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IS-Dokumente aufgetaucht : Alles nach Unrecht und Ordnung

IS-Kämpfer auf einem von den Terroristen selbst verbreiteten Bild Bild: AP

Das BKA hat aus dem Besitz des „Islamischen Staats“ Unterlagen über deutsche Kämpfer erlangt. Sie erlauben den tiefen Einblick in eine Behörde des Terrors.

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          In den ersten Zeilen geht es um Banales, um Angaben, die man für Personalbögen eben so braucht. Nach dem Familiennamen wird gefragt, nach dem Geburtsdatum und dem Familienstand. Das kleine Behörden-ABC. In Zeile 15 kommt dann die Frage, ob man schon Erfahrung mit dem Dschihad hat. Der Befragte gibt an: nein. Es folgt die Frage, was er im „Islamischen Staat“ (IS) werden möchte.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Der Befragte sagt: Kämpfer. Der Befragte soll Abdelkarim B. sein, ein deutscher Islamist. Im Februar 2015 wurde er bei der Einreise nach Deutschland am Düsseldorfer Flughafen festgenommen. Der Personalbogen soll angeblich ausgefüllt worden sein, als er in das vom IS kontrollierte Gebiet in Syrien eingereist ist, aufgenommen von der „General-Grenzverwaltung“ der Terrormiliz. Auch das Datum der Einreise ist vermerkt: 17. September 2013.

          Tiefer Einblick in die Behörde des Terrors

          Sein Personalbogen ist nur einer von mehreren, die über unbekannte Umwege aus den Unterlagen des IS in den Besitz des Bundeskriminalamts (BKA) gelangt sind. Das berichtet die „Süddeutsche Zeitung“ zusammen mit NDR und WDR, sie veröffentlichte auch eine Abbildung des Fragebogens von Abdelkarim B. Ein Sprecher des BKA bestätigte der F.A.Z., dass man Kenntnis von solchen Fragebögen habe. Es handle sich mit „hoher Wahrscheinlichkeit um echte Papiere“. Sie würden nun im Rahmen der Strafverfolgung und Gefahrenabwehr berücksichtigt.

          Die Fragebögen sind äußerst umfangreich, die Datensammler des IS haben auch den Kampfnamen der Einreisenden aufgenommen, den Heimatort – im Fall von Abdelkarim B. ist Frankfurt angegeben – und die Telefonnummer der Familie zu Hause, für die Benachrichtigung im Falle des Todes. Insgesamt gibt es 23 Zeilen. Auch besondere Fähigkeiten sollen vermerkt sein – in einem Fall laut dem Bericht: „Hat chemische Kenntnisse.“ So ermöglichen es die Personalbögen den Ermittlern nun nicht nur, die Identität der Registrierten so gut wie zweifelsfrei festzustellen, sondern sie ermöglichen auch tiefen Einblick in die Behörde des Terrors.

          Dass der IS sich nicht nur großspurig „Staat“ nennt, sondern wie ein Staat handelt, der auch kleinste Verwaltungsdetails regeln will, war den Sicherheitsbehörden schon länger bekannt. Auch, dass es eine Art Registrierung an der Grenze zu dem vom IS kontrollierten Gebieten geben könnte. Als Meilenstein bei der Aufhellung der IS-Strukturen gilt der Fund des Archivs von Adnan Ismael Nadschm, den ein irakisches Sondereinsatzkommando im Juni 2014 in Mossul erschoss. Der IS-Führer mit dem Kampfnamen Abdel Rahman al-Bilawi galt als zweiter Mann in der Hierarchie der Terrormiliz. Ermittler fanden bei ihm eine Vielzahl von Datenträgern mit einer umfangreichen Dokumentation der IS-Verwaltung.

          Auch ein Terrorstaat lebt vom Vertrauen

          Fein säuberlich führt die Terrormiliz Buch über Einnahmen durch Öl- und Goldverkauf und Ausgaben für Waffen oder für das erstaunlich ausdifferenzierte Sozialsystem, in dem es Heiratshilfen für „Brüder“ gibt oder für Angehörige von getöteten „Gotteskriegern“ Hinterbliebenenrenten. Der eigentliche Schatz des al-Bilawi aber waren Listen, auf denen minutiös alle Daten von IS-Kämpfern aus beinahe aller Welt zusammengefasst sind. Auch auf eine Kartei mit Selbstmordattentätern stießen die irakischen Ermittler damals. Auch die Namen von Freunden oder Angehörigen, die nach dem „Märtyrertod“ zu benachrichtigen sind, finden sich auf den Bögen.

          Auch ein Terrorstaat lebt vom Vertrauen. Und deshalb gibt es im IS sogar ein Bürgen-System für selbsternannte Gotteskrieger und wildentschlossene Selbstmordattentäter beispielsweise aus Europa. In der Rolle eines Bürgen taucht Christian Emde in den Papieren auf, die nun den deutschen Ermittlern vorliegen. Der 1984 geborene Emde stammt aus dem Dschihadisten-Milieu von Millatu Ibrahim in Solingen. 2011 wurde Emde gemeinsam mit einem Freund festgenommen, als er nach Großbritannien einreisen wollte, denn die Polizei hatte in ihrem Gepäck Bombenbau-Pläne und dschihadistisches Propagandamaterial gefunden.

          Ein Gericht verurteilte die beiden Männer zu mehreren Monaten Haft, beide wurden dann aber schon bald nach Deutschland abgeschoben. Emde gelang es schließlich, nach Syrien auszureisen, wo er sich dem IS anschloss. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Emde, der sich mittlerweile Abu Qatada nennt, erst durch ein Interview, das der Publizist und ehemalige Bundestagsabgeordnete Jürgen Todenhöfer im Dezember 2014 in Mossul mit ihm führte.

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