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Kommentar : Kampfbegriff Establishment

  • -Aktualisiert am

Ob Trump oder AfD: Beide verwenden den Begriff „Establishment“ als populistischen Vorschlaghammer gegen bestehende Machtstrukturen. Dass sie gleichzeitig selbst etabliert sein wollen, entlarvt sie.

          Es gibt ein Wort zur Beschreibung gesellschaftlicher und politischer Gefüge, das immer wieder zum Kampfbegriff geworden ist, nicht erst seit Brexit und Trump: Establishment. Man könnte auch sagen: Es wird als Kampfbegriff missbraucht. Denn das, wofür der Begriff steht, ist nicht von sich aus böse. Im Duden wird Establishment mit „Einrichtung“ übersetzt, als „organisierte Körperschaft“ definiert, als Begriff für eine „Oberschicht der politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich einflussreichen Personen“ verwandt. Als weitere Definition, versehen mit dem Zusatz „abwertend“, heißt es im Duden, das Wort stehe für eine „etablierte bürgerliche Gesellschaft, die auf Erhaltung des Systems bedacht ist“.

          Dass eine Körperschaft grundsätzlich etwas Negatives sei, können höchstens hartgesottene Anarchisten behaupten. Selbst das kleinste Gemeinwesen kommt nicht ohne ein Minimum an Organisation aus, also an Führungs- und Entscheidungsstrukturen. Die Kommune 1, die sich Ende der sechziger Jahre gegen die gesellschaftlichen Strukturen auflehnte, weil sie schon die bürgerliche Kleinfamilie für eine Keimzelle des Faschismus hielt, scheiterte bekanntlich rasch. Immerhin ist aus jener Zeit der Spruch überliefert: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Man ahnt: Für eine nachhaltig negative Bewertung des Establishments genügt das nicht.

          Bleibt die zweite Definition, also diejenige, die der Duden als „abwertend“ bezeichnet und die mit Establishment den auf Systemerhalt bedachten Teil der bürgerlichen Gesellschaft meint. Ist das verwerflich, wie es in der Geschichte des menschlichen Zusammenlebens immer wieder und gegenwärtig in einigen westlichen Demokratien besonders intensiv behauptet wird? Auch hier gilt: Für radikale Anarchisten ist es das selbstverständlich.

          Aber bei denjenigen, die sich im Bespucken des Establishments, gerne auch der „etablierten Parteien“, in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien oder auch in Deutschland derzeit hervortun, steckt offenkundig nicht der Gedanke des radikalen Systemwechsels im Sinne einer Anarchie dahinter, die auf die Abschaffung von Hierarchien und Machtstrukturen im gesellschaftlichen Zusammenleben abzielt.

          Hierarchien sind zum Gestalten von Politik sinnvoll

          Als die ideologisch hoch aufgeladenen Achtundsechziger gut zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg gegen das Establishment anrannten, hatten diese Linken zumindest noch allerlei „alternative“ Vorstellungen von der Organisation politischer und gesellschaftlicher Entscheidungsprozesse im Gepäck. Diese funktionierten zwar in der Praxis nicht, weshalb sie auch in sozialistischen Staaten – ansatzweise – überhaupt nur mit Gewalt durchgesetzt werden konnten.

          In Wirklichkeit war das Establishment in der Sowjetunion oder in der DDR viel undurchdringlicher als das, welches die rebellierenden Studenten in Washington, London, Paris und Bonn bekämpften. Es wurde eben nicht demokratisch rekrutiert und war nicht abwählbar. Nicht wenige derjenigen, die damals gegen die etablierten Parteien kämpften, haben den Sinn von Hierarchien zum Gestalten von Politik bald erkannt. Im Deutschland um die Jahrtausendwende waren zwei der härtesten Hierarchien als Bundesminister die einstigen linken Frontmänner Otto Schily und Joschka Fischer.

          Diejenigen, die sich den Kampf gegen das Establishment von den Revoluzzern der Jahre 1968 ff. als Keule im politischen Machtkampf geliehen haben, wissen natürlich genau, dass es nicht ohne etablierte Strukturen, sprich: Establishment, geht. Das weiß jemand, der von New York aus im Baugeschäft ein Milliardenimperium aufgebaut hat wie Trump genauso wie die AfD-Führungsfigur Alexander Gauland, der vierzig Jahre in der CDU war und die Hessische Staatskanzlei geleitet hat.

          Der Establishment-Begriff als Vorschlaghammer der Populisten

          Selbst im Leben des Teils der Wählerschaft, für den zu kämpfen sie vorgeben – sie nennen ihn „das Volk“ und zielen auf diejenigen, die tatsächlich abgehängt sind oder sich so fühlen –, wimmelt es nur so von Establishment-Figuren. Das sind dann nicht die Lobbyisten oder Politiker in Washington oder Berlin. Das Establishment, über das sich der Mitarbeiter eines Autozulieferers im amerikanischen Mittelwesten erregt, dürfte vielmehr die Führung seines Unternehmens sein, die ihm seiner Meinung nach nicht genug bezahlt, aber selbst mit einem teuren Firmenwagen zum Golfplatz fährt. Das findet der Arbeiter nicht gut. Aber würde er deswegen verlangen, dass das Unternehmen keine Führung mehr hat? Wohl kaum.

          Die Populisten, die gegenwärtig in Europa und Amerika mit Getöse und zum Teil mit Erfolg ihre Kämpfe führen, haben sich das Wort Establishment nicht ausgesucht, um das politische System zu ändern. Sie benutzen es vielmehr als Vorschlaghammer, mit dem sie die Türen zu den Zimmern der Macht einschlagen, in denen sie selbst endlich politisches Establishment spielen wollen. Wer weiß: Vielleicht ahnen diejenigen, die in diesen Zimmern vor ihren goldenen Vorhängen sitzen, dass sie selbst eines Tages zum Ziel eines Kampfes gegen das Establishment werden.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

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