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Terrorangst in Brüssel : Eine gelähmte Stadt

  • -Aktualisiert am

Sicherheitskräfte in Brüssel in einer Einkaufspassage Bild: dpa

In Belgiens Hauptstadt Brüssel gilt weiterhin die höchste Terrorwarnstufe. Schulen und Universitäten bleiben geschlossen, die U-Bahn fährt nicht. Fieberhaft sucht die Polizei nach möglichen Attentätern. Gefahndet wird nicht nur nach Salah Abdeslam.

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          Sonntag ist in Brüssel Markttag - normalerweise. Doch an diesem kühlen Novembertag ist in der belgischen Hauptstadt nichts normal. Am Südbahnhof, wo sich Sonntag für Sonntag Hunderte Händler und Zehntausende von Kunden aus aller Herren Länder tummeln, herrscht gespenstische Ruhe. Gepanzerte Armeefahrzeuge, bis auf die Zähne bewaffnete Polizisten und Fallschirmjäger bestimmen nicht nur dort das Straßenbild. Auch der Markt auf dem 15 Gehminuten vom Südbahnhof entfernten Hauptplatz des Stadtteils Molenbeek-Saint-Jean fällt aus.

          Schon seit den mörderischen Anschlägen auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt in Paris im Januar patrouillieren ständig Soldaten in Brüssel. Vor den EU-Institutionen, zahlreichen Botschaften, aber auch jüdischen Einrichtungen mustern seither jeweils zwei schwerbewaffnete Fallschirmjäger die Passanten. Zuletzt galt Terrorwarnstufe 3, die zweithöchste von insgesamt vier.

          Seit Samstagmorgen ist in Brüssel und dem nördlichen Industrievorort Vilvoorde, wo bis vor kurzem etliche Jugendliche als Syrienkämpfer angeworben worden sind, sogar die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen worden. Galt zuvor ein Anschlag als „möglich und wahrscheinlich“, so wird seither die Bedrohung als „ernst und unmittelbar“ eingeschätzt. Belgiens Premierminister Charles Michel, der wenig später vor die Kameras tritt, spricht unter Hinweis auf nicht näher erläuterte „relativ genaue Informationen“ vom Risiko eines Attentats mit Schusswaffen und Sprengstoff nach dem Muster der jüngsten Pariser Anschläge. „Man spricht also von einer Bedrohung, die sich auf eine Hypothese bezieht, bei der mehrere Personen mit Waffen und Sprengstoff Aktionen einleiten, vielleicht so gar an mehreren Stellen und zur gleichen Zeit.“

          Polizei vor dem belgischen Parlamaet in Brüssel
          Polizei vor dem belgischen Parlamaet in Brüssel : Bild: AP

          Mögliche Ziele seien Einkaufszentren und -straßen, öffentliche Verkehrsmittel und - allgemein - Ereignisse mit Menschenaufläufen. Mehr will Michel auch auf bohrende Nachfragen nicht verraten. „Aus Sicherheitsgründen kann es nicht den geringsten Kommentar geben“, sagt der liberale Politiker. Eindringlich ruft er die Bevölkerung zu Wachsamkeit auf, aber auch dazu, nicht in Panik zu verfallen.

          Sportveranstaltungen und Konzerte fallen aus

          Einheimische und Touristen tun sich schwer, mit der lähmenden Situation zurechtzukommen. Auf dem von Barockbauten gesäumten Grand-Place im Stadtzentrum ist an diesem Wochenende bereits ein Weihnachtsbaum aufgestellt und geschmückt worden. Gleichzeitig hat Brüssel den U-Bahnverkehr eingestellt, Sportveranstaltungen und Konzerte fallen aus. Viele Läden schließen die Pforten. Museen sind unzugänglich. Die Behörden haben die Gastronomie aufgefordert, am Samstag bereits um 18 Uhr ihre Pforten zu schließen. Wer wollte, konnte trotzdem öffnen. Doch viele der an Wochenenden besonders belebten Gaststätten ringsum den Grand-Place liegen verlassen da.

          Wer sich nun in Brüssel aufhält, muss sich mit ungewohnten Begriffen vertraut machen. „Ocam“ - auf Französisch - und „Ocad“ - auf Niederländisch - sind die Kürzel, die für jenes Gremium von Sicherheitsfachleuten stehen, das regelmäßig - auch am Sonntag - Risikobewertungen vornimmt und die Terrorwarnstufe festlegt. Das „Krisenzentrum“ ist eine bisher ebenfalls kaum bekannte öffentliche Einrichtung, die fortlaufend über neue Erkenntnisse zur Lage berichtet und bei der Anrufer weitere Informationen und Ratschläge erbitten können. Das tun stündlich bis zu 400 Menschen. Schließlich gibt es den „Nationalen Sicherheitsrat“, der am Sonntagabend abermals tagte und in dem Regierungschef Michel eine Reihe von Ministern, aber auch Vertreter von Staatsanwaltschaft, Polizei und Nachrichtendiensten um sich schart. In dieser Sitzung wurde beschlossen, dass die höchste Terrorwarnstufe auch weiterhin gilt. Damit bleiben auch am Montag die Schulen und Universitäten in Brüssel geschlossen, die U-Bahn fährt nicht. „Wir werden die Lage morgen Nachmittag neu bewerten“, sagte Michel am Sonntag. Das Ziel sei, so schnell wie möglich zu einem normalen Leben zurückzufinden.

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