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Terror in Frankreich : Der Verführer

  • -Aktualisiert am

Diese von Dschihadisten verbreitete Aufnahme soll Rachid Kassim zeigen. Bild: AFP

Bei den Ermittlungen gegen mutmaßliche Terroristen in Frankreich taucht immer wieder ein Name auf: Rachid Kassim. Wer ist der Mann, der so erfolgreich Heranwachsende radikalisiert?

          In den vergangenen Wochen sind in Frankreich mehrere junge mutmaßliche Terroristen festgenommen worden und immer wieder tauchte dabei ein Name auf: Rachid Kassim.

          Die 19 Jahre alte Französin, die das Auto ihres Vaters mit Gasflaschen belud und vor Notre Dame abstellte, soll Kontakt zu Rachid Kassim gehabt haben. Mit zwei weiteren jungen Frauen soll sie einen Anschlag geplant haben. In einem Abschiedsbrief erklärte sie, für den Dschihad sterben zu wollen. In und bei Paris wurden darauf drei 15 Jahre alte Jungen wegen Terrorverdachts festgenommen. Und auch sie verbindet der Name Rachid Kassim. Allen dreien soll er über den verschlüsselten Nachrichtendienst Telegram geschrieben haben. Ebenso wie den beiden Angreifern, die Ende Juli einen Priester in Saint-Etienne-du-Rouvray ermordeten.

          Öffentlich bekannt seit Attentat in Nizza

          Zum ersten Mal öffentlich in Erscheinung trat Kassim wenige Stunden nach dem Attentat in Nizza. In einem Propagandavideo des „Islamischen Staats“ beglückwünscht er den Attentäter Mohamed Lahouaiej-Bouhlel. Seitdem wird sein Name immer wieder genannt, er wird in den Medien als Drahtzieher und Indoktrinator beschrieben, der junge Franzosen und Französinnen radikalisiert und zu Attentaten anstachelt.

          Der französische Autor und Journalist algerischer Herkunft Mohamed Sifaoui schreibt: „Seine Rolle besteht darin, aufzuhetzen, zu ermutigen und zu versuchen ein Angstklima in den sozialen Medien zu schaffen, indem er fragile und orientierungslose Menschen manipuliert, in der Hoffnung, dass sie sich dann zu Terroristen berufen fühlen. Er erreicht damit offensichtlich vor allem Heranwachsende und junge Mädchen.“

          Kassim ist Sohn algerischer Einwanderer und lebte in Roanne, knapp 400 Kilometer südöstlich von Paris. Er war im Sozialzentrum der Stadt angestellt, wurde allerdings entlassen, als er erste Anzeichen der Radikalisierung zeigte. Ebenso erging es ihm in der Moschee in Roanne. Auch dort wurde er verstoßen, nachdem er versucht hatte, Jugendliche anzuwerben, und von Paradies und Dschihad sprach. So erzählte es der Verantwortliche der Moschee, Abdennour Bentoumi, dem Fernsehsender Franceinfo.

          Pseudonym „L'oranais“

          Unter dem Pseudonym „L’oranais“ veröffentlichte Kassim ein Rap-Album. Der Name ist zweideutig: Einerseits ist ein Bürger aus Oran, der zweitgrößten Stadt Algeriens, ein „Oranais“, andererseits wird auch ein mit Aprikosen belegtes Croissant als „Oranais“ bezeichnet.

          Ein Text des Amateur-Rappers lautet: „Ich bin ein Terrorist, weil sich mir die Körper meines Volkes eingeprägt haben. Ihr verurteilt mich, aber eure Soldaten terrorisieren mich“. Das Lied entstand, bevor Kassim 2012 Frankreich verließ, um mit seiner Frau – einer französischen Konvertitin – und seinen Kindern nach Syrien auszureisen. Französische Medien gehen davon aus, dass er selbst über soziale Netzwerke und während eines Besuchs in Algerien 2011 radikalisiert wurde. In seiner Familie soll Religion zuvor keine große Rolle gespielt haben.

          Bis 2015 verbreitete Kassim über Facebook Propaganda des „IS“ unter dem Pseudonym Ibn Qassim. Die Seite existiert inzwischen nicht mehr. Nun tritt er den Erkenntnissen französischer Ermittler zufolge über den Nachrichtendienst Telegram mit radikalisierten französischen Heranwachsenden in Kontakt.

          Sein genauer Aufenthaltsort ist nicht bekannt. Er befindet sich vermutlich irgendwo im syrisch-irakischen Hoheitsgebiet des IS. Laut einem Bericht der französischen Nachrichtenagentur AFP  vermuten die Ermittler allerdings, dass seine Verbindungen zum IS eher lose sind. „Er handelt außerhalb der offiziellen Linie des Islamischen Staates“, zitiert die Nachrichtenagentur aus Ermittlerkreisen. Wie die Festnahmen der vergangenen Wochen zeigen, scheint er damit allerdings sehr erfolgreich zu sein.

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