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Anschlag in der Türkei : Die Heimsuchung

Der Wirtschafts- und Tourismismussektor schrumpft in der Türkei immer weiter. Der IS hat einen Nerv im Zentrum der Vitalität getroffen. Bild: dpa

Vier Terroranschläge in Istanbul und zwei in Ankara zeigen, wie verwundbar das Land geworden ist. Plumpe Verschwörungstheorien helfen nicht weiter. Um den Terror zu stoppen, muss Ankara gen Westen blicken. Ein Kommentar.

          In Momenten wie diesen rückt die Welt zusammen. Denn der Terror kann heute jeden an fast jedem Ort treffen: vor drei Monaten auf dem Flughafen von Brüssel, jetzt auf dem in Istanbul, vor ein paar Wochen in einer Bar in Orlando. Die Antwort kann nur lauten, jenseits aller Meinungsverschiedenheiten gemeinsam die Terroristen zu bekämpfen und entschlossen gegen sie vorzugehen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Auch wenn die Sicherheitsvorkehrungen noch so umfassend sind, und in Istanbul sind sie mindestens genauso gut wie an anderen großen Flughäfen, so muss man doch zugestehen: Wollen Terroristen „weiche“ Ziele angreifen, kann man sie nicht immer daran hindern.

          Mit Anschlägen wie dem in Istanbul will der „Islamische Staat“ die Illusion am Leben erhalten, dass er noch immer in der Offensive sei. In Syrien und im Irak schrumpft jedoch sein Territorium, seine Finanzen trocknen langsam aus, die Zahl der Deserteure wird größer. Um den Überlebenskampf zu kaschieren, startete der IS eine virtuelle Gegenoffensive über Twitter und eine blutige des Terrors in Ländern, die sich am Krieg gegen ihn beteiligen.

          Anschlag auf Atatürk hat zwei Botschaften

          Mit dieser Strategie nähert der IS sich dem Vorgehen von Al Qaida. Der Auftrag kann nur lauten, die Metastasen des islamistischen Terrors in Syrien und im Irak zu beseitigen, in Libyen und im Jemen sowie in westlichen Gesellschaften, in denen der IS Anhänger findet und Kämpfer rekrutiert.

          Da viele Kampfflugzeuge der Anti-IS-Koalition von der türkischen Luftwaffenbasis Incirlik starten, ist die Türkei seit mehr als einem Jahr im Visier des IS. Seit Monaten nimmt die Propaganda des IS gegen die Türkei zu. Wiederholt wurde gewarnt, dass jederzeit ein Anschlag verübt werden könne.

          Mit dem Anschlag in Istanbul am zweiten Jahrestag der Ausrufung des „Islamischen Staats“ als „Kalifat“ verbindet der IS zwei Botschaften: Zum einen bekräftigt er den Anspruch, das einzige „Kalifat“ zu sein; denn noch immer blicken viele Muslime wehmütig auf Istanbul als den letzten Sitz des – 1924 von Atatürk aufgelösten – letzten Kalifats. Zum anderen zielt der Anschlag auf die Vitalität einer Metropole, die nicht nach dem Rhythmus der fünf Gebete des Islams tickt, sondern auch nachts nicht stillsteht.

          Instabilität an der Stelle von Vitalität?

          Der Terror des IS trifft den Nerv der Türkei. Sollten die Menschen aus aller Welt fernbleiben, die Touristen ebenso wie die Kunstschaffenden, würde der Terror das kreative Zentrum der Türkei lähmen. Istanbul und die ganze Türkei drohten immer mehr zu werden wie die Städte und Länder im Nahen Osten, in denen der Terror zum Alltag gehört. Dann träte Instabilität an die Stelle von Vitalität.

          Der Terror gefährdet auch die wirtschaftlichen Grundlagen der Türkei, die bis vor kurzem noch ein Star unter den Schwellenländern war. Das Wachstum flacht aber ab, die Touristen bleiben weg: erst die aus Russland, selbst wenn nach der Einigung der Präsidenten Putin und Erdogan der Reiseverkehr wieder in Gang kommen dürfte, seit dem Beginn der Terrorwelle in diesem Jahr immer mehr auch die aus Deutschland. Die beiden stellten die Hälfte aller Urlauber. Heute stehen viele Hotels leer. Unter denen, die vom Tourismus leben, macht sich Unzufriedenheit breit.

          Der Anschlag von Istanbul macht abermals deutlich, dass die IS-Mörder keinen Unterschied zwischen Muslimen und Nichtmuslimen machen. Auch in dem den Muslimen heiligen Fastenmonat Ramadan schrecken sie nicht vor Terror zurück. Seit Al Qaida ist der islamistische Terror ein weltweites Phänomen.

          Türkei griff nicht immer konsequent gegen den IS durch

          Dass er in der Türkei stärker zuschlägt als in anderen Ländern, hat mit der türkischen Politik in den vergangenen Jahren zu tun. Noch vor zwei Jahren war die Türkei von Terror weitgehend verschont gewesen. Heute wird die Türkei von den Folgen ihrer Politik in Syrien und gegenüber den Kurden eingeholt.

          In Syrien war der Türkei zunächst jedes Mittel recht, wenn es nur dem Ziel diente, den Machthaber Assad rasch zu stürzen. Auch als der IS mit mehreren tausend „Schläferzellen“ in der Türkei eine Infrastruktur aufgebaut hatte und die Türkei selbst bedrohte, sah Ankara weiter in den Kurden die größere Gefahr.

          Die Türkei setzte alles daran, ein Zusammenwachsen der drei kurdischen Kantone jenseits der Grenze zu verhindern, und drückte gegenüber dem IS, der die Kurden in Schach halten sollte, weiter die Augen zu. Als die türkischen Sicherheitskräfte den Kampf gegen den IS aufgenommen hatten, sorgten andere Teile des Staatsapparats weiter dafür, dass Abschnitte der Grenze zu Syrien für den IS offen blieben.

          Zusammenarbeit gegen den Terror als einzige Lösung

          Als verhängnisvoll erweist sich zudem die Entscheidung der Führung in Ankara, den Friedensprozess mit den Kurden zu beenden. So haben die Zerstörung kurdischer Städte durch die Armee und der Tod vieler Zivilisten ein Umfeld geschaffen, in dem der kurdische Terror wieder auflebte.

          Kein anderes Land wird in diesem Jahr vom Terror heimgesucht wie die Türkei. Vier Terroranschläge in Istanbul und zwei in Ankara zeigen, wie verwundbar das Land geworden ist. Plumpe Verschwörungstheorien werden die Türkei nicht aus dieser Lage führen. Vielmehr dürfte nicht zuletzt eine enge Zusammenarbeit mit Europa, so wie sich die bereits in der Eindämmung des Flüchtlingsstroms weitgehend bewährt hat, auch den Strom des Terrors stoppen.

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