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Unterwegs in Paris : Angst in der Stadt der Liebe

Die Stätten der Attentate sind noch immer Orte des stillen Gedenkens Bild: Reuters

In Paris wartet der Weihnachtsmarkt auf die Besucher, die jedes Jahr zu Tausenden in die Stadt strömen. Doch in diesem Jahr sind die Champs-Elysées so leer wie noch nie. Die Angst sitzt tief.

          5 Min.

          Französischer Herbst. Es riecht nach Glühwein und gerösteten Kastanien. Hunderte weiße Bretterbuden säumen die Champs-Elysées. Aus Lautsprechern dudelt Musik. „Willkommen auf dem schönsten Weihnachtsmarkt der Hauptstadt“, sagte die Bürgermeisterin zur Eröffnung. Es war gerade erst dunkel geworden, die Abendluft noch ungewöhnlich lau, Champagner-Gläser wurden gereicht. Es war der 13. November. Niemand ahnte, dass in ein paar Stunden Terroristen die Hauptstadt heimsuchen werden.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          „Fluctuat nec mergitur“ ist der Wappenspruch der Stadt Paris. Sie schwankt, aber wird nicht untergehen. Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin, sagt das nun jeden Tag. Sie ist zur Wiedereröffnung des Weihnachtsmarktes an die Champs-Elysées gekommen. Sie sagt, das Leben müsse weitergehen, und nippt an einem Glühwein. Ein Mädchen kauft Zuckerwatte, die in Frankreich „Papas Bart“ heißt. Es freut sich, dass es nicht Schlange stehen muss. Soldaten mit Gewehren schlendern vorbei. Die Verkäuferin am Stand mit französischen Käsespezialitäten seufzt: „So leer war es noch nie.“

          Die Bürgermeisterin hat gesagt, die Angst vor neuen Anschlägen dürfe nicht siegen, und lädt alle Bürger zum Weihnachtsmarktbummel ein. „Wir haben Hunderte von Überwachungskameras installiert und zusätzliche Wachmänner engagiert“, sagt Marcel Campion, der Betreiber. Das Riesenrad an der Place de la Concorde dreht sich auch wieder. Im vergangenen Jahr hatten 15 Millionen Menschen den Weihnachtsmarkt besucht, darunter viele Touristen. Wie viele werden sich dieses Jahr auf die Champs-Elysées trauen?

          Ausnahmezustand: Soldaten vor dem Louvre Bilderstrecke

          Frankreich ist im Krieg, bekundet der Präsident, dessen Palast nur einen Steinwurf entfernt liegt. „Jedes Mal, wenn ich das Wort Krieg höre, bin ich niedergeschlagen“, sagt Christian Mantei, der Generaldirektor von „Trumpf Frankreich“, der staatlichen Tourismusbehörde. Er glaubt, dass ein Rückgang der Besucherzahlen unvermeidlich ist. „Aber müssen wir wirklich von Krieg reden?“

          „Das Urlaubsziel Frankreich droht in Frage gestellt zu werden“

          Seit vielen Jahren ist Frankreich das mit Abstand beliebteste Reiseland der Welt, vor den Vereinigten Staaten von Amerika und Spanien. Außenminister Laurent Fabius hatte sich vorgenommen, die 100-Millionen-Besucher-Hürde zu nehmen. Doch jetzt wird daraus vermutlich nichts. „Paris est une fête“, Paris ist ein Fest, haben die Franzosen Ernest Hemingsways Hommage auf ihre Stadt („Paris is a moveable feast“) übersetzt. Generationen von Besuchern haben in diese Stadt ihre Sehnsüchte nach einem leichten, freien, genießerischen Leben projiziert. Aber Kalaschnikows und Sprengstoffgürtel passen nicht zum Mythos der Stadt der Liebe.

