ihm und vielen Wählern stand. Ein Desaster wurde die Wahl für den Bloc Québécois: Das Sprachrohr des (sozialstaatlich ausgepolsterten) Separatismus im Bundesparlament stürzte ins Bodenlose, weil man es nicht schaffte, die linkspopulistischen Fischer vom eigenen frankokanadischen Teiche fernzuhalten.

          Kanada, zweitgrößtes Land der Erde, Mitglied in G7, 8 und 20, verlässlicher atlantischer Verbündeter, der fälschlicherweise oft nur als Anhängsel der Supermacht wahrgenommen wird, verbindet also Kontinuität mit einer gehörigen Prise Umstürzlertum. Dass die Regierung in bewährten Händen bleibt und künftig über eine eigene Mehrheit verfügen wird, ist erfreulich, auch aus Sicht der Partner Ottawas, die etwa den militärischen Beitrag Kanadas in Afghanistan hoch schätzen. Und doch ist die Parteienlandschaft umgepflügt worden. Es wird sich zeigen, ob diese doppelte Erneuerung von Dauer ist.

          Kanada : Konservative gewinnen Parlamentswahl

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt Video-Seite öffnen

          Heimatort der Großeltern : Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt

          Anfangs sahen die Einwohner von Kallstadt in Rheinland-Pfalz die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten mit großem Interesse, denn Trumps Vorfahren stammen aus dem Winzerdorf. Inzwischen scheint das Interesse allerdings erlahmt zu sein. Ein Stimmungsbild kurz vor der Präsidentenwahl Anfang November, bei der sich Trump zur Wiederwahl stellt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.