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Terror in Europa : Die Ohnmacht gegenüber dem Einsamen Wolf

  • -Aktualisiert am

In Nizza sitzt der Schock nach dem Attentat tief. Der französische Geheimdienst hatte den Einzeltäter nicht auf dem Radar gehabt. Bild: dpa

Die Politik sollte sich von der Vorstellung lösen, dass feste Organisationen hinter Anschlägen stecken. Die Täter von Nizza, Würzburg und Orlando waren Einzelkämpfer. Das bringt neue Herausforderungen mit sich. Ein Gastbeitrag.

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          Leben wir im freien Europa mitten in einem oder gar in einem ganz neue Zeitalter des Terrorismus? Wird das Leben hier wie in Israel, wo die Menschen mit dem Bewusstsein leben, dass überall Gefahr droht? Die Lastwagen-Attacke am französischen Nationalfeiertag auf der Prachtmeile in Nizza vom 14. Juli, der mehr als 80 Menschen zum Opfer fielen, könnte schnell zu dieser Schlussfolgerung führen. Offenbar hat der Täter aus radikal-islamistischen Motiven gehandelt. Er fühlte sich wohl durch andere islamistische Einzeltäter der jüngsten Zeit inspiriert, so makaber das klingen mag.

          Aus rationaler Perspektive eigentlich paradox: Zu den Opfern gehörten auch zahlreiche Muslime. Nun hat ein jugendlicher Afghane in einem Regionalzug bei Würzburg Reisende mit einer Axt angegriffen und verletzt. Bei dem Flüchtling fand sich eine handgemalte Flagge der Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“, weshalb man von einem Terrorakt sprechen muss.

          Politikwissenschaftler Florian Hartleb
          Politikwissenschaftler Florian Hartleb : Bild: Florian Hartleb

          Es gibt derzeit zwei Formen des Terrorismus: das terroristische Netzwerk, wie es in Paris und Brüssel zugeschlagen hat. Und den Einzeltäter, den sogenannten einsamen Wolf. Dieser Typus ist offenbar in der westlichen Welt im Moment populär, wie die jüngsten Fälle besonders drastisch zeigen. Schon seit Jahren ist immer wieder davon die Rede, dass die islamistischen Terrororganisationen, erst Al Qaida und dann der so genannte „Islamischen Staat“ (IS), zu Terrorakten aufrufen, die kleine Zellen oder sogar „Einsame Wölfe“ begehen sollen.

          Letztgenannte sind Einzeltäter, die agieren, ohne direkt zu einer Terrororganisation zu gehören und einer Hierarchie unterworfen zu sein. Anschläge mit Fahrzeugen gelten generell als perfide und waren in dieser Form nicht mitten in Europa, sondern aus anderen Weltregionen bekannt. Ob die Attentäter letztlich Überzeugungstäter sind, ob sie sich tatsächlich für die Weltherrschaftsansprüche der Dschihadisten interessieren, ja sogar, ob sie überhaupt gläubige Muslime sind – all das spielt für die IS-Führung längst keine Rolle mehr. Sie verordnet via Internet quasi Terror als „Mitmach-Ereignis für jedermann“, vor allem für Menschen aus arabischen Ländern, die ihrem verpfuschten Leben in den westlichen Gesellschaften einen Sinn verleihen wollen. Motivation sind fanatischer Ehrgeiz, Frust und Radikalisierung, woraus eine „persönliche Kränkungsideologie“ entsteht. Diese führe dazu, dass sich die Täter dabei „selber schulen“. Es zeigt sich jetzt: Der geschwächte IS schlachtet die Trittbrettfahrer für seine Propaganda aus.

          Vom radikalisierten Außenseiter zum Terrorist

          Der Begriff des „einsamen Wolfes“ wird immer wieder synonym für Eigenbrötler, Individualist, Außenseiter, Underdog oder Einzelkämpfer gebraucht. Ein wesentliches Merkmal der „einsamen Wölfe“ scheint zu sein, dass sie eine Phase der eigenen Radikalisierung neuerdings via Internet und soziale Medien erfahren. Isoliert von der Gesellschaft, scheinen sie heute ihre Taten minutiös planen zu können. Der Einsame-Wolf-Terrorismus ist das Produkt der Selbstradikalisierung eines Individuums, die von einer im Einzelfall zu gewichtenden Mixtur aus persönlichen Kränkungen und politisch-ideologischen Motiven ausgelöst wird. Im Unterschied zum Amoklauf ist dieser Terrorismus politisch motiviert.

          Bisher wurde der Spezies der politisch motivierten Mehrfach- und Intensivtäter zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Denn nicht einmal zwei Prozent aller terroristischen Anschläge gehen auf das Konto von „einsamen Wölfen“, wobei die Häufung in den Vereinigten Staaten signifikant ist. Amerikanische Behörden führten die Bezeichnung auch in den 1990er Jahren ein. Zuletzt hat im Juni ein Täter in Orlando ein Massaker an Homosexuellen veranstaltet. Auch er bekannte sich zum IS.

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