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Terrorangst in Brüssel : Eine gelähmte Stadt

  • -Aktualisiert am
Salah Abdeslam ist immer noch auf der Flucht
Salah Abdeslam ist immer noch auf der Flucht : Bild: Reuters

Innenminister Jan Jambon hatte sich etwas auskunftsfreudiger gegeben als Michel. Gefahndet werde nicht nur nach Salah Abdeslam, einem aus der zuletzt häufig auch als „Drehscheibe“ für Dschihadisten bezeichneten Gemeinde Molenbeek stammenden 26 Jahre alten Mann mit marokkanischen Wurzeln und französischem Pass. Er soll nach Erkenntnissen der Ermittler in die Pariser Anschläge verwickelt sein. Sein älterer Bruder Brahim hatte sich dort selbst in die Luft gesprengt. Salah Abdeslam kehrte hingegen nach den Anschlägen nach Brüssel zurück, wo sich seine Spur verloren hat. „Es handelt sich um mehrere Verdächtige. Deshalb haben wir eine derartige Konzentration von Mitteln auf den Weg gebracht“, erläutert Jambon im flämischen Fernsehsender VRT. Konkreter wird er nicht. Dafür schießen Meldungen und Gerüchte ins Kraut.

Suche nach zehn schwer bewaffneten Personen

Der Bürgermeister der Brüsseler Gemeinde Schaerbeek, Bernard Clerfayt, erklärt am Sonntag: „Es gibt zwei Terroristen in der Region, die zu sehr schweren Straftaten in der Lage sind. Der französische Nachrichtensender France Info berichtet dagegen über eine Gruppe von rund zehn Personen, die schwer bewaffnet seien und gleichzeitige Attacken an mehreren Stellen in Brüssel, aber auch in der umgebenden Region Flandern planten.

Immer wieder taucht der Name Salah Abdeslam auf. Minister Jambon sagt, der Mann sei in Paris gewesen, um einen Anschlag zu verüben: „Wir wissen nicht, warum das nicht ganz so gekommen ist. Aber er war wohl zu einem Kamikazeauftrag bereit.“ Drei Mal sollen das Fahrzeug und die drei Insassen, unter ihnen Abdeslam, auf dem Weg nach Brüssel am vergangenen Wochenende kontrolliert worden sein - ohne Festnahme, weil Abdeslam zu diesem Zeitpunkt noch nicht offiziell verdächtigt wurde, aber auch weil offenbar die französischen Polizisten nicht über die in Belgien seit längerem vorliegenden Erkenntnisse verfügten. Die Anwältin eines der beiden noch am vergangenen Samstag festgenommenen Begleiter ließ jetzt wissen, ihr Mandant habe Abdeslam, der während der Fahrt nach Brüssel möglicherweise einen Sprengstoffgürtel getragen habe, als „extrem nervös“ erlebt - auch wenn er bei den Kontrollen „sehr ruhig“ erschienen sei.

„In letzter Sekunde hat er sich zum Rückzug entschieden“

Am Sonntagmittag tritt der ältere Bruder von Salah und Brahim Abdeslam im französischsprachigen belgischen Fernsehsender RTBF auf. Der 31 Jahre alte Mohamed Abdeslam, Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung von Molenbeek, ist am vergangenen Wochenende vorübergehend in Polizeigewahrsam genommen, dann aber rasch freigelassen worden. Nun sagt er, die Familie wünsche, dass sich Salah stelle. Vor sechs Monaten habe er eine Veränderung im Verhalten seiner Brüder festgestellt. Dass sie einen gesunden Lebenswandel gepflegt, weniger getrunken sowie von Zeit zu Zeit eine Moschee besucht hätten, sei doch nicht „direkt ein Zeichen der Radikalisierung“. Sie hätten auch nicht jene Sprache gesprochen, die darauf hindeute. Aus Mohamed Abdeslams Worten spricht die Hoffnung, dass sich sein Bruder in Paris im letzten Moment eines Besseren besonnen haben könnte. Er sagt: „Salah ist sehr intelligent. In letzter Sekunde hat er sich zum Rückzug entschieden. Er hat gesehen, dass etwas nicht mit dem, was er erwartete, übereinstimmte. Und er ist zurückgewichen. Ich erinnere daran, dass wir zum derzeitigen Zeitpunkt immer noch nicht wissen, ob er wirklich getötet, ob er wirklich dort war.“

Die Fahndung nach Salah Abdeslam, aber auch nach anderen mutmaßlichen radikalislamischen Terroristen läuft derweil in Brüssel auf Hochtouren. Die Hoffnung, das zumindest die U-Bahnen am Montag wieder fahren würden, bestätigte sich nicht. Justizminister Koen Geens verweist darauf, dass Vorbereitungen zur besseren Bewachung und Sicherung der Bahnhöfe liefen. Es geht in außergewöhnlichen Zeiten darum, ein Stück Normalität zu wahren. „Wir werden Brüssel wirtschaftlich nicht lahmlegen“, sagt der christlich-demokratische Politiker.

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