https://www.faz.net/-gpf-7p52f

Kampf gegen prorussische Separatisten : Starker Westwind in der Ostukraine

Der Oligarch zahlt: zum Beispiel die Feier der Veteranen im Jüdischen Zentrum anlässlich des Tags des Sieges am Donnerstag in Dnipropetrowsk Bild: F.A.Z.

Vor dem Referendum am Sonntag ist die Ostukraine in zwei Lager gespalten. Anders als in der prorussisch dominierten Metropole Donezk haben in Dnipropetrowsk die Anhänger der Kiewer Regierung das Sagen. Dort ist der prowestliche Oligarch Kolomojskij der Anführer.

          5 Min.

          Zwischen Donezk und Dnipropetrowsk, den beiden Millionenstädten des ukrainischen Südostens, liegen 250 Kilometer Steppe – eine Kleinigkeit eigentlich für ein Land von der Größe der Ukraine. Dennoch könnte dieser Tage der Unterschied kaum größer sein. Während Donezk, die östlichere der beiden Metropolen, mit ihrer beunruhigenden Nähe zu den russischen Truppenmassierungen jenseits der Grenze seit Wochen von schwerbewaffneten Separatisten heimgesucht wird, während die prorussischen Rebellen im Donbass, der umgebenden Industrieregion, im Tagesrhythmus „befreite“ Städte ausrufen und Polizeistationen erobern, weht in Dnipropetrowsk der Wind von Westen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Auf den Boulevards verkaufen fliegende Händler blaugelbe ukrainische Fähnchen für die Autotüren, an den öffentlichen Gebäuden weht dasselbe Blaugelb, das drüben in Donezk täglich wütende Angriffe auf sich zieht, ungestört im Frühlingshimmel. Dnipropetrowsk steht offenbar fest an der Seite Kiews, der ukrainischen Hauptstadt, deren Eliten seit dem Sturz des Präsidenten Viktor Janukowitsch im Februar versuchen, das Land im Westen zu verankern.

          Das Ziel: die Stadt vor prorussischen Kämpfern schützen

          An der Landstraße zwischen diesen beiden Metropolen nun liegt der Kontrollposten der neunten Hundertschaft – und wer die Unterschiede zwischen hüben und drüben besonders klar erkennen will, sollte hier kurz halten. Der Posten sieht zwar auf den ersten Blick fast genauso aus wie die Straßensperren der prorussischen Separatisten, die weiter östlich in manchen Städten praktisch jede einzelne Straße versperren: Man sieht Autoreifen und Sandsäcke, eine Feuertonne für die Nacht und dahinter ein paar Männer in zusammengewürfelten Phantasieuniformen. Auf den zweiten Blick aber zeigen sich Unterschiede. Zunächst stellt sich im Gespräch heraus, dass diese Männer, anders als die separatistischen Rebellen des Ostens, nicht den Eindruck machen, vor allem aus deklassiertem Subproletariat zu bestehen.

          Wind von Westen: Straßenhändler verkaufen dieser Tage ukrainische Flaggen für die Autotüren.

          Am Posten der neunten Hundertschaft jedenfalls standen am Donnerstag neben einem Getreidehändler, einem Metzger und einem Bauarbeiter auch ein Universitätsdozent, der zu seinem selbstkonzipierten Kampfanzug eine feine randlose Brille trug und glaubwürdig versicherte, Spezialist für postmoderne Philosophie zu sein. Vor allem aber sind diese Männer nicht gegen die ukrainische Staatsgewalt aufgezogen. Im Gegenteil: Sie bemannen ihren Posten zusammen mit der Polizei, und ihr Ziel ist nicht etwa der Anschluss an Russland, sondern dessen Verhinderung – der Schutz ihrer Stadt vor einsickernden prorussischen Kämpfern.

          Die „nationale Verteidigung“ besteht seit dem Sturz Janukowitschs

          Um zu erfahren, was es mit diesen Männern und ihren Posten auf sich hat, wendet man sich am besten an Jurij Berjosa. Dieser Mann, ein blonder Hüne, hat seinen Sitz in der Gebietsverwaltung von Dnipropetrowsk und leitet den „Stab der nationalen Verteidigung“ der Region. Diese Kommandostelle, erläutert er, ist unmittelbar nach dem Sturz Janukowitschs geschaffen worden, um als „Bürgerinitiative“ parallel zu den staatlichen Machtstrukturen Freiwilligenbataillone zur Verteidigung der Ukraine gegen „russische Aggression“ zu organisieren. Mit großzügiger Finanzhilfe lokaler Geschäftsleute habe sie seither etwa 1000 Kämpfer in einer konzentrierten Kurzausbildung (Erste Hilfe, Recht, Schießen mit dem Sturmgewehr Kalaschnikow) auf die Beine gestellt. Alle drei Tage schlössen sechzig weitere Männer das Training ab, 15000 stünden auf den Bewerberlisten. Auftrag: Abwehr der bewaffneten Separatisten aus dem Donbass, die jederzeit über die Gebietsgrenze kommen und versuchen könnten, auch Dnipropetrowsk zu gewinnen.

