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Kampf gegen prorussische Separatisten : Starker Westwind in der Ostukraine

Der Oligarch zahlt: zum Beispiel die Feier der Veteranen im Jüdischen Zentrum anlässlich des Tags des Sieges am Donnerstag in Dnipropetrowsk Bild: F.A.Z.

Vor dem Referendum am Sonntag ist die Ostukraine in zwei Lager gespalten. Anders als in der prorussisch dominierten Metropole Donezk haben in Dnipropetrowsk die Anhänger der Kiewer Regierung das Sagen. Dort ist der prowestliche Oligarch Kolomojskij der Anführer.

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          Zwischen Donezk und Dnipropetrowsk, den beiden Millionenstädten des ukrainischen Südostens, liegen 250 Kilometer Steppe – eine Kleinigkeit eigentlich für ein Land von der Größe der Ukraine. Dennoch könnte dieser Tage der Unterschied kaum größer sein. Während Donezk, die östlichere der beiden Metropolen, mit ihrer beunruhigenden Nähe zu den russischen Truppenmassierungen jenseits der Grenze seit Wochen von schwerbewaffneten Separatisten heimgesucht wird, während die prorussischen Rebellen im Donbass, der umgebenden Industrieregion, im Tagesrhythmus „befreite“ Städte ausrufen und Polizeistationen erobern, weht in Dnipropetrowsk der Wind von Westen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Auf den Boulevards verkaufen fliegende Händler blaugelbe ukrainische Fähnchen für die Autotüren, an den öffentlichen Gebäuden weht dasselbe Blaugelb, das drüben in Donezk täglich wütende Angriffe auf sich zieht, ungestört im Frühlingshimmel. Dnipropetrowsk steht offenbar fest an der Seite Kiews, der ukrainischen Hauptstadt, deren Eliten seit dem Sturz des Präsidenten Viktor Janukowitsch im Februar versuchen, das Land im Westen zu verankern.

          Das Ziel: die Stadt vor prorussischen Kämpfern schützen

          An der Landstraße zwischen diesen beiden Metropolen nun liegt der Kontrollposten der neunten Hundertschaft – und wer die Unterschiede zwischen hüben und drüben besonders klar erkennen will, sollte hier kurz halten. Der Posten sieht zwar auf den ersten Blick fast genauso aus wie die Straßensperren der prorussischen Separatisten, die weiter östlich in manchen Städten praktisch jede einzelne Straße versperren: Man sieht Autoreifen und Sandsäcke, eine Feuertonne für die Nacht und dahinter ein paar Männer in zusammengewürfelten Phantasieuniformen. Auf den zweiten Blick aber zeigen sich Unterschiede. Zunächst stellt sich im Gespräch heraus, dass diese Männer, anders als die separatistischen Rebellen des Ostens, nicht den Eindruck machen, vor allem aus deklassiertem Subproletariat zu bestehen.

          Wind von Westen: Straßenhändler verkaufen dieser Tage ukrainische Flaggen für die Autotüren.
          Wind von Westen: Straßenhändler verkaufen dieser Tage ukrainische Flaggen für die Autotüren. : Bild: F.A.Z./Olexandr Techynskyy

          Am Posten der neunten Hundertschaft jedenfalls standen am Donnerstag neben einem Getreidehändler, einem Metzger und einem Bauarbeiter auch ein Universitätsdozent, der zu seinem selbstkonzipierten Kampfanzug eine feine randlose Brille trug und glaubwürdig versicherte, Spezialist für postmoderne Philosophie zu sein. Vor allem aber sind diese Männer nicht gegen die ukrainische Staatsgewalt aufgezogen. Im Gegenteil: Sie bemannen ihren Posten zusammen mit der Polizei, und ihr Ziel ist nicht etwa der Anschluss an Russland, sondern dessen Verhinderung – der Schutz ihrer Stadt vor einsickernden prorussischen Kämpfern.

          Die „nationale Verteidigung“ besteht seit dem Sturz Janukowitschs

          Um zu erfahren, was es mit diesen Männern und ihren Posten auf sich hat, wendet man sich am besten an Jurij Berjosa. Dieser Mann, ein blonder Hüne, hat seinen Sitz in der Gebietsverwaltung von Dnipropetrowsk und leitet den „Stab der nationalen Verteidigung“ der Region. Diese Kommandostelle, erläutert er, ist unmittelbar nach dem Sturz Janukowitschs geschaffen worden, um als „Bürgerinitiative“ parallel zu den staatlichen Machtstrukturen Freiwilligenbataillone zur Verteidigung der Ukraine gegen „russische Aggression“ zu organisieren. Mit großzügiger Finanzhilfe lokaler Geschäftsleute habe sie seither etwa 1000 Kämpfer in einer konzentrierten Kurzausbildung (Erste Hilfe, Recht, Schießen mit dem Sturmgewehr Kalaschnikow) auf die Beine gestellt. Alle drei Tage schlössen sechzig weitere Männer das Training ab, 15000 stünden auf den Bewerberlisten. Auftrag: Abwehr der bewaffneten Separatisten aus dem Donbass, die jederzeit über die Gebietsgrenze kommen und versuchen könnten, auch Dnipropetrowsk zu gewinnen.

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