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Terror-Brüder : Gemeinsam in den Tod

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Khalid und Ibrahim el Bakraoui sprengten sich in Brüssel in die Luft, mindestens 31 Menschen starben, über 260 wurden verletzt. Bild: dpa

Brüssel, Paris, Boston: Bei islamistischen Terrorangriffen sind auffällig oft Geschwister unter den Attentätern. Warum sich so häufig Brüderpaare für den Dschihad begeistern – und sie gemeinsam in den Tod gehen.

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          Als sich Khalid El Bakraoui am Dienstag um kurz nach neun Uhr in einem Metroabteil im Brüsseler Europaviertel in die Luft sprengte, folgte er seinem älteren Bruder in den Tod. Ibrahim El Bakraoui hatte eine Stunde zuvor in der Ankunftshalle des Flughafens Zaventem ebenfalls einen Selbstmordanschlag verübt.

          Es ist nicht das erste Mal in der jüngeren Geschichte des islamistischen Terrors, dass sich Geschwister dem Dschihad anschließen. Auffällig oft sind es Brüderpaare, die sich gemeinsam radikalisieren, in Syrien ausgebildet werden und kämpfen oder als Attentäter den „Heiligen Krieg“ gegen Ungläubige auf europäischem oder amerikanischem Boden führen. Statt reiner „Glaubensbrüder“ wie die Propagandaschriften des IS ihre Kämpfer oft nennen, sterben dann echte Familienangehörige.

          Auch Brahim und Salah Abdeslam, Franzosen mit algerischen Wurzeln, sollten gemeinsam in den Tod gehen. Brahim, 31 Jahre alt, sprengte sich im November 2015 am Café Comptoir Voltaire in der Pariser Innenstadt in die Luft. Sein 26 Jahre alter Bruder Salah sollte es ihm gleich tun. Vor dem vollbesetzten Stade de France machte er aber einen Rückzieher, entsorgte seinen Sprengstoffgürtel und war bis kurz vor den Anschlägen in Brüssel auf der Flucht. Und die Liste lässt sich fortsetzen: Said und Cherif Kouachi, Attentäter auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo. Dschochar und Tamerlan Zarnajew, die Sprengsätze beim Boston-Marathon im April 2013 deponierten. Oder Wail und Waleed al Shehri sowie Ahmed und Hamza al Ghamdi, Flugzeugentführer bei den Anschlägen auf das World Trade Center. Allesamt Brüder – und allesamt gemeinsam zu Islamisten radikalisiert.

          Cherif Kouachi (l.) und sein Bruder Said Kouachi waren am Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ beteiligt.

          Gleicher Effekt auch beim Suizid

          Warum es so oft Geschwisterpaare sind, die für den IS kämpfen, diese Frage kann Norbert Leygraf beantworten. Der Gerichtspsychiater versucht zu ergründen, was sich im Kopf radikalisierter Islamisten abspielt. Er hat die Schuldfähigkeit von 31 islamistischen Terroristen in Deutschland untersucht, darunter die Sauerland-Gruppe. Auch aktuell betreut er einen Fall, in dem sich zwei Brüder gemeinsam für den Dschihad begeistern ließen. Und seine Antwort fällt vergleichsweise simpel aus: „Es ist ein generelles Phänomen, dass Geschwister oft sehr ähnliche Verhaltensweisen zeigen.“ Was er meint: Wird der Bruder Anwalt oder Arzt, wird das häufig auch der andere. Wird der Bruder Attentäter, sprengt sich auch der andere mit einer größeren Wahrscheinlichkeit in die Luft.

          Bei den Boston-Attentätern strebte der ältere Bruder Tamerlan Zarnajew nach einer Boxkarriere. Als sich diese zerschlug, wurde er Islamist. Wäre er erfolgreich gewesen, würde nun vielleicht auch der jüngere Dschochar statt im Gefängnis auf die Todesstrafe zu warten, im Ring um Erfolge kämpfen - „und wie der große Bruder Boxweltmeister werden wollen“, vermutet Leygraf. Diese „Erbkomponente“ zeige sich auch dann, wenn ein Familienmitglied in die Kriminalität abrutscht, oder wenn ein Geschwisterteil Suizid begeht.

          Said und Cherif	Kouachi stürmten im Januar 2015 schwer bewaffnet das französische Satire-Magazin „Charlie Hebdo“

          Aktuelle Studien über die Gefolgschaft des IS stützen diese Erklärungen. „70 bis 80 Prozent der neuen Rekruten kommen aus der Verwandtschaft oder aus dem Freundeskreis von Kämpfern“, sagt Nils Böckler, Mitarbeiter am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld, und bezieht sich dabei auf Arbeiten von Islamismusforschern. Er selbst untersucht ebenfalls, unter welchen Umständen sich Menschen zu Gewalttätern radikalisieren lassen.

          Böcklers Untersuchungen zeigen, dass die familiäre Verbundenheit weit wichtiger ist als die Herkunft: Islamistische Extremisten kommen meist zwar alle aus ärmeren Verhältnissen - wenngleich es auch Dschihadisten mit Abitur und Studium gibt, stecken in einer beruflichen Perspektivlosigkeit, verteufeln Staat und Obrigkeit. Doch: „Trotzdem liefert die soziale Rückmeldung eine deutlich bessere Erklärung für die gemeinsame Radikalisierung“, sagt Böckler. Meist ist es ein dominanter Bruder aus der Familie, der sich für einen neuen, ideologisierten Lebensweg entscheidet. Böckler sagt: „Oft sind es Krisenereignisse, die solche Menschen aus der Bahn werfen. Durch die Ideologie bekommen sie dann eine neue Zielvorstellung für ihr Leben.“ Mit dem Eintritt in eine solche Szene nimmt dieser dann neue Werte an, lebt sie zuhause aus. Diese Veränderung bemerkt das andere Geschwisterteil. „Der andere Bruder ist meist jemand, der nach Orientierung sucht“, sagt Böckler. Und dann die Verhaltensweisen der bereits ideologisierten Familienmitglieds annehme.

          Dabei sei oft sogar egal, in welche Szene der Betroffene abgleitet: „Er spürt fortan Vertrauen und es stellt sich ein Wohlbefinden ein, von dem er sich immer weiter mitreißen lässt.“ So entsteht eine gefährliche Dynamik, aus der sich keiner mehr lösen kann. Und das bei Brüdern noch weit stärker ist als im Bekanntenkreis.

          Tamerlan und Dschochar Zarnajew	deponierten 2013 Sprengsätze beim Boston-Marathon. Dschochar (rechts) konnte festgenommen werden. Er wurde zum Tode verurteilt.

          Wer welchen Part unter den Terrorbrüdern einnimmt, kann mit dem Alter alleine nicht erklärt werden. Wichtiger sei wie gefestigt eine Persönlichkeit ist, sagt Böckler. Auch Leygraf kennt Beispiele, bei denen nicht der ältere, sondern zunächst der jüngere Bruder zum Islam konvertiert ist. Oder bei denen sich einer nicht so weit radikalisiert hat wie das andere Familienmitglied: „Bei einem Fall ist der Bruder des Terroristen, der ein Bombenattentat vorbereitete, lediglich ein strenger Salafist“, erzählt Leygraf.

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