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Terror in Europa : Tod oder Liebe?

Das Konzert der „Eagles Of Death Metal“ im Pariser Bataclan wurde im November von Terroristen angegriffen. Im Februar holte die Band das Konzert nach und Sänger Jesse Hughes warf Kusshände in die Menge. Bild: AFP

Ist die Liebe stärker als der Tod? Wäre es nicht so, hätten die Terroristen die schärfste Waffe ergriffen und müssten siegen.

          Ist die Liebe wirklich stärker als der Tod? Ist es nicht umgekehrt? Das Leid der Opfer von Brüssel (und das der Terroropfer auf der ganzen Welt), das Leid der Verletzten, der Angehörigen und der Hinterbliebenen geht gewiss vielen Menschen zu Herzen. Aber Beileid ist kein Leid. Der Terror stiftet Mitgefühl, Bestürzung, Angst und Schrecken. Doch kann man den Schrecken, wenn man ihn denn heranlässt, aus der Ferne immerhin ertragen. Fürwahr unerträglich jedoch ist der Tod eines Menschen, den man liebt. Und noch viel mehr, wenn er durch ein ruchloses Verbrechen aus dem Leben gerissen wird. Ist es also nicht die Liebe, die den Tod erst unerträglich macht? The pain of losing family... – was diese Zeile wirklich bedeutet, weiß nur, wer erlitten hat, wovon sie singt. Die Hand des Todes ist kälter, viel kälter als Eis.

          Die meisten Menschen werden dergleichen für unpolitisch halten. Politik erscheint ihnen als öffentliche, also nicht private Sache. Nichts anderes bedeutet „res publica“: die öffentliche Sache. Und obwohl wir in einer Zeit besonders aufgeheizter Debatten leben, werden viele dazu neigen, Fragen wie die, ob die Liebe stärker sei als der Tod, je nach Standpunkt als vor- oder nachpolitisch abzutun. Die ersten und die letzten Fragen haben in der Politik nichts verloren – das ist ein gut begründeter, meist aber unausgesprochener Konsens politischer Debatten. Und es macht gar nichts, das ständig dagegen verstoßen wird. Solange man nur daran glaubt.

          Und dennoch: ob die Liebe wirklich stärker ist als der Tod, ist eine zutiefst politische Frage. Wahrscheinlich ist sie sogar die politischste aller Fragen. Es bedarf keiner Terroristen, um sie aufzuwerfen. Doch so oder so, sie tun es. Denn für Terroristen und vor allem für ihre Hintermänner, ihre Inspiratoren und Befehlshaber, ist der Tod nichts weiter als ein Werkzeug der Politik. Sie wollen Angst und Schrecken ausbreiten wie eine Epidemie. Und nichts verbreitet so viel Angst, so tiefen Schrecken wie der Tod. Wäre er stärker als die Liebe, gäbe es wirklich kein Kraut, das gegen ihn gewachsen ist, dann müssten die Terroristen siegen. Denn sie hätten ja die stärkste Waffe ergriffen. Sie selbst aber kann der Tod nicht besiegen, denn offenkundig fürchten sie ihn nicht.

          Little sister don’t shed no tears.

          Nun ist das noch zu kurz gegriffen, denn es sind ja nicht nur Terroristen, die den Tod als Werkzeug nutzen. Der Tod ist die ganze Menschheitsgeschichte hindurch als politisches Werkzeug genutzt worden; müsste man, Clausewitz weiterdenkend, statt des Kriegs nicht den Tod den Vater aller Dinge nennen? Menschen schlagen einander im Zorn den Schädel ein, das ist private Kriminalität, doch Staaten und Politiker – und nicht nur die Staatsverbrecher unter ihnen – nutzen den Tod als durchschlagendes Minuszeichen in einer Arithmetik des Schreckens: Wer mehr Gegner tötet als er eigene Soldaten (und auf beiden Seiten auch Zivilisten) einbüßt, wer mehr Leben nimmt, gewinnt gewöhnlich. So lautete jedenfalls bis weit ins zwanzigste Jahrhundert die Rechnung. Aber nicht nur Militärs, auch Revolutionäre, Putschisten und Diktaturen setzen sich durch, indem sie ihre Gegner töten. Hinter jedem Attentat steckt diese Arithmetik des Schreckens: die Spekulation mit einer Rechnung, die aufgeht. Das hat tiefe Spuren des Leids in unzählige Leben, in die Menschheitsgeschichte gegraben.

          Good friends we’ve had and good friends we’ve lost...

          Und doch.

          Und doch hat das Böse nicht gesiegt. Es hat die Welt nicht seiner Logik unterworfen. Die meisten Menschen wollen nicht töten. Sie wollen nicht ihr Leben wegwerfen, um andere Leben zu vernichten. Sie wollen in Frieden mit ihren Nachbarn leben. Und viele Menschen leben jetzt doch in helleren Zeiten, auf der ganzen Welt, trotz alledem und alledem. Die meisten Smartphones auf der Welt werden nicht genutzt, um Bluttaten vorzubereiten. Sondern zum Beispiel, um Musik zu hören – Musik und Texte, die unablässig, unwiderstehlich, mit einer unfassbaren, kaum bemerkten Riesenkraft eine kulturelle Globalisierung vorantreiben, Menschen und Herzen öffnen, mörderische Gegensätze überwinden. Warum ist das so? Weil Menschen lieben. Weil sie teilen. Weil doch so viel Gutes in ihnen steckt. Die Liebe ist stärker als der Tod.

          In this great future you can’t forget your past / so dry your tears I say.

          Der Tod löscht Menschen aus, für immer. Sie kehren nicht zurück. Das ist so furchtbar, so unfasslich. Vor allem für jene, die sie geliebt haben. Der Tod löscht Menschen aus, aber er kann sie nicht ungeschehen machen. In alle Ewigkeit nicht.

          Die kursiven Sätze in diesem Text stammen aus der Adaption eines Welthits von Bob Marley durch Wyclef Jean. Sie sind durchdrungen von Schmerz und Zuwendung, sie verleugnen nichts, verwischen nichts, vertrösten nichts.

          So dry your tears I say / no woman no cry.

          No woman no cry.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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