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Islamistischer Terror : Wie finanziert sich der IS?

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So raubte der IS etwa beim Einmarsch in Mossul im vergangenen Jahr Millionen von Dollar aus den Tresoren der örtlichen Banken – ganz zu schweigen von der Aneignung des Militärgeräts der irakischen Armee, die Hals über Kopf aus der Stadt geflüchtet war und den Terroristen damit einiges an Ausgaben ersparte. Zudem pfändet der IS die Konten von Einwohnern, die geflüchtet sind oder in den Kämpfen getötet wurden.

Ähnlich wie das Ölgeschäft lassen sich diese Einnahmequellen auch mit großer Mühe kaum von außen abschneiden – in die IS-Gebiete hineinzugelangen und wieder herauszukommen ist schwierig. Und selbst an denjenigen, denen die Flucht gelingt, verdient der IS noch Geld: Sie müssen oft mehrere tausend Dollar Wegezölle entrichten.

Europäische Terrorzellen finanzieren sich selbst

Die Strukturen, denen sich diese Einnahmen verdanken, haben die Terroristen nicht über Nacht aufgebaut. „In Mossul hat der IS schon vor der Eroberung viel Schutzgeld eingesammelt“, sagt Bente Scheller. Gerade in einigen irakischen Provinzen konnte der IS seine Strukturen auch deshalb ausbauen, weil die dort lebenden Sunniten sich von der schiitisch geprägten irakischen Zentralregierung jahrelang im Stich gelassen fühlten und die Kooperation mit den Terroristen anfangs vielfach als das geringere Übel wahrnahmen, zumal der IS brave Untertanen auch an seinen Geschäften beteiligt. „Wir hören immer wieder, dass sie bessere Gehälter zahlen als vorher die Regierung“, sagt Scheller.

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Eines allerdings finanzieren die wirtschaftlichen Aktivitäten der Terroristen in Syrien und im Irak nicht: Terroranschläge in Europa. „Die Finanzierungsstrukturen dafür sind völlig unabhängig“, sagt Forscherin Louise Shelley. Die europäischen Terrorzellen seien in der Regel selbst finanziert, vor allem durch kleinkriminelle Aktivitäten wie den Verkauf geschmuggelter Zigaretten oder gefälschter Turnschuhe, Überfälle auf Tankstellen und Supermärkte oder den lokalen Drogenhandel. „So ein Terroranschlag ist nicht teuer“, sagt Shelley. Ein paar tausend Euro für Waffen vom Schwarzmarkt, selbstgemachten Sprengstoff und den ein oder anderen Mietwagen sind schnell erwirtschaftet, insbesondere wenn die Täter, wie der Drahtzieher der Pariser Anschläge, ohnehin aus dem kleinkriminellen Milieu stammen. Deswegen gibt es auch nur wenig verdächtige Geldflüsse zwischen den IS-Gebieten und europäischen Städten.

Die Finanzstrukturen machen es schwierig, den IS wirtschaftlich zu bekämpfen, weil es wenig Ansatzpunkte gibt, um die Geldströme zu kappen. Andererseits macht die Terrorautarkie die Terroristen auch verletzlich. Steuern und Schutzgeld lassen sich nur erheben, solange dafür noch eine wirtschaftliche Basis besteht. In Mossul, einst blühendes Zentrum der irakischen Bauindustrie, ist die Wirtschaft seit der Eroberung durch den IS großteils zum Erliegen gekommen. „Irgendwann ist nichts mehr da, was man besteuern kann“, sagt Bente Scheller. Die Frage ist nur, wie lange das dauert.

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