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IS-Kämpfer in Syrien und Irak : Die Globalisierung des Dschihad

Auf solche IS-Propaganda im Netz fallen Menschen aus aller Welt hinein. Wichtiger bei der Radikalisierung ist laut einer neuen Studie aber der persönliche Kontakt. Bild: AP

Zehntausende radikal-islamistische Kämpfer aus dem Ausland sind den Milizen in Syrien und im Irak inzwischen gefolgt – so glauben amerikanische Sicherheitsexperten. Ihre Zahl hat sich offenbar binnen Kurzem verdoppelt.

          3 Min.

          Die Zahl ausländischer Kämpfer radikal-islamistischer Milizen in Syrien und im Irak hat sich offenbar verdoppelt – innerhalb von weniger als zwei Jahren. Das geht aus einem Bericht hervor, den die in den Vereinigten Staaten ansässige „Soufan Group“, ein Sicherheits-Beratungsunternehmen, am Dienstag veröffentlicht hat. Demnach soll die Zahl der ausländischen Kämpfer inzwischen über 27.000 liegen. Damit seien sie  „wirklich ein globales“ Phänomen geworden. Vor allem die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) habe zehntausende Menschen angezogen.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Der Bericht der „Soufran Group“ dokumentiert damit das Scheitern der Bemühungen zahlreicher Länder, die Reise kampfbereiter Islamisten nach Syrien und in den Irak in der Vergangenheit einzudämmen. Demnach reisten zwischen 27.000 und 31.000 ausländische Kämpfer aus 86 Ländern nach Syrien und in den Irak. Bei einer ähnlichen Untersuchung des Unternehmens, das es im Juni 2014 veröffentlichte, war von etwa 12.000 ausländischen Kämpfern die Rede gewesen. Allerdings lässt die Gruppe offen, ob es sich dabei nur um Kämpfer in Syrien oder auch im Irak handelte.

          Die meisten Unterstützer kamen demnach aus dem Nahen Osten und aus Nordafrika mit jeweils 8000 Kämpfern. Tunesien sticht mit alleine 6000 Kämpfern besonders hervor. Etwa 5000 Anhänger kamen laut „Soufan Group“ aus Europa, 760 von ihnen sind Deutsche, 1700 Franzosen. Weitere 4700 kommen aus den früheren Sowjet-Republiken, 2400 davon aus Russland.

          Staatliche amerikanische Sicherheitsdienste hatten die Zahl der ausländischen Kämpfer in Syrien und Irak im September 2015 bereits auf 30.000 aus 100 Ländern beziffert. Ihre davon leicht abweichenden Zahlen bezieht die „Soufan Group“ aus Regierungs-Schätzungen, UN-Berichten und von Forschungsinstituten. Sie räumt ein, dass eine gewisse Unsicherheit bestünde, zumal viele Regierungen keine Zahlen zur Ausreise von Islamisten herausgeben.

          Der deutsche Politikwissenschaftler und Terrorismusexperte Peter Neumann hält sie für zutreffend, macht aber einige Einschränkungen. So hätten schon Ende 2014 etwa 25.000 Ausländer in Syrien und im Irak gekämpft. Der Höhepunkt der Rekrutierungen hätte demnach im vergangenen Jahr gelegen; 2015 sei für den IS hingegen ein erfolgloses Jahr gewesen. Der Direktor des „International Center for the Study of Radicalisation“ am Londoner King's College gibt außerdem zu bedenken, dass zehn bis 15 Prozent der Kämpfer bereits tot seien. Rund 30 Prozent seien zudem wohl in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Im Irak und in Syrien dürften demnach wohl eher noch 15.000 Ausländer kämpfen; nicht alle von ihnen für den IS, den es erst seit 2013 gibt, sondern auch für andere Milizen.

          Viele Kämpfer aus der belgischen Islamistenhochburg Molenbeek

          Die Studie macht regionale Unterschiede aus. Während die Anzahl amerikanischer Kämpfer unvermindert hoch blieb, hat sie sich in Europa verdoppelt und ist in Russland im Vergleich zum Frühsommer 2014 gar um 300 Prozent gestiegen. Die Autoren nennen auch einzelne Regionen, Städte und Stadtviertel, aus denen besonders viele Radikalisierte ausgereist sind, etwa die libysche Hafenstadt Derna, das georgische Pankissi-Tal oder den Brüsseler Stadtteil Molenbeek, aus dem auch der Drahtzieher der Anschläge in Paris vom 13. November kommen soll.

          So anders als die Propaganda sieht die Wirklichkeit im Krieg aus, hier ein Dorf nahe der irakischen Stadt Ramadi, wo Regierungstruppen den IS bekämpfen. 20 bis 30 Prozent der ausländischen Kämpfer kehren in die Heimat zurück – manche desillusioniert, manche radikalisiert.
          So anders als die Propaganda sieht die Wirklichkeit im Krieg aus, hier ein Dorf nahe der irakischen Stadt Ramadi, wo Regierungstruppen den IS bekämpfen. 20 bis 30 Prozent der ausländischen Kämpfer kehren in die Heimat zurück – manche desillusioniert, manche radikalisiert. : Bild: AFP

          Diese lokalen Häufungen erklärt die Untersuchung damit, dass die Rekrutierung oft auf persönlicher Ebene verlaufe. „Wo einer dem IS beitritt, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ein zweiter folgt“, heißt es. Bei Jugendlichen ohne ein Gefühl von Sinn oder Zugehörigkeit jenseits ihrer eigenen Gruppe entstünde damit ein „Momentum der Rekrutierung“.

          Dieses wirke stärker als die Propaganda in den sozialen Medien, die oftmals den Boden für die Radikalisierung bereite, aber selten die tatsächliche Ausreise auslöse. Das sieht auch Peter Neumann so. Hochburgen wie Dinslaken und Wolfsburg in Deutschland oder Cardiff und Brighton in Großbritannien ließen sich mit Internetpropaganda allein nicht erklären. Der Fokus der Sicherheitsbehörden müsse deshalb mehr auf Gefährdern und Problemvierteln liegen als auf Youtube-Videos.

          In dem Bericht der „Soufan Group“ heißt es außerdem, dass die 20 bis 30 Prozent der ausländischen Kämpfer, die in ihre Heimatländer zurückkehrten, eine große Herausforderung für die Sicherheitsbehörden darstellten. Schließlich wolle die IS-Miliz weitere Anschläge außerhalb Syriens und des Iraks verüben. Laut „Soufan Group“ dürfte sich durch diese neue Zielrichtung des IS auch das Profil derjenigen verändern, die er im Ausland zu rekrutieren versucht.

          Die Verfasser des Berichts gehen davon aus, dass der IS noch auf lange Zeit Anhänger in der ganzen Welt finden wird. Selbst wenn die Terrormiliz in Syrien bekämpft und langsam vernichtet werde, könne sie die Taten ihrer Anhänger weiterhin beeinflussen – und im Kampf ums Überleben sogar noch gefährlicher werden.

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