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Terror-Handbuch : Der Baukasten des Dschihadismus

Made in Britain: Der Youtube-Henker des IS, Mohammed Emwazi (1988-2015) alias „Jihadi John“ Bild: dpa

Der Fall Jaber Albakr zeigt: Der Terror ist unter uns. Ein aufschlussreiches Handbuch mit gleichem Titel ist nun erschienen. Der Autor hätte keinen besseren Zeitpunkt wählen können.

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          Als im Sommer dieses Jahres Terroranschläge und Amokläufe in immer kürzerer Folge über Europa hereinbrachen, war Peter R. Neumann fast überall zu sehen. CNN interviewte den deutschen Politikprofessor ebenso wie deutsche Zeitungen und Online-Nachrichtenportale. Mit dem Selbstmord des mutmaßlichen Terroristen Jaber Albakr hat der Medien-Marathon für den Direktor des Internationalen Zentrums für Studien zur Radikalisierung (ICSR) am renommierten Londoner King's College wieder begonnen. Gut, dass der Würzburger die Monate dazwischen nutzen konnte, ein verständliches, klar gegliedertes und zugleich erkenntnisreiches Handbuch über „Dschihadismus und Radikalisierung in Europa“ zu vollenden. Ein Buch, das das jüngste Wissen über Terrorismus und Extremismus auf einen Nenner bringt, ohne sich dabei in Allgemeinplätzen zu verlieren - eine anspruchsvolle Aufgabe angesichts der nur schwer zu beurteilenden Lage innerhalb des „Islamischen Staats“ (IS) und immer neuer Anschläge in Europa, die sicher geltende Erkenntnisse auf den Prüfstand stellen und mitunter über den Haufen schmeißen.

          Neumann stellt sich der Herausforderung. Im ersten Teil seines Buches leitet er fünf Bausteine her, die eine tragende Rolle bei der Radikalisierung von Menschen spielen und sie zu Terroristen oder Amokläufern werden lassen. Für ihn sind es Frust, Drang, Ideen, Leute und Gewalt, die zu einem gefährlichen Amalgam verschmelzen, wenn sich Menschen radikalisieren. Der Versuchung, aus den Bausteinen eine stabile Erklärformel herzuleiten, erliegt der Autor dabei aber nicht. Neumann versteht Radikalisierung als einen Prozess, in dem die Risikofaktoren immer wieder zu ganz unterschiedlichen Terroristentypen führen können – nicht müssen. Das dokumentieren auch die zwei Dutzend Geschichten von Europäern, die sich durch das Buch ziehen und deren Leben nach erfolgter Radikalisierung nicht selten mit dem Tod endet. Sie belegen anschaulich, was Neumann und sein Londoner Forschungsteam in den vergangenen Jahren anhand von Netzrecherchen, über Interviews bis hin zu persönlichen Treffen mit Kämpfern des IS als Erkenntnis gewonnen haben: den „typischen“ Terroristen gibt es nicht.

          In zweiten Teil seines Buches widmet sich Neumann den jüngsten Trends und Diskussionen, die sich im Zuge der dschihadistischen Anschläge in Europa herauskristallisiert haben. Ist der Islam gewalttätiger als andere Religionen, da er am laufenden Band Terroristen hervorbringt? (Nein, aber der Islam steckt in einer tiefen Krise). Ist das Internet dafür verantwortlich, dass sich Menschen aus Westeuropa als Kämpfer für den IS nach Syrien aufzumachen? (Nein, aber es kann Radikalisierungsprozesse beschleunigen). Sind einsame Wölfe eine neues Phänomen? (Nein, und häufig sind sie häufig weder einsam noch allein). Warum zieht der IS sogar Frauen in seinen Bann? (Weil er ihnen – so bizarr das klingen mag – Chancen auf einen vermeintlichen Neuanfang verspricht).

          Welche Handlungsgebote folgen daraus? Neumanns Empfehlungen klingen vertraut. Er plädiert dafür, die Sicherheitskräfte und Nachrichtendienste Europas besser auszurüsten und stärker miteinander zu verzahnen. Die unmittelbare Vorsorge könnte damit verbessert werden, ebenso die Reaktion auf Terroranschläge. Auch Deradikalisierungsmaßnahmen finden sich unter den Empfehlungen. Deutlicher als andere fordert Neumann von den Menschen in Europa, den Anfängen zu wehren. Extremismusprävention, so Neumann, sei in erster Linie eben nicht Terrorismusbekämpfung. Folgerichtig geht es für ihn darum, dass sich junge Muslime als Teil der europäischen Gesellschaften begreifen können, in die sie geboren worden sind. Eine schwierige Aufgabe, bedenkt man, dass sich etwa in Deutschland für eine relative Mehrheit das Deutschsein nach einer Allensbach-Umfrage für diese Zeitung nicht nur über den Pass oder das Bekenntnis zum Grundgesetz, sondern auch über gewachsene Kultur und gemeinsame Herkunft definiert. In der Pflicht sieht Neumann Bürgerinitiativen und Verbände genauso wie Vereine, religiöse Gruppen und Firmen. Von der Politik verlangt der Autor, sich im Nahen Osten klüger, schneller und längerfristiger zu engagieren. Hinsichtlich der Integration muslimischer Menschen in Europa aber sieht er sie nur als Unterstützer. Der Staat kann den Rahmen für die Integrationskräfte der Gesellschaft setzen. Mehr nicht.

          Freilich ist auch Neumann nicht entgangen, dass sich Teile der europäischen Gesellschaften augenblicklich eher in eine gegenläufige Richtung entwickeln. Rechte Protestbewegungen wie Pegida, deren Vertreter häufig genug den Islam pauschal aburteilen, sind für Neumann das Spiegelbild der Dschihadisten. Aus ihrem Wechselspiel droht in Neumanns Augen ein Teufelskreis, an dessen Ende nicht nur das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion auf dem Spiel steht, sondern das europäische Gesellschaftsmodell insgesamt zu scheitern droht. Wer diese Bedrohung nicht ernst nehme, so Neumann, habe nicht verstanden, worum es gehe. Der Titel seines Buches wird damit zu einer Warnung, die deutlich weiter reicht, als man es vor der Lektüre angenommen hätte. Damit ist das Buch auch ein Weckruf für die Mitte der europäischen Gesellschaften.

          Peter R. Neumann: Der Terror ist unter uns. Dschihadismus und Radikalisierung in Europa. Ullstein Verlag, Berlin 2016. 256 S., 19,99 €.

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