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Kampf um die Direktmandate : Gegen die Altmeister in Berlin

  • -Aktualisiert am

Vier Favoriten für zwei Direktmandate: Gysi, Ströbele, Wasserhövel und Böhning Bild: dpa

Jeder will das Direktmandat: In ihren Berliner Wahlkreisen haben Gregor Gysi und Hans-Christian Ströbele schon große Siege errungen. Ihre SPD-Herausforderer Wasserhövel und Böhning müssen sich beweisen. Eine Geschichte aus zwei Wahlkreisen.

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          Gysi ist dort der Platzhirsch, Wasserhövel der Herausforderer. Kajo Wasserhövel, der Bundesgeschäftsführer der SPD, muss im Wahlkreis 85, Treptow-Köpenick, gegen den Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei im Bundestag, Gregor Gysi, antreten. Auch der CDU-Kandidat Niels Korte bekommt die Rangfolge zu spüren: Als er sich zum „Duell“ mit Gysi in einem Altersheim im Baumschulenweg traf, konnte er froh sein, wenn er aussprechen durfte, so sehr verstand und benahm sich das Publikum als Gysi-Gefolgschaft. Wasserhövel war an dem Abend nur insofern vertreten, als seine Flyer verteilt wurden. Korte richtet sich an die wachsende Zahl bürgerlicher Wähler, Gysi an diejenigen, die ihn für einen von sich halten.

          Die SPD ist in Treptow-Köpenick oft die lachende Dritte: 2005 gewann Gysi den Wahlkreis mit 40,4 Prozent der Erststimmen, aber die SPD lag mit 36,6 der Zweitstimmen weit vor der PDS mit 28,4 Prozent. Und auch die CDU hat im Wahlkreis bessere Ergebnisse als sonst in Ost-Berlin, und Kortes Ergebnis wiederum war besser als das seiner Partei. Im Bezirksamt sitzt schon seit langem ein sozialdemokratischer Bürgermeister, und vor Gysi eroberte ein Sozialdemokrat das Direktmandat.

          Star gegen Profi

          Gysi mag ein Star sein, Wasserhövel ist der Profi. Unter Wahlkämpfern ist er eine Großmacht. Ob aber einer, der so viele Wahlkämpfe für seine Partei geplant und organisiert hat, auch für sich selbst gut werben kann? In diesen Spätsommertagen zeigte er, wie es geht: An einem Tag lud er Gerhard Schröder ein, der die Leute anlockt, sosehr seine Hartz-Gesetze auch von der Linkspartei verdammt und von der SPD verschämt relativiert werden. Gemeinsam enthüllten sie zu seinem 70. Todestag eine Stele für Otto Wels, der am 23. März 1933 im Reichstag gegen das Ermächtigungsgesetz gesprochen hatte. Tags drauf war erst Verkehrsminister Tiefensee zu Gast, dann Finanzminister Steinbrück. Wasserhövel stellte vor, richtete die Lautsprecher, stellte die Fragen, hielt das Mikrofon. Das Publikum sah einen offenkundig intelligenten Mann von 47 Jahren, der keinerlei Schwierigkeiten hatte, hinter denen zurückzustehen, die er für bedeutender hält als sich, und der dadurch selbst gewinnt.

          Star gegen Profi: Gysi und Wasserhövel

          Den Wahlkreis hält Wasserhövel für gewinnbar, auf eine Absicherung auf der SPD-Landesliste hat er, anders als Gysi, verzichtet. Der Bezirk Treptow-Köpenick hat sich seit dem Mauerfall sehr verändert, und die Veränderungen halten an. „Organizing Schöneweide“, eine Bürgerplattform, kümmert sich um die Entwicklung des ehemaligen Industriestandorts und setzt sich dafür ein, dass in die alten Hallen an der Spree wieder Leben einzieht. Wie attraktiv die Wohnlagen am reichlich vorhandenen Wasser für Familien sind, ist offensichtlich: An den Cafés, den Läden und einigen mit Instrumententaschen in die Kirche flitzenden Mädchen sieht man das neue bürgerliche Leben.

          Die Kandidaten passen besser zu Kreuzberg als ihre Parteien

          Der Wahlkreis 84 nebenan ist fast das Gegenteil von Treptow-Köpenick: Mit „Duellen“ der Bewerber ist es dort nicht getan, alles findet zu fünft oder – wenn es um die linken Kandidaten geht – zu dritt statt. Der Grüne Hans-Christian Ströbele ist älter noch als Gysi, er ist 70 Jahre, ist auch Anwalt, und er kandidiert abermals um das Direktmandat in Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg-Ost, das er schon 2002 und 2005 gewonnen hat. In diesem Wahljahr ist der Wahlkreis 84 der munterste, und der dortige Wahlkampf ist der kurzweiligste in Berlin.

          Die Parteien haben Kandidaten nach Kreuzberg-Friedrichshain geschickt, die dorthin besser passen als in ihre eigenen Parteien: Für die CDU tritt Vera Lengsfeld an, die Bürgerrechtlerin aus der DDR, die erst Grüne war, dann für die CDU im Bundestag saß. Ihr Wahlplakat, das ihr Dekolleté und das von Frau Merkels zeigte, führte zu Aufsehen über die Grenzen des Wahlkreises hinaus. Aus der FDP tritt Markus Löning an – der Landesvorsitzende, der keinen Platz auf der Landesliste fand. Auch er war einmal ein Grüner; wenn es in Berlin jemals eine Ampel geben sollte, wird die FDP ihn brauchen. Selbst die SPD hat sich aufgerafft, jemanden nach Kreuzberg zu schicken, der zum Viertel passt: Björn Böhning, der ehemalige Juso-Vorsitzende, der auch noch im Juso-Alter von 31 Jahren ist und seit einigen Jahren in Wowereits Senatskanzlei an „Grundsatzfragen“ arbeitet. Für die Linkspartei kandidiert Halina Wawzyniak, Justitiarin der Fraktion der Linkspartei im Bundestag und stellvertretende Parteivorsitzende.

          Macht Rot oder Grün das Rennen?

          Das Mandat wird voraussichtlich an Ströbele oder an Böhning vergeben werden. Dass der Grüne noch einmal 43,2 Prozent der Erststimmen bekommt, glauben indes wenige. Über sein stalinistisch anmutendes Plakat, auf dem er riesengroß fahneschwingend den kleinen Wählerfiguren voranschreitet, wird zumindest viel gelacht. Ströbele stellt den SPD-Kandidaten Böhning vor eine ähnliche Aufgabe wie im Wahlkreis nebenan Gysi Kajo Wasserhövel. Ein als Funktionär erfolgreicher Kandidat muss einen erbarmungslosen Populisten bezwingen. Böhning tritt argumentierend auf, seine Wahlwerbung ist textlastig. Doch dieser Tage entdeckte man ihn dort, wo Prenzlauer Berg am chicsten ist: Seine Konterfei ist auf Gehwegplatten in der Bötzowstraße gesprüht worden.

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