          Die Nachfrage nach illegal erhältlichen Waffen ist kein Geheimnis.

          Dass Dnipropetrowsk und Donezk trotz der relativ geringen Distanz zwischen den beiden Städten so unterschiedlich zu empfinden scheinen, hat mehrere Gründe. Einer liegt in der Vergangenheit, und um die zu verstehen, muss man nur auf die Familiengeschichte des Kommandeurs Jurij Berjosa blicken: Von den 14 Kindern seines Urgroßvaters, erzählt er, hätten nur drei den „Holodomor“ überlebt, die große, mit Absicht herbeigeführte Hungersnot, mit welcher der sowjetische Diktator Stalin in den dreißiger Jahren versuchte, die antisowjetische Stimmung in der Ukraine zu brechen. Seither, erzählt Berjosa, habe die Sowjetmacht in seiner Familie immer nur für Verbrechen und Massenmord gestanden. In Donezk dagegen, der Gruben- und Hüttenstadt, deren Arbeiterschaft nach dem Krieg aus der gesamten Sowjetunion zusammengeflossen sei, habe man solche Erinnerungen ebenso wenig wie die daraus resultierenden Aversionen gegen Moskauer Dominanz.

          Polizei und Bürgerwehr kontrollieren den Stadteingang von Dnipropetrowsk.

          Es gibt aber noch einen anderen wichtigen Grund für die eklatanten Unterschiede der beiden Metropolen, und dieser Grund trägt den Namen Ihor Walerjowitsch Kolomojskij. Über diesen Mann ist vieles zu sagen – manches, was alle bestätigen, ebenso manches, was einige beschwören, andere hingegen wütend bestreiten. Einigkeit herrscht darüber, dass Kolomojskij einer der führenden Oligarchen der Ukraine ist. Sein Milliardenvermögen – Banken, Metallverarbeitung, Fernsehsender – wird in verschiedenen Schätzungen sehr unterschiedlich bewertet, aber es scheint klar, dass er zu den drei reichsten Männern dieses Landes zählt und dass er der bei weitem wichtigste jener „privaten Sponsoren“ ist, welche die „Nationale Verteidigung“ von Dnipropetrowsk unterstützen und mit ihr den Posten der neunten Hundertschaft an der Straße nach Donezk. Seine Freunde sagen dieser Zeitung, er habe mittlerweile „zig Millonen Dollar“ in diese Bürgerwehr investiert, und er habe nicht vor, seine Zahlungen so bald einzustellen.

          Dass Kolomojskij anders als der benachbarte Oligarch Rinat Achmetow, der führende Milliardär von Donezk, so klar für Kiew und gegen Moskau auftritt, hat nach Ansicht seiner Vertrauten eine einfache Erklärung: Sein Geschäft, so heißt es, sei weniger als das anderer Magnaten mit der russischen Wirtschaft verwoben, seine Interessen seien besonders klar mit der Existenz der Ukraine verbunden. Dem Kiewer Interimspräsidenten Olexandr Turtschinow, der seit dem Sturz Janukowitschs in Kiew die Gouverneure des Landes einsetzt, waren diese Gründe offenbar stark genug, um Kolomojskij nach dem Machtwechsel vom Februar die Führung des Gebiets Dnipropetrowsk zu übertragen.

          Stadtansicht von Dnipropetrowsk

          Die Person Kolomojskij umfasst aber noch weitere Aspekte, und hier gehen die Meinungen auseinander. Wer Lobeshymnen hören will, wende sich an den Oberrabbiner von Dnipropetrowsk, Rabbi Shmuel Kaminezki. Kaminezki wird in hohen Tönen davon erzählen, wie Kolomojskij, der selbst jüdischer Herkunft ist, in den vergangenen zwanzig Jahren die jüdische Gemeinde von Dnipropetrowsk, mit ihren möglicherweise 50000 Mitgliedern eine der größten Europas, durch großzügige Spenden zu einem kulturellen und wirtschaftlichen Impulsgeber der Stadt gemacht hat.

