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Anschlag auf Sikh-Tempel : Löwen und Prinzessinnen

  • -Aktualisiert am

Männliche Sikhs (hier in Lahore, Pakistan) sind traditionell an ihrem Turban und ihrem langen Bart zu erkennen. Bild: AP

Bis vor zwei Monaten lebten Sikhs in Deutschland unbemerkt von der Mehrheitsgesellschaft. Dann kam der Terroranschlag auf das Gemeindezentrum in Essen. Wie sieht es dort jetzt aus? Ein Ortsbesuch.

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          Seit dem 11. September 2001, sagt Nagpal Mohinder Singh, werde ihm auf der Straße öfter „Taliban“ oder „Usama Bin Ladin“ hinterher gerufen, wegen seines langen Barts und seines Turbans. Er wirkt nicht wütend, als er das erzählt. Generell scheint den drahtigen älteren Herrn, der zum blauen Turban ein kariertes Jackett trägt, nicht viel aus der Ruhe zu bringen. „Wir sind auch mit daran Schuld, das wir verwechselt werden“, sagt er. „Als wir nach Deutschland gekommen sind, hätten wir die Menschen gleich darüber aufklären sollen, wer wir sind und was wir machen. Aber wir haben es versäumt. Auch, weil wir immer viel gearbeitet haben.“ Wenn er Zeit hat, so Singh weiter, nimmt er den Rufer zur Seite und erklärt ihm, dass er kein Muslim ist, sondern Sikh.

          Insgesamt leben in Deutschland ungefähr 25.000 Anhänger der fünftgrößten Religion der Welt. Sie unterhalten ungefähr dreißig Gemeindezentren, Gurdwara genannt. Der Sikhismus kennt keinen Missionsgedanken, auch wenn Konvertiten willkommen sind. Toleranz gegenüber anderen Religionen gehört zu den Grundprinzipien. Die Gurdwara finanzieren sich selbst, jeder Sikh spendet zehn Prozent seines Einkommens. Bis zum 16. April 2016 lebten Deutschlands Sikhs weitgehend unbemerkt von der Mehrheitsgesellschaft. Wer keine Probleme macht, keine Ansprüche stellt, fällt nicht auf.

          Die Bilder im Essener Gurdwara zeigen Szenen aus der Geschichte der Sikhs.

          An jenem Tag aber wurde der Gurdwara, in dessen Vorstand Singh sitzt, Ziel eines islamistischen Anschlags. Ein Sprengsatz explodierte im Vorraum des Gemeindezentrums, in dem gerade das Team zusammensaß, das die Parade, die für die nächste Woche geplant war, organisieren sollte. Drei Menschen wurden verletzt. Es hätte noch schlimmer kommen können: Nur kurz zuvor war eine Hochzeit im Gurdwara mit 200 Gästen zu Ende gegangen. Die Ermittlungen dauern an, zunächst war von zwei Tätern ausgegangen worden. Mittlerweile hat man entdeckt, dass die beiden Jugendlichen sich in einer WhatsApp-Gruppe austauschten und somit mindestens zwölf Menschen über den Anschlag Bescheid wussten.

          Dreimal am Tag wird im Gurdwara gegessen

          An diesem Morgen, zwei Monate nach dem Anschlag, herrscht schon früh Betrieb im Gurdwara, einem schlichten Neubau in einem Gewerbegebiet im Essener Norden. Gegenüber liegt ein Baustoffhandel; auch den Gurdwara könnte man für den Sitz eines mittelständischen Unternehmens halten, wenn man sich das kunstvoll geschwungene Tor und das Hinweisschild in indischer Gurmukhi-Schrift wegdenkt. Auch wenn keine offizielle Gebetszeit ist, gehen Menschen ein und aus, meist vereinzelte Männer, auch ein junges Paar ist dabei, und lassen sich nicht von dem jungen Mann stören, der gerade die Teppiche saugt. Im Darbar Sahib, dem Altarraum, liegt das heilige Buch der Sikhs, das Guru Granth Sahib. Die Gläubigen knien davor zum Gebet nieder, oder setzen sich an den Altar und lesen darin.

          Aus der Tempelküche duftet es nach Essen, Geschirr klappert. In einem Gurdwara werden täglich drei Mahlzeiten serviert, alle vegetarisch; die Frage, ob Fleisch verzehrt werden darf, ist unter Sikhs umstritten. Alkohol, Nikotin und Drogen sind auf jeden Fall verboten. Der graue PVC-Boden des Raums, in dem die Speisen verzehrt werden, Langar genannt, ist mit Teppichen ausgelegt, auf denen im Schneidersitz gegessen wird. Die bunten Bilder an der Wand, die Szenen aus der Geschichte der Sikhs zeigen, erinnern an das Dekor indischer Restaurants.

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