https://www.faz.net/-gpf-8bxc3

Terrorwarnung in München : Mia san mia

  • -Aktualisiert am

In der Silvesternacht sichern Polizisten den Münchner Hauptbahnhof. Bild: Reuters

In der Silvesternacht wurde in München eine Geschichte aus Lebenslust und Behauptungswillen geschrieben. Auf das Aufatmen folgten viele Fragen – Fragen, die auch noch einige Zeit unbeantwortet bleiben dürften.

          7 Min.

          War es ein Tanz auf dem Vulkan? In der Neujahrsnacht, als die ersten Terrorwarnungen eintrafen, ließen sich die meisten Münchner nicht beirren. In den Gasthäusern und Clubs der Stadt wurde weiter gefeiert und geschwoft; auch auf den privaten Silvesterpartys wurde weiter geplaudert und gescherzt. Der Prosecco und das Tiramisu schmeckten noch – auch wenn es in den Hinterköpfen pochte: Was passiert da gerade? Die Twittermeldungen über die Räumung des Hauptbahnhofs und des Bahnhofs im Stadtteil Pasing, die Meldungen auf den Portalen der Zeitungen, die Fernsehnachrichten konnten schwerlich auf Dauer ignoriert werden – und schon gar nicht die Polizeikonvois, die sich mit blitzendem Blaulicht den Weg in die Innenstadt bahnten.

          Aber angesichts der Bedrohung einfach zu verstummen, sich der Lebensfeindlichkeit zu beugen, gerade am Beginn eines neuen Jahres? Nein, lautete die entschlossene Antwort in München. Und nein, es war kein Tanz einer vergnügungssüchtigen Menge auf dem Vulkan. Es war ein Aufbegehren gegen eine Unkultur des Todes, welche die islamistischen Terroristen in die Städte Europas, in das Herz der westlichen Zivilisation, tragen wollen. Deutlicher hätte das Zeichen der Stärke nicht ausfallen können: Die Münchner demonstrierten, dass sie ihr Leben nicht von Terroristen bestimmen lassen wollen. Und zugleich zeigte ihr Staat Stärke – mit einem Großaufgebot der Polizei, das binnen Minuten an den Bahnhöfen zur Stelle war und für Sicherheit sorgte. In dieser Nacht wurde eine Geschichte aus Lebenslust und Behauptungswillen geschrieben.

          München : Minister sieht Terror-Gefahr auch nach Entwarnung

          Ihren Anfang nahm diese Geschichte am Silvesterabend gegen 19.40 Uhr. Die Münchner Polizei erreichte zu dieser Zeit über das Bundeskriminalamt eine Warnung französischer Sicherheitsdienste, die seit den Anschlägen in Paris mit allen verfügbaren Mitteln auf der Spur islamistischer Terroristen sind. Sehr konkret war die Warnung aus Frankreich: Eine Gruppe von fünf bis sieben Terroristen syrischer und irakischer Herkunft seien im Auftrag der Terrororganisation „Islamischen Staat“ (IS) auf dem Weg, sich in München um Mitternacht mit Sprengstoff in die Luft zu sprengen und möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reißen. Auch mögliche Anschlagsziele wurden benannt: der Münchner Hauptbahnhof und der Bahnhof im Stadtteil Pasing im Westen Münchens. Und es wurden Namen und andere persönliche Daten genannt – von der Hälfte der Mitglieder der Terrorgruppe.

          Im Münchner Polizeipräsidium wurde sofort ein Krisenstab gebildet. Es wurden der Polizeipräsident Hubertus Andrä und der bayerische Innenminister Joachim Herrmann, die auf privaten Silvesterfeiern waren, informiert; beide machten sich auf den Weg ins Präsidium. Die Warnung aus Frankreich gewann noch besondere Brisanz dadurch, dass sich die Angaben mit Hinweisen eines amerikanischen Dienstes deckten. Optionen wurden erwogen: Alle Silvesterfeiern auf öffentlichen Straßen und Plätzen, in Restaurants und Clubs unterbinden? Die Stadt gleichsam lahmlegen?, wie es später Andrä formulierte. Oder sich auf die Räumung der Bahnhöfe zu beschränken, im Vertrauen auf die Exaktheit der Warnung?

          Der Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä spricht am Freitagmittag auf einer Pressekonferenz.
          Der Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä spricht am Freitagmittag auf einer Pressekonferenz. : Bild: Andreas Müller

          Die Entscheidung fiel schließlich, wie es Andrä nannte, für einen „chirurgischen Eingriff“: Die Bahnhöfe wurden geräumt und gesperrt. Die bayerische Polizei zeigte dabei, wie gut sie vorbereitet ist, außergewöhnliche Sicherheitslagen zu beherrschen. Obwohl nach Feiertagsdienstplänen gearbeitet wurde, stand eine starke Reserve bereit, darunter auch Spezialeinheiten, die mit Schnellfeuerwaffen und schwerer Schutzkleidung ausgerüstet waren. Die beiden Bahnhöfe konnten sehr schnell evakuiert werden. Fernzüge wurden umgeleitet, die S-Bahnen fuhren ohne Halt durch. Es gelang, jede Panik unter den Reisenden und Bahnhofsbesuchern zu vermeiden. Zugleich wurden zusätzliche Polizeikräfte aus dem Süden Bayerns nach München beordert, um vorbereitet zu sein, sollten Terroristen an anderen Stellen zuschlagen.

          Weitere Themen

          Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt Video-Seite öffnen

          Heimatort der Großeltern : Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt

          Anfangs sahen die Einwohner von Kallstadt in Rheinland-Pfalz die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten mit großem Interesse, denn Trumps Vorfahren stammen aus dem Winzerdorf. Inzwischen scheint das Interesse allerdings erlahmt zu sein. Ein Stimmungsbild kurz vor der Präsidentenwahl Anfang November, bei der sich Trump zur Wiederwahl stellt.

          Jetzt ist auch für den Tourismus Schluss

          Lockdown am Königssee : Jetzt ist auch für den Tourismus Schluss

          2500 Gäste mussten bis 14 Uhr den Landkreis Berchtesgadener Land verlassen. Bergbahnen und Ausflugsschiffe stehen still. Bei den Einheimischen macht sich Wut breit – über all jene, die den Lockdown durch ihr sorgloses Verhalten provoziert haben.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson in 10 Downing Street

          Doch wieder Brexit-Gespräche : Sie verhandeln auf der roten Linie

          London und Brüssel verhandeln nun doch weiter über eine künftige Partnerschaft. Aber reichen drei Wochen mehr Zeit aus, um die Gräben zu überwinden? Fest steht: EU-Chefunterhändler Michel Barnier hat wenig Spielraum.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.