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Terrorhelfer Abdeslam : Der Logistiker des Massenmords

Salah Abdeslam auf seinem Fahndungsfoto Bild: Reuters

Mit der Festnahme des Terrorhelfers Salah Abdeslam ist den Ermittlern ein Durchbruch gelungen. Dabei spielten auch deutsche Behörden in Ulm eine entscheidende Rolle.

          3 Min.

          Mit der Festnahme des „meistgesuchten Mannes Europas“ im Brüsseler Stadtteil Molenbeek ist den Ermittlern gut vier Monate nach den Attentaten von Paris ein entscheidender Durchbruch gelungen. Die politische Dimension der Festnahme des franko-belgischen Terroristen Salah Abdeslam machte der französische Präsident François Hollande sofort deutlich, indem er sich am Freitagabend umgehend in das Büro des belgischen Regierungschefs Charles Michel in Brüssel zu Beratungen begab.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Drei Mitglieder der Familie, die Salah Abdeslam Unterschlupf gewährten, sowie ein weiterer Verdächtiger wurden am Freitag ebenfalls festgenommen. Dieser hatte nach Angaben der  Staatsanwaltschaft in den vergangenen Monaten einen falschen syrischen Pass auf den Namen Monir Ahmed Allaj und einen falschen belgischen Personalausweis benutzt, der auf den Namen Amine Choukri ausgestellt war. Choukris Fingerabdrücke waren bei einer  Polizeikontrolle am 9. September in Ulm genommen worden. Dort war er in Begleitung von Salah Abdeslam gewesen. Die Informationen der deutschen Polizei lieferte den Brüsseler Kollegen das Bindeglied zwischen beiden Personen.

          Der 26 Jahre alte Abdeslam diente den Terrorkommandos vom 13. November nach Erkenntnissen der Ermittler als Logistiker. Auf seinen Namen wurden die Fahrzeuge angemietet, mit denen die Terroristen von Brüssel nach Paris und am Abend des 13. November zu den Anschlagsorten in Saint-Denis und im 10. Arrondissement von Paris fuhren. Mit Abdeslams Kreditkarte wurden auch die beiden Hotelzimmer im Pariser Vorort Alfortville reserviert, in denen die Terroristen vor den Anschlägen übernachteten. Abdeslam soll auch den Sprengstoff angemischt und abgefüllt haben. In der Nähe von Paris kaufte er später in einem Supermarkt die Zünder.

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          Geflüchtet, anstatt sich in die Luft zu sprengen

          Die Ermittler rätseln noch, warum Salah Abdeslam im Gegensatz zu seinem 31 Jahre alten Bruder Brahim nicht seinen Sprengstoffgürtel aktivierte, sondern flüchtete. Brahim Abdeslam sprengte sich vor dem Restaurant „Comptoir Voltaire“ in die Luft, wie durch ein Wunder wurde außer ihm niemand getötet. Salahs Sprengstoffgürtel wurde hingegen in einem Mülleimer in dem Vorort Montrouge gefunden. In der Nacht wurde sein Mobiltelefon in der Nähe, in Châtillon, geortet. Die Ermittler fanden heraus, dass Salah zwei Freunde aus Molenbeek anrief und diese anflehte, ihn so schnell wie möglich in Paris abzuholen. Mohamed Amri, 27 Jahre alt, und Hamza Attou, 21 Jahre, trafen am 14. November um 5.27 Uhr in Paris ein. Salah kannte sie aus der Bar seines Bruders, „Les Béguines“, eines bekannten Umschlagplatzes für Rauschgifthändler in Molenbeek.

          Auf abenteuerliche Weise gelang den drei Männern die Flucht nach Belgien. In Cambrai gerieten sie in eine Polizeikontrolle, fielen auf, weil sie Haschisch geraucht hatten. Aber die französischen Beamten ließen sie mit der Bemerkung passieren, an diesem Tag sei illegaler Rauschgiftkonsum das kleinere Übel. Die belgischen Behörden hatten Abdeslam zwar wegen eines Ausreiseversuchs nach Syrien im Sommer 2015 als Gefährder eingestuft, hatten diese Information jedoch nicht an die französischen Behörden weitergegeben. Die Pannenserie bei der Fahndung nach Abdeslam sollte sich zunächst fortsetzen. Bei einer Durchsuchung am 10. Dezember in einer Wohnung im Brüsseler Viertel Schaerbeek stießen die Ermittler auf Fingerabdrücke Abdeslams. Offenbar war dieser kurz zuvor entkommen, er soll sich in Schaerbeek drei Wochen lang versteckt haben. Abdeslam war nach Informationen aus französischen Polizeikreisen dann in der Wohnung im Brüsseler Stadtteil Forest untergetaucht, die am Dienstag von einem belgisch-französischen Ermittlerteam durchsucht wurde.

          Ende einer langen Suche: Großeinsatz der Polizei im Brüsseler Stadtteil Molenbeek am Freitag.
          Ende einer langen Suche: Großeinsatz der Polizei im Brüsseler Stadtteil Molenbeek am Freitag. : Bild: dpa

          Abdeslam war einer der beiden Männer, denen zunächst die Flucht gelang – bis er am Freitag gefasst wurde. Auf der Flucht soll Salah Abdeslam leicht am Knie verletzt worden sein. Der Anwalt der Pariser Opferfamilien, Jean Reinhardt, sagte am Freitag, die Festnahme sei eine große Erleichterung für die Familien der 130 Todesopfer. Jetzt könne ein Gerichtsprozess stattfinden und den Familien ermöglichen, ihre Trauerarbeit zu beenden. Über den am Dienstag beim Polizeieinsatz im Brüsseler Stadtteil Forest getöteten Algerier Mohamed Belkaid wurde inzwischen bekannt, dass er vermutlich die Terrorkommandos in Paris von Brüssel aus koordinierte. Belkaid soll am 17. November der Kusine des Drahtziehers Abdelhamid Abaaoud 750 Euro überwiesen haben. Abaaoud plante weitere Anschläge, bevor er bei einem Polizeieinsatz getötet wurde.

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