          Der Oligarch hat zwei Gesichter

          Er wird im von Kolomojskij finanzierten „Menorah-Zentrum“ im Herzen der Stadt empfangen, einem nach dem Vorbild des siebenarmigen jüdischen Leuchters aus sieben Türmen gefügten hochmodernen Gebäudekomplex, er wird von den jüdischen Altenheimen, Krankenhäusern und Schulen berichten, die der Mäzen, „ein Patriot und Wohltäter“, hier aus dem Boden gestampft habe, und er wird die Nähe des bekennenden Juden Kolomojskij zur neuen Kiewer Führung als Beweis dafür anführen, dass die These vom „faschistischen“ oder „rechtsradikalen“ Charakter des „Majdan“ eine Erfindung der russischen Propaganda sei. Wie um die These von der engen Verbundenheit der Dnipropetrowsker Juden zur Ukraine und ihrer Geschichte zu bestätigen, hat Rabbi Kaminezki am Donnerstag im Hof des Menorah-Zentrums zusammen mit ein paar Dutzend hochdekorierten jüdischen Veteranen der Roten Armee den Vorabend des 9. Mai gefeiert, des Tages des Sieges über Nazi-Deutschland.

          Dennoch hat Kolomojskij noch ein anderes Gesicht: Er gilt nicht nur als einer der reichsten Oligarchen der Ukraine, sondern auch als einer der gefährlichsten. Die Härte, mit der er seit dem Systemwechsel vor zwei Jahrzehnten gegen Konkurrenten und Partner vorgegangen ist, wird höchstens noch von der des Donezkers Achmetow übertroffen, des großen Überlebenden der Gangsterkriege aus den neunziger Jahren. So legendär ist die Rücksichtslosigkeit Kolomojskijs, dass selbst nahe Freunde sie nicht bestreiten. Einer seiner engsten Geschäftspartner, der stellvertretende Gouverneur von Dnipropetrowsk Boris Filatow, hat dieser Zeitung jedenfalls nicht ohne einen Anflug von Stolz versichert, „Aggressivität“ gehöre – natürlich immer im Rahmen der Gesetze – zum Geschäftskonzept. Die neue prowestliche Führung in Kiew, die mit dem Schlachtruf „Gangster weg“ an die Macht gekommen ist, hat deshalb viel Kritik dafür einstecken müssen, dass sie ausgerechnet diesen Mann zum Gouverneur einer so wichtigen Region gemacht hat.

          Mit seinen üppigen Spenden hat Kolomojskij die jüdische Gemeinde von Dnipropetrowsk angeblich zum kulturellen Impulsgeber der Stadt gemacht.

          Am Posten draußen an der Straße nach Donezk ist von dieser Kritik am Donnerstag allerdings nicht viel zu hören gewesen. Die Freiwilligen der neunten Hundertschaft, der Metzger Artjom ebenso wie der Philosophiedozent Oleg, freuten sich auf die nagelneuen Uniformen, die von der kommenden Woche an dank großzügiger Finanzierung durch den Sponsor drüben in der Stadt ihre wilden Kampfmonturen ersetzen sollen. Fast noch mehr aber freuten sie sich über die prallen Tüten mit Zwiebeln, Salat und Räucherfleisch, die wildfremde Bürger – hier eine gepflegte Dame in einem neuen Geländewagen, dort ein gegerbter alter Mann in einem ebenso alten russischen Wagen – immer wieder zur Unterstützung ihres Freiheitskampfes vorbeigebracht haben. Es weht eben ein starker Westwind, hier in Dnipropetrowsk.

          Weitere Themen

          Jusos wählen neuen Chef im Herbst Video-Seite öffnen

          Kühnert gibt Vorsitz ab : Jusos wählen neuen Chef im Herbst

          Juso-Chef Kevin Kühnert will sein Amt an der Spitze der SPD-Jugendorganisation im November vorzeitig aufgeben: Der Vizeparteichef will bei der Wahl im kommenden Jahr für den Bundestag kandidieren.

          Topmeldungen

          Identitätspolitik : Junge Linke gegen alte Linke

          Was alte Linke über Minderheiten sagen, finden junge Linke rassistisch. Und was die Jungen sagen, galt bei den Alten früher als Vorstufe des Faschismus. Es geht ein tiefer Riss durch das linke Lager.

          Juan Carlos verlässt Spanien : Felipe und der lange Schatten des Vaters

          Mit seinem freiwilligen Auszug aus dem Zarzuela-Palast zieht Juan Carlos die Konsequenzen aus andauernden Korruptionsvorwürfen gegen ihn. König Felipes Kampf um die Zukunft der spanischen Monarchie ist damit noch nicht zu Ende.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.