          „Je häufiger wir das Wort Krieg in den Mund nehmen, umso mehr machen wir den Touristen Angst“, sagt Evelyne Maes vom Arbeitgeberverband der Hoteliers (UMIH). „Das Urlaubsziel Frankreich droht in Frage gestellt zu werden, genauso wie bereits Ägypten und Tunesien.“ Die staatliche Investitionsbank BPI hat angekündigt, dass sie die fälligen Zinszahlungen für Kredite in der Hotelbranche um sechs Monate aufschiebt. Das soll den Hoteliers helfen, die Durststrecke zu überstehen. Auch die Restaurants und Cafés leiden unter der Kriegsstimmung, die von der Regierung verbreitet wird. Premierminister Manuel Valls warnte jetzt sogar in der Nationalversammlung vor „chemischen und bakteriologischen Waffen“, die von den Terroristen eingesetzt werden könnten. „Da habe ich sofort neue Stornierungen kommen sehen“, sagt Maes.

          Die Statue von Charles de Gaulle vor dem Grand Palais steht im Regen, süßliche Glühweinschwaden vom Weihnachtsmarkt ziehen vorbei. Auf den Sockel sind die berühmten Worte des Generals geschrieben: „Paris verwundet, Paris gebrochen, Paris gemartert – aber Paris befreit.“ Krieg, das war ein Wort, vor dem sich der Republikgründer hütete. 1,7 Millionen Franzosen wurden zwischen 1954 und 1962 an die Front in den drei Départements auf algerischen Boden entsendet, 25000 fielen, aber dennoch durfte nur von „den Ereignissen“ gesprochen werden. Offiziell gibt es den „Krieg“ in Algerien erst seit 1999, als die Nationalversammlung einem entsprechenden Gesetzentwurf zustimmte.

          Die Erfolgsformel der Weltmeister von 1998: Weiß, schwarz, arabisch

          21 Uhr 20. Das war die Uhrzeit, zu der sich der erste Selbstmordattentäter am Stade de France in die Luft sprengte. Am Freitag ist es der Zeitpunkt, an dem überall in Paris Kerzen entzündet werden, in Restaurants und Cafés, in Wohnzimmern und auf der Straße. Die Initiative geht von Schauspielern und Künstlern aus. „Die Mörder des Islamischen Staates haben unser Leben angegriffen. Sie wollen, dass unser Licht erlischt. Wir sagen nein“, sagt Charles Aznavour, der in seinen Chansons die französische Lebensfreude besungen hat. Der Eiffelturm leuchtet im Blau-Weiß-Rot der Nationalfahne. An den französischen Mittelschulen soll der Lateinunterricht abgeschafft werden, aber an die berühmtesten Sehenswürdigkeit von Paris lässt die Bürgermeisterin „Fluctuat nec mergitur“ schreiben. Vor dem Stade de France haben sich 3000 Menschen mit weißen Rosen versammelt.

          Der Bürgermeister von Saint-Denis, der Kommunist Didier Paillard, liest die Namen der 129 Opfer der Terroranschläge vor. 1998 wurde das gerade eingeweihte Stadion zur Siegesarena für die freudentaumelnde Nation, als Frankreich im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft Brasilien mit 3:0 schlug. Jetzt ist es das Symbol von Trauer, Schrecken und Verunsicherung. Der Fußballweltmeister zweifelte damals nicht. „Blanc, black, beur“, weiß, schwarz, arabisch, lautete die Erfolgsformel für die Nationalelf.

          Das schien auch für den Zusammenhalt in der Einwanderungsgesellschaft zu stehen. Fortan aber begegnen viele einander mit Misstrauen. „Hand in Hand“ lautet ein Versuch, sich gegen die Furcht zu stemmen. Über die sozialen Netzwerke haben sich Zigtausende von Parisern unter diesem Stichwort verabredet, sich jeweils um 21 Uhr 20 die Hand zu reichen, zusammenzustehen gegen die Angst.

          Leute meiden öffentliche Verkehrsmittel, Kaufhäuser sind halbleer

          „Wehrhaft“ hat der Präsident die Franzosen genannt, und das klang ein bisschen verstaubt. Der Alltag spricht eine andere Sprache. Noch nie gab es so viele Staus um die Hauptstadt wie in den Tagen nach den Terroranschlägen. 530 Kilometer meldet die nationale Straßenwacht, statt der üblichen 237 Kilometer. Die Leute meiden die öffentlichen Verkehrsmittel. Die Kaufhäuser am Boulevard Haussmann, „Les Galeries Lafayette“ und „Le Printemps“, haben etwa die Hälfte ihrer Kundschaft seit den Attentaten verloren, meldet die Presse. Das berühmte Restaurant „Bofinger“ unweit der Bastille war in den vergangenen Tagen halb leer.

          Im Internet werden die Pariser dazu aufgerufen, alle ins Bistro („Tous au bistrot“) zu gehen. Der Chef der Comédie-Française, Éric Ruf, sagt: „Wer Theater liebt, liebt das Leben.“ Er will, dass alle so weiterleben wie bisher, dass sie ausgehen und sich vergnügen, dass sie ein Glas Rotwein trinken und tanzen, Rockmusik hören und lachen. „Lass uns die Dschihadisten narren, die in Paris die Hauptstadt der Perversion sehen“, plädiert er.

          Aber geht das? Im Museum am Quai Branly steht eine Frau mit dunklem Kopftuch am Rednerpult. Sie heißt Latifa Ibn Ziaten, sie ist Muslimin und stammt aus Marokko. „Ich bin stolz, Französin zu sein, ich verdanke Frankreich alles“, sagt sie. François Hollande sitzt vor ihr und nickt.

          „Wir müssen die Gettos öffnen“

          Der Terrorist Mohamed Merah, der erste in der inzwischen langen Reihe von französischen Dschihadisten, hat 2012 ihren Sohn ermordet. Imad Ibn Ziaten hatte nur sein Motorrad verkaufen wollen, Merah erschoss ihn, weil er in der französischen Armee als Soldat diente. „Imad war stolz, die französische Uniform zu tragen“, erinnert sich die Mutter und sagt: „Er ist aufrechten Hauptes gestorben.“ Merah hatte ihrem Sohn befohlen, sich auf den Boden zu knien, aber er weigerte sich. Der Mutter kullert eine Träne über die Wange.

          Seit drei Jahren müht sie sich, der Radikalisierung in den von jungen Muslimen bevölkerten Vorstädten entgegenzuwirken. Für diesen Einsatz hat sie den Preis der Chirac-Stiftung „zur Konfliktprävention“ verliehen bekommen. „Frankreich geht es schlecht“, sagt sie statt einer Danksagung. Ihre fünf Kinder habe sie „in Würde“ und „im Glauben an die republikanischen Werte“ erzogen. „Aber schauen Sie sich die Schulen an. In den Klassenzimmern sind 95 Prozent der nordafrikanischen Kinder unter sich. Sie können sich nicht integrieren, sie können Frankreich nicht lieben“, sagt sie. „Wir müssen die Gettos öffnen“, sagt sie. Es verwundere sie nicht, sagt sie, dass sich auch junge Frauen in islamistische Selbstmordattentäterinnen verwandeln. „Ich habe Mütter gesprochen, die ihre Kinder im Hass auf Frankreich erziehen.“

          Die Moschee von Paris mit dem 30 Meter hohen filigran verzierten Minarett ist seit 90 Jahren das Wahrzeichen des Islams in der Hauptstadt. Der Rektor der Moschee, Dalil Boubakeur, hatte seine Glaubensbrüder aufgerufen, am Freitag „Nein zum Terrorismus“ zu sagen und vor der Moschee zu demonstrieren. Doch in letzter Minute wurde die Versammlung abgesagt. „Für die Sicherheit kann nicht garantiert werden“, sagt Boubakeur.

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