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Islamistischer Terror : Wie finanziert sich der IS?

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Das Geschäft ist lukrativ, weil es im Bürgerkriegsgebiet ausreichend Abnehmer gibt, wie Beobachter aus der Region erzählen: Rebellengruppen sind genauso auf Treibstoff angewiesen wie die lokale Bevölkerung; selbst das Assad-Regime und die kurdischen Peschmerga, die den IS eigentlich bekämpfen, sollen den Terroristen schon Öl abgekauft haben. Über Mittelsmänner kommt es auch in den Nachbarländern auf den Markt. Solange der Bürgerkrieg andauert, dürfte diese Einnahmequelle kaum versiegen.

„Der IS kontrolliert nicht die ganze Lieferkette“

Ganz ohne Hindernisse ist das Ölgeschäft des IS allerdings nicht: Viele Ingenieure, die einst für die Ölfirmen arbeiteten, sind geflüchtet. Um die Quellen weiter bewirtschaften zu können, müssen die Terroristen entweder die wenigen verbliebenen durch Drohungen zur Arbeit zwingen – oder mit hohen Gehältern neue Arbeitskräfte ins Kriegsgebiet locken, was umso schwieriger wird, je unerträglicher die Lage in den umkämpften Gebieten ist. Mit der Zeit werden die Quellen dadurch weniger ertragreich. Auch Luftangriffe russischer oder amerikanischer Kampfjets bringen die Produktion immer wieder zum Erliegen.

Weil der IS als terroristische Organisation keinen Zugang zum Weltmarkt hat, muss er das Öl mit hohen Preisabschlägen in der Region verkaufen oder über umständliche Schmuggelrouten außer Landes bringen. Dabei verlangt jeder Mittelsmann seinen Anteil. „Der IS kontrolliert nicht die ganze Lieferkette“, sagt Terrorforscher Jake Shapiro. Das schmälert die Erträge. Umso schlimmer, wenn der Ölpreis dann auch noch so niedrig ist wie im Moment. Für ein echtes Staatswesen dürften die Erträge aus dem Ölgeschäft also auf Dauer kaum ausreichen, zudem nach den Anschlägen von Paris auch die Franzosen begonnen haben, die IS-Infrastruktur mit aller Macht zu bekämpfen.

Doch das Ölgeschäft ist bei weitem nicht die einzige Einnahmequelle des IS. „Sie verfolgen ein diversifiziertes Geschäftsmodell“, sagt die Terrorexpertin Louise Shelley von der George Mason University in Washington D.C. „Wenn eine Einkommensquelle austrocknet, kann eine andere die Verluste auffangen.“ Dazu gehören auch Geschäfte wie die Erpressung von Lösegeld, der Verkauf gestohlener Antiken oder der Menschenhandel, für die der IS immer wieder in den Schlagzeilen landet. Allerdings tragen sie nach Ansicht vieler Experten einen eher geringen Anteil zum Umsatz bei. „Diese Einkommensquellen sind erratisch“, sagt Terrorforscher Shapiro.

Schutzgelderpressung und Raubzüge

Ganz anders die quasistaatlichen Strukturen des IS, neben dem Ölgeschäft die lukrativste Geldquelle der Terroristen. Bis zu acht Millionen Menschen leben in den IS-Gebieten, eine erkleckliche Basis für Enteignungen, Schutzgelderpressung und Zwangssteuern auf Einkommen. „Die Auspressung der Menschen in seinem Herrschaftsgebiet ist eine sehr wichtige Finanzquelle für den IS“, sagt Bente Scheller, Büroleiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut, die den IS seit Jahren beobachtet.

Die Möglichkeiten zur finanziellen Ausbeutung sind vielfältig: Neben hohen Steuern auf Einkommen und Unternehmertum erpresst der IS zum Beispiel Schutzgeld von Christen, die auf seinem Gebiet überleben wollen, und kontrolliert den für die Bewohner lebenswichtigen Weizenhandel. Dank ihrer Geheimpolizei haben die Terroristen genaue Informationen über die Vermögensverhältnisse in den unterschiedlichen Gebieten. Wer sich der Besteuerung entziehen will, dessen Vermögen wird einfach ganz konfisziert. Hinzu kommen die Erträge aus den Beutezügen während der Eroberung neuer Gebiete